Rummelsburg

Mord an 15-Jähriger: Verdächtigem droht Psychiatrie

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Bekim H. sitzt hinter seinen Verteidigern im Berliner Landgericht.

Bekim H. sitzt hinter seinen Verteidigern im Berliner Landgericht.

Foto: Susanne Kollmann / Berliner Morgenpost

Bekim H. soll eine 15-Jährige getötet haben. Weil Persönlichkeitsstörungen nicht berücksichtigt wurden, wird neu verhandelt.

Berlin.  Für Laras Familie geht der Alptraum weiter: Obwohl Bekim H. vom Berliner Landgericht im März 2021 zu lebenslanger Haft wegen Mordes an der damals 15-Jährigen verurteilt wurde, wird der Prozess neu aufgerollt. Er hatte gegen das Urteil Revision eingelegt und hatte Erfolg. Laut der Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) machten die Berliner Richter „Rechtsfehler bei der Schuldfähigkeitsbeurteilung“.

Beim ersten Prozesstag am Dienstag hörte sich Bekim H. beim Verlesen der Anklageschrift all das noch einmal an, was er dem Mädchen angetan hat: In der Nacht zum 5. August 2020 hat der damals 41-Jährige Lara R. (Name geändert) auf einer Brachfläche an der Rummelsburger Bucht zunächst vergewaltigt und danach erwürgt, um die Tat zu verdecken. Anschließend hat er den Leichnam mit Unkraut bedeckt.

Für die Berliner Richter stand fest, dass Bekim H. voll schuldfähig ist, das geht auch aus einem Gutachten einer Psychologin hervor. Der BGH sieht das aber anders. Nicht berücksichtigt wurde demnach, dass er zum Tatzeitpunkt unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen stand. Auch seine hirnorganischen Persönlichkeits- mit Impulskontrollstörungen, vermutlich erlitten durch den Alkoholismus seiner Mutter während der Schwangerschaft, und dass er wegen einer anderen Vergewaltigung bereits zwischen 2001 und 2014 in der Psychiatrie saß, wurden nicht berücksichtigt.

Bekim H. stellte sich einen Tag nach der Tat der Polizei und zeigte den Weg zum Tatort

Das Landgericht habe diese Aspekte „nur isoliert und nicht in der gebotenen Gesamtschau abgehandelt“ betrachtet, befand der BGH. Heißt: In den kommenden Verhandlungstagen muss das Landgericht nun prüfen, ob Bekim H. nicht auch in einer Psychiatrie untergebracht werden kann. Die Feststellungen des Landgerichts zum objektiven Tatgeschehen hat der BGH dagegen bestehen lassen. Diesbezüglich wurde die Revision verworfen.

Festgenommen werden konnte Bekim H. nur einen Tag nach der Tat, weil er sich selbst im Beisein eines Anwalts bei der Polizei stellte. Weil er den Beamten nicht genau beschreiben konnte, wo sich Lara R. befindet, führte er sie zum Tatort. Der Polizist, der die getötete Schülerin zuerst sah, war der erste Zeuge im wiederaufgenommenen Prozess. Der 29-jährige Oberkommissar schilderte trotz der bereits vergangenen zwei Jahre sehr genau, wie er mit dem Angeklagten zur Rummelsburger Bucht fuhr, über einen Zaun kletterte und sich dann aus der Ferne lotsen ließ, bis er bei Lara R. ankam.

Bekim H. verfolgt Prozess die meiste Zeit mit gesenktem Kopf

Der Zeuge zeichnete mit seinem Finger den Weg auf einer an die Wand projizierten Karte nach. Bekim H. verfolgte die Schilderungen, schaute sich die Karten genau an. Als dann aber Bilder des mit Unkraut bedeckten Mädchens und das, was ihr angetan wurde, gezeigt wurden, senkte er seinen Kopf und schaute Richtung Boden. Der kleine, dünne Mann, der wesentlich jünger aussieht als 43 Jahre, saß wie im ersten Prozess die meiste Zeit zusammengekauert auf der Anklagebank hinter seinen Verteidigern. Auch sagen wollte er nichts.

Auch wenn versucht wurde, den Ablauf der Suche nach dem Mädchen genau zu rekonstruieren, so interessierte die 29. Strafkammer eines am meisten: das Verhalten von Bekim H. – von der Fahrt zum Tatort bis zum Fund von Lara R. Der Anklagte sei die ganze Zeit ruhig gewesen, habe weder nach Alkohol gerochen noch habe es Anzeichen für den Konsum von Rauschmitteln gegeben. Auch habe der 43-Jährige nicht viel geredet, sagte der Polizeibeamte. Bis zu dem Zeitpunkt, als folgender Satz ausgesprochen wurde: Wir haben eine tote Person gefunden. Da habe Bekim H. reagiert, er habe „geweint, sich auf den Boden gesetzt und gezittert“, erinnert sich der Zeuge. Er solle den Angeklagten erschießen, so wie man das mit beißenden Hunden schließlich auch mache, soll Bekim H. gesagt haben. Es tue ihm alles sehr leid.

Am Donnerstag wird weiter verhandelt, insgesamt sind nach heutigem Stand vierzehn Prozesstage angesetzt. Auch da wird es in erster Linie um das Verhalten des Angeklagten Bekim H. gehen.