Prozess in Berlin

Physiotherapeut wegen sexuellen Übergriffs verurteilt

Aus einer fachmännischen Behandlung wurde plötzlich ein sexueller Übergriff. Der Angeklagte muss nun 9000 Euro Strafe zahlen.

Physiotherapeut Christian G. (28) nötigte im Oktober 2017 im Rahmen einer Behandlung eine Patientin sexuell

Physiotherapeut Christian G. (28) nötigte im Oktober 2017 im Rahmen einer Behandlung eine Patientin sexuell

Foto: Olaf Wagner / BM

Berlin. Janine K. (Name geändert) war völlig arglos, als sie am 16. Oktober vergangenen Jahres einen Bekannten in dessen Wohnung im Ortsteil Hellersdorf aufsuchte. Sie wusste, dass der 28-jährige Christian G. Physiotherapeut ist. Und sie hatte starke Rückenschmerzen. Vereinbart wurde das Treffen über Facebook. Es wurde dann eine Behandlung, die so von der 25-jährigen Postzustellerin auf keinen Fall gewollt war - und die Christian G. wegen sexuellen Übergriffs eine Geldstrafe von 9000 Euro einbrachte.

Christian G. gab die Tat vor einer Moabiter Strafrichterin sofort zu. Janine K., sagte er, habe einen „festen Rücken“ gehabt. Er habe sie zunächst im Wohnzimmer untersucht, dabei auch angehoben und ihren Rücken gedehnt. Anschließend habe er sie gebeten, sich im Schlafzimmer bäuchlings aufs Bett zu legen, weil er sie massieren wolle. Auch hier handelte es sich - nach Aussage von Opfer und Täter - zunächst um eine fachmännische Behandlung. Zwischendurch sprachen sie über Janine K.s Beziehung. Sie erzählte, dass ihr Freund viel arbeiten müsse. Es gebe deswegen Spannungen. Sie wolle mit ihm noch einmal reden und sich, falls auch das nichts bringt, von ihm trennen. Christian G. sagte vor Gericht, er habe das als Ermutigung verstanden, sich der jungen Frau zu nähern.

Janine K.: "Ich dachte, das gehört dazu"

Der wiederum war dieses Vorhaben erst sehr spät aufgefallen. Sie habe sich anfangs nichts dabei gedacht, dass der Physiotherapeut ihren BH öffnete und die Träger herunterstrich, sagte Janine K. Auch als seine massierenden Hände immer weiter nach unten gelangten und sie spürte, wie er an ihrem Stringtanga zog, sei sie noch arglos gewesen. „Ich war noch nie bei einem Physiotherapeuten und dachte, das gehört dazu, damit er mich richtig massieren kann“, sagte sie vor Gericht.

Stutzig wurde sie, als sie zwischen ihren Beinen plötzlich etwas ganz anderes spürte. Im Anklagesatz steht, Christian G. habe die Gelegenheit ausgenutzt, mit der immer noch auf dem Bauch liegenden Patientin mit aller Konsequenz Sex zu haben. Auch das Wort „eindringen“ fällt. Janine K. habe sich jedoch in diesem Moment umgedreht „und verhinderte, dass der Angeklagte mit seinem Tun fortfahren konnte“.

Tatsächlich hatte Christian G. sofort aufgehört, seine Hose wieder hochgezogen und sich mehrfach bei Janine K. entschuldigt. Er hatte die physiotherapeutische Behandlung sogar noch fortgesetzt und dafür zehn Euro kassiert.

Über Facebook Nachrichten ausgetauscht

Vor Gericht ist nicht mehr von „eindringen“ und nur noch von „berühren“ die Rede. Weder die Richterin, noch die Staatsanwältin fragen bei Janine K. genau nach, wie weit der Angeklagte gegangen ist. Thematisiert wird dafür, dass Janine K. und der Angeklagte 2014 schon einmal über Facebook Nachrichten austauschten. Dabei habe ihr der Angeklagte von einem „Fingerspiel“ erzählt, und dass sie wahrscheinlich nicht mitmachen werde. Als sie - immer noch über Facebook - nachfragte, worum es ging, hatte er ihr erklärt, dass sie ihn bei diesem Spiel mit der Hand sexuell befriedigen solle. Das hatte sie damals sofort unmissverständlich abgelehnt. Danach waren derartige Fragen zwischen den Beiden nie wieder thematisiert worden.

Die Richterin sah es dennoch als entlastendes Moment für den Angeklagten: Diese Erfahrung hätte bei dem Opfer „eine erhöhte Wachsamkeit“ auslösen müssen, sagte sie bei der Urteilsbegründung. Es sei „auch nicht von der Hand zu weisen, dass Christian G. angesichts der Gespräche über Janine K.s Partnerschaft davon ausgegangen sei, dass sie seine Vorstellungen vielleicht erwidere. Zugute gehalten wurden Christian G. zudem sein Geständnis und dass er noch nie vor Gericht stand.

„Vernunftbegabte Menschen können Fragen stellen

Die Staatsanwältin beantragte für den Angeklagten acht Monate Haft, ausgesetzt auf Bewährung. Janine K.s Anwältin, die vor Gericht die Nebenklage vertrat, versuchte in ihrem Plädoyer noch einmal die Situation ihrer Mandantin zu erklären: „Es ist immer leicht gesagt, dass sich ein Opfer selber in die Nähe der Gefahr gebracht hat“, sagte sie. „Natürlich darf man auch zu jemanden nach Hause gehen, wenn man sich von ihm helfen lassen will.“ Erst recht, wenn er sich vorher in der Clique, zu der entfernt auch Janine K. gehörte, als Fachmann aufgespielt habe. Sie sehe da schon einen Plan, so die Anwältin. Habe er Janina K. doch erst beim Abschied, als alles passiert war, eine zusammen geklappte Massageliege gezeigt - es hätte also gar nicht der Behandlung auf dem Bett im Schlafzimmer bedurft.

Während der Beweisaufnahme hatte die Anwältin den Angeklagten gefragt, ob es vorher „Küsse oder Ähnliches“ gegeben habe, was ihn hätte ermuntern können, so weit zu gehen. Christian G. hatte das verneint. „Vernunftbegabte Menschen können Fragen stellen oder eine Stimmung erzeugen, so dass der andere die Absicht merkt und die Chance hat zu reagieren“, sagte die Anwältin.

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