Berlin-Lichtenberg

Wo saß der Stasi-Chef? Infotafeln am "Campus für Demokratie"

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Isabell Jürgens
Ein neues Leit- und Informationssystem gibt es nun in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg.

Ein neues Leit- und Informationssystem gibt es nun in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg.

Foto: dpa

Infotafeln am „Campus für Demokratie“ helfen bei der Orientierung auf dem großen Areal. Das soll nur der erste Schritt sein.

Berlin. 40 Jahre lang bespitzelte, drangsalierte und inhaftierte die DDR-Staatssicherheit (Stasi) ihre Bürger. Organisiert wurde der gewaltige Überwachungsapparat in einem ebenfalls gewaltigen Gebäudekomplex an der Ruschestraße in Lichtenberg. Als am 15. Januar 1990 Oppositionelle die Stasi-Zentrale stürmten, hatten sie zunächst große Schwierigkeiten, sich auf dem unübersichtlichen Areal zu orientieren. Wo war das Aktenarchiv, wo das Büro von Erich Mielke, dem Chef der Staatssicherheit? Das Problem, so Tom Sello, Zeitzeuge und Berliner Beauftragter der SED-Diktatur, stelle sich auch heute noch – jetzt allerdings den Besuchern, die häufig hilflos über das Areal irrten, auf der Suche nach dem Stasi-Archiv, dem Museum oder einer der vielen Veranstaltungen, die in dem Komplex stattfinden. Damit soll jetzt Schluss sein: 21 neue Informationsstelen sollen den historischen Ort und seine Umgebung für Besucher ab sofort besser zugänglich und verstehbar machen.

Am Mittwoch wurden die Infotafeln feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Die Stelen sind Teil des Projekts „Campus für Demokratie“, mit dem die ehemalige Stasi-Zentrale erhalten und entwickelt werden soll. „Insgesamt ist dieser Ort noch nicht das, was wir uns vorstellen als historischen Ort“, sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) bei der Eröffnung des neuen Informations- und Leitsystems. Das Projekt ist eine Kooperation des Stasi-Unterlagen-Archivs, des Landes Berlin und des Bezirks Lichtenberg. Die Kosten belaufen sich nach Angaben des Archivs auf 438.000 Euro. Erarbeitet wurden die Inhalte auf den Tafeln durch zivilgesellschaftliche Vereine, darunter etwa die Robert-Havemann-Gesellschaft. Das Leitsystem wird zudem durch einen Online-Rundgang ergänzt, der über QR-Codes vor Ort abrufbar ist.

60.000 Quadratmeter stehen in den Plattenbauten leer

Senator Geisel nutzte die Gelegenheit, auf Versäumnisse der vergangenen 30 Jahre hinzuweisen – um eine weitere Neuerung zu verkünden. „Nicht hilfreich war, dass die Deutsche Bahn nach ihrem Auszug den Ort privatisiert hat. Und nicht richtig war, dass sowohl die Bundesregierung als auch das Land Berlin keine Verantwortung übernommen haben“, sagte Geisel.

Er spielte damit auf die unrühmlichen Immobiliengeschäfte vor mehr als zehn Jahren an: Nach der Wende hatte die Deutsche Bahn einen wesentlichen Teil der Gebäude als Büros genutzt. Nach seinem Auszug 2011 verkaufte der Konzern den Komplex jedoch an einen Berliner Bauunternehmer, weil weder Land noch Bund schnell handelten und dem Deal zuvorkamen. Seitdem gehört nun ein wesentlicher Teil des Geländes einem Privatunternehmen, mit dem sich Bund und Land einigen müssen, wenn das Areal, wie 2013 beschlossen, zu einem „Campus für Demokratie“ entwickelt werden soll.

Passiert ist seitdem wenig. Von der rund 180.000 Quadratmeter umfassenden Flächen stehen immer noch 60.000 Quadratmeter in den grauen Plattenbauten überwiegend leer, zeitweise wurde eines der Bürogebäude als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Für Besucher sind bislang das Stasi-Museum, eine Freiluftausstellung, das Archiv der DDR-Opposition und ein Besucherzentrum untergebracht.

Senator Geisel versprach, das frühere „Herz der Diktatur“ zu einem Ort zu entwickeln, der auch jungen Menschen zeige, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist: „Das ist heute wichtiger denn je.“ Sowohl die rot-grün-rote Koalition in Berlin als auch die Ampel im Bund haben in ihren jeweiligen Koalitionsverträgen vereinbart, die Entwicklung zum „Campus für Demokratie“ voranzutreiben. Ein Konzept dafür soll jetzt entwickelt und Geld in den öffentlichen Haushalten bereitgestellt werden. Wie viel es kosten wird, den Grundstücksanteil zu übernehmen, der bislang noch in Privatbesitz ist, könne er nicht sagen, so Geisel: „Vielleicht ist es ja auch gar nicht notwendig, die Flächen dem Eigentümer abzukaufen, vielleicht gelingt es ja, das Areal gemeinsam zu entwickeln“, sagte der SPD-Politiker, der übrigens in Lichtenberg geboren wurde und dort auch Bezirksbürgermeister war. Die Gespräche dazu würden jetzt geführt. An einer Blockade könne jedenfalls niemandem gelegen sein.

Land Berlin zieht Bauplanung an sich

Auf Wunsch des Bezirks Lichtenberg, so Geisel weiter, „habe ich mich entschieden, den laufenden Bebauungsplan auf die Landesebene zu ziehen und von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen weiter bearbeiten zu lassen“. Bis 2025 solle das Konzept für den Campus stehen und die Umsetzung begonnen sein, sagte die SPD-Bundestagsabgeordnete Katrin Budde, Vorsitzende des Kulturausschusses.

„Es freut mich, dass das Land Berlin die Bauplanung übernehmen will“, so Zeitzeuge Sello. Er hoffe aber, dass nicht noch einmal 32 Jahre vergehen, bis aus dem Plan Realität wird. Andernfalls, so der 64-Jährige, „werde ich das wohl nicht mehr erleben“.