Besuch in Marzahn

Giffey und Scheeres fordern mehr Anerkennung für Erzieher

Die Familienministerin und die Senatorin besuchen eine Kita in Marzahn – und betonen den Stellenwert der frühkindlichen Erziehung.

Franziska Giffey (l.) und Sandra Scheeres beim Besuch der Kita „Abenteuerland „in Marzahn

Franziska Giffey (l.) und Sandra Scheeres beim Besuch der Kita „Abenteuerland „in Marzahn

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Kurz bevor die schwarzen Limousinen vor der Kita „Abenteuerland“ in Marzahn vorfahren, versammelt Tim Dersinske seine Kinder noch einmal um sich. In den Räumen stehen überall Menschen in Anzügen und Kameras herum, doch der Erzieher findet noch eine ruhige Ecke. „Wir tun jetzt so, als ob keiner da ist“, erklärt der 24-Jährige den Kindern, „wir machen ganz normal unseren Morgenkreis.“ Die Kleinen nicken. 20 Minuten, dann soll alles vorbei sein. „Aber dann gehen wir raus“, vergewissert sich ein Junge. Versprochen.

Wenige Minuten später steigen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) aus dem Auto. Beide in roter Jacke, schwarzem T-Shirt, schwarzer Hose beziehungsweise schwarzem Rock. Das kann nur abgesprochen sein, ist der erste Gedanke. „Nein“, sagt Sandra Scheeres später. Sie habe auch lachen müssen. Aber sie ziehe diese Farben nun einmal gern an.

Bezahlung für Auszubildende gefordert

Nicht nur in Sachen Outfit ziehen die beiden Politikerinnen an einem Strang. Auch wenn es um den Mangel an Erziehern und die Qualität der Kitas geht, sind sie sich einig. Mehr Anerkennung für den Erzieherberuf, eine höhere Bezahlung und eine Ausbildungsvergütung – das sind ihre Kernpunkte für die Verbesserung der frühkindlichen Bildung.

Erzieher bekommen derzeit laut Tarifvertrag ein Einstiegsgehalt von rund 2600 Euro brutto. Franziska Giffey könnte sich vorstellen, „dass die Erzieher als pädagogische Fachkräfte eine ähnliche Bezahlung wie Grundschullehrer bekommen“, sagte sie am Donnerstag. Aber auch Auszubildende sollen eine Bezahlung bekommen. In Berlin gibt es zwei klassische Ausbildungswege: Eine berufsbegleitende Ausbildung mit Vergütung und eine Ausbildung an Fachschulen ohne Vergütung.

Die Bundesfamilienministerin will mit einem Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz, das noch vor dem Sommer verabschiedet werden soll, die Probleme in den Kitas in den Griff bekommen. 3,5 Milliarden Euro stellt der Bund für die Verbesserung der Kita-Qualität bereit. Sandra Scheeres setzt auf eine Fachkräfte-Offensive in Berlin, die dringend notwendig ist. 10.000 Kitaplätze sind in der Hauptstadt nicht belegt, weil kein Personal für die Betreuung da ist. Für 174.000 Kitaplätze gibt es eine Betriebserlaubnis, nur knapp 164.000 stehen zur Verfügung.

Am Donnerstag waren Franziska Giffey und Sandra Scheeres nach Marzahn gekommen, um sich den Kita-Alltag anzusehen und um konkret nachzufragen, worin die größten Probleme bestehen. Ausgesucht hatten sie sich dafür die Kita „Abenteuerland“ am Altlandsberger Platz in Marzahn – eine Einrichtung, in der 139 Kinder betreut werden und die am Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ teilnimmt. Seit 2016 stärkt das Bundesministerium für Familie mit diesem Programm die sprachliche Bildung, die inklusive Pädagogik sowie die Zusammenarbeit mit Familien in den Kitas. Jährlich stehen bundesweit 200 Millionen Euro für 7000 zusätzliche halbe Fachkraftstellen bereit.

