Kriminalgericht

Versuchter Raub wegen eines roten Schuhkartons

Das Gericht hält den Angeklagten wegen einer schweren Psychose für schuldunfähig. Jetzt soll er wegen Drogensucht therapiert werden

Foto: imago/blickwinkel

Wladimir K. wusste nicht, was sich in dem roten Paket befindet. Er sah die „feine alte Dame“ und vermutete, dass sie Wertvolles bei sich trage. So kam es zu der Tat, die sich am 7. April 2017 an einer Bushaltestelle im Ortsteil Biesdorf in Marzahn-Hellersdorf abspielte und die den 32-Jährigen nun vor eine Moabiter Strafkammer brachte. Dort ist es kein Thema, dass sich in dem roten Karton lediglich Schuhe im Wert von 60 Euro befanden, die nicht passten und an den Lieferanten zurückgeschickt werden sollten. Entscheidend ist die Tat, die von der Staatsanwaltschaft und später auch vom Gericht als versuchter Raub gewertet wird. Das gilt als Verbrechen.

Der Angeklagte habe ihr das Paket einfach so wegreißen wollen, sagte die 79-jährige Frau vor Gericht, immer noch empört. Er habe in die Paketschnur gegriffen und gezerrt. „Es ist eine schlimme Sache, einen Menschen einfach so anzugreifen. Und es war eine äußerst gefährliche Situation“, sagte die Vorsitzende Richterin bei der Urteilsbegründung. Die Seniorin habe schon zwei Schlaganfälle hinter sich. Sie hätte hinfallen, sich verletzen können. Und es sei ja bekannt, was so ein Krankenhausaufenthalt für einen älteren Menschen bedeuten kann.

Glücklicherweise wurde die alte Dame von ihrer Tochter begleitet. Auch ein Passant griff ein. So gelang es, Wladimir K. wegzustoßen. Er folgte der Seniorin dennoch bis in den Bus, versuchte erneut, an das Paket zu kommen. Wieder gab es couragierte Helfer. Wenig später konnte K. festgenommen werden. Er wirkte verwirrt, verstand nicht, was die Polizisten von ihm wollten.

Gutachterin diagnostiziert eine schwere Psychose

Er kam dann auch nicht in Untersuchungshaft, sondern wurde wegen seines auffälligen Verhaltens in die Gefängnispsychiatrie gebracht. Wladimir K., in Kasachstan geboren, ist seit Jahren schon drogenabhängig. 2010 zogen er und sein Vater nach Deutschland. Die Mutter und Schwester blieben in der Ukra­ine. Wladimir K. kam mit der neuen Situation nicht zurecht. Er ist mehrfach vorbestraft. Fast ausnahmslos ging es um Diebstähle. Beschaffungskriminalität. Er brauchte Geld für Drogen. Im August 2014 wurde er nach fast zwei Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Er nahm wieder Drogen, vor allem Heroin, hatte keinen Kontakt mehr zum Vater.

Nach seiner Festnahme am 7. April gingen Psychiater davon aus, dass Wladimir K. unter Schizophrenie leidet. Eine vom Gericht beauftragte Gutachterin, die Wladimir K. untersuchte, sah es anders. Sie attestierte ihm eine Psychose – verursacht von den exzessiv eingenommenen schweren Drogen. Nach ihrer Einschätzung war er zur Tatzeit vermindert schuldfähig, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar schuldunfähig.

Das Gericht schloss sich dieser Einschätzung an und sprach Wladimir K. frei. Gleichzeitig ordnete die Kammer eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Der Aufenthalt darf hier maximal zwei Jahre betragen. Aber diese Zeit werde für eine Therapie wohl auch benötigt, sagte die Richterin. Der Angeklagte sei im Grunde ein friedlicher Mensch. Anders sei es, wenn er Drogen nehme. Auch Wladimir K.s Verteidiger plädierte für eine Unterbringung. In diesem Rahmen sei möglich, dass sein Mandant auch sozial wieder Kontakte knüpfen und Arbeit finden könne. Derzeit habe er nicht mal eine Wohnung.

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