In der Kita angekommen, war Franziska Giffey sofort in ihrem Element. Nah dran am Geschehen, hingehen, zuhören, nachfragen und auch nachhaken, wenn es ungemütlich wird – das hat sie schon als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln so gemacht. Jetzt, als Familienministerin, bleibt sie dabei: Sie will mit den Menschen, mit den Betroffenen ins Gespräch kommen.

Doch zuerst sind Giffey und Scheeres in der Kita zum Morgenkreis eingeladen. Dafür bekommen sie eine Fahrkarte für die dritte Reihe von den Kindern, denn es geht mit der „Abenteuer-Airline“ auf Weltreise. Pilot ist Erzieher Tim Dersinske, der die kleinen und großen Passagiere nach Afghanistan, nach Irland und zurück nach Berlin bringt. Die kleine Asma ist aus Afghanistan, und sie weiß, wie man Feste in ihrem Heimatland feiert. In Irland dreht sich alles um den St. Patricks Day und in Berlin natürlich um den Osterhasen. Er habe ihn letztens weghoppeln sehen, erzählt der Erzieher. „Ich habe ihn nicht gesehen“, bedauert Klara. Er sei wohl viel zu schnell gewesen.

Tim Dersinske wäre beinahe Banker geworden. Nach dem Abitur hat er seinen Bundesfreiwilligendienst gemacht und kam dadurch in die Kita „Abenteuerland“. Das Jahr wollte er nutzen, um einen Ausbildungsplatz zu suchen. Er fand schließlich einen bei der Sparkasse und fing auch dort an. „Ich dachte mir sofort, dass die Kinder mir fehlen werden“, sagt Dersinske. Nach einer Woche brach er die Ausbildung ab. Die Seminare hätten ihm gefallen, aber die Arbeit in der Filiale sei „zu grau“ gewesen. Für ihn stand jetzt fest: Er macht eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher. Das hat er nie bereut. Besonders den Wechsel zwischen Schule und Arbeit, die unmittelbare Umsetzung des Wissens, hat er geschätzt. „Die Praktika in einer Vollzeitausbildung reichen nicht aus“, sagt der Erzieher. Viele würden dann ins kalte Wasser geschmissen.

"In der Kita kannten die Kinder bislang nur Frauen"

Das kann Annegret Zetzsch bestätigen. Sie hat erst eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht. Als ihre Sohn geboren wurde, konnte sie die Arbeitszeiten nicht mehr gewährleisten. Sie entschied sich für eine weitere Ausbildung zum Erzieher. „Wir haben das in der Familie durchgerechnet, und ich konnte mir es nur leisten, weil mein Mann gut verdient“, sagt die 32-Jährige.

Das sei genau das Problem, hakt Franziska Giffey ein. „Es darf nicht sein, dass sich jemand die Frage stellen muss, ob er es sich leisten kann, Erzieher zu werden“, sagt die Ministerin. Deshalb müssten vernünftige Rahmenbedingungen geschaffen werden, zu denen nicht nur eine Vergütung während der Ausbildung gehört, sondern auch, dass Erzieher deutlich mehr verdienen als jetzt. Das würde dann sicherlich auch den Effekt haben, dass mehr Männer den Erzieherberuf ergreifen, ergänzt Bildungssenatorin Sandra Scheeres.

Gegen mehr Geld hätte Tim Dersinske auch nichts einzuwenden. Aber sein größter Wunsch ist, „dass die Qualität, die gefordert wird, personell umsetzbar ist“. Und ein paar mehr Männer als Erzieher fände er auch gut. In der Kita, so erzählt er, kannten die Kinder bislang nur Frauen als Erzieherinnen. Als er kam, freuten sie sich zwar, fragten ihn aber: „Wann gehst du eigentlich arbeiten?“ Mittlerweile gibt es schon zwei Männer in der Kita.

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