Gegen Einsamkeit

Ein Jahr „Mittagessen im Hof“ bei der Berliner Stadtmission

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Jan-Henrik Hnida
"Anfangs haben wir gemeinsam gekocht, dann hat das die Pandemielage verboten", erinnert sich Jost Berchner (r.), der das „Mittagessen im Hof“ der Berliner Stadtmission mit ins Leben rief.

"Anfangs haben wir gemeinsam gekocht, dann hat das die Pandemielage verboten", erinnert sich Jost Berchner (r.), der das „Mittagessen im Hof“ der Berliner Stadtmission mit ins Leben rief.

Foto: Jan-Henrik Hnida

Seit einem Jahr bietet die Stadtmission ein „Mittagessen im Hof“ gegen Einsamkeit an. Zum Geburtstag gab es Nudeln mit Tomatensoße.

Berlin. Sie hatte einen Job im Hotel und wollte in Berlin arbeiten. Doch durch Corona wurde für Stephanie aus Großbritannien der Traum zum Alptraum: Die 30-Jährige verlor ihre Arbeit in der Gastronomie und hatte ganz plötzlich kein Geld mehr fürs Essen und die Miete ihres WG-Zimmers. Situationen wie diese machen einsam. Abhilfe schaffte das „Mittagessen im Hof“ der Berliner Stadtmission, das am Mittwoch in der Frankfurter Allee sein einjähriges Bestehen feierte.

Weil einsame Menschen nicht an Kirchenportale klopfen, ist die Stadtmissionsgemeinde in der Frankfurter Allee zu Pandemiebeginn von Haus zu Haus gegangen. „Wir haben geklingelt und uns mit den Menschen unterhalten. Viele haben uns erzählt, dass sie sehr einsam sind“, sagt Jost Berchner. Der ehrenamtliche Mitarbeiter hat daraufhin schnell gehandelt und das „Mittagessen im Hof“ ins Leben gerufen. Jeder ist dort willkommen.

Seit einem Jahr treffen sich im zweiten Hinterhof einsame Menschen. „Anfangs haben wir gemeinsam gekocht, dann hat das die Pandemielage verboten“, erinnert sich Jost Berchner. Vor ein paar Wochen durften sie wieder starten: Mit Abstand und im Freien. Seitdem kommen wieder bis zu 30 Menschen, denn zusammen is(s)t man weniger allein. Nudeln mit zwei veganen Tomatensoßen oder einer mit Rindfleisch gab es für diese am Jubiläumstag.

Zu diesem gratulierte Raed Saleh, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, und brachte zum Nachtisch einen selbst gebackenen Kuchen mit – eine Kirsch-Tarte. „Den hat ein guter Freund gebacken. Ich hatte gestern Abend leide keine Zeit mehr“, erklärte Saleh. Und versprach demnächst in der Stadtmission Eierkuchen zu machen.

Der Politiker wünscht sich mehr solcher Initiativen. „Einsamkeit ist unsichtbar. Umso wichtiger ist es, betroffenen Menschen niedrigschwellige und herzliche Angebote zu machen.“ Die Corona-Pandemie habe das Problem noch einmal verschärft. Aber schon seit Jahren beobachte er, dass gerade in einer Metropole wie Berlin das Thema Einsamkeit leider immer akuter werde. Und von Einsamkeit seien längst nicht nur ältere Menschen betroffen – „die gestrandete Austauschstudentin in Berlin, der geschiedene junge Familienvater, die rüstige Frührentnerin. Das Thema Einsamkeit geht uns alle an“, sagte Raed Saleh.

Jeder Dritte hat laut Forsa-Umfrage Angst vor Einsamkeit im Alter

Fachleute haben festgestellt, dass gerade junge Menschen in der Lebensmitte zwischen 30 und 40 Jahren aktuell am einsamsten sind. Zudem hat laut einer Forsa-Umfrage jeder Dritte Angst vor Einsamkeit im Alter.

Alan Middleton lässt sich die Nudeln mit Soße schmecken. Der Schotte wohnt seit drei Jahren in einer Berliner WG. „Ich bin zum deutsch studieren hergekommen“, erzählt der Senior. Über den Mittagstisch habe er viele Freunde gefunden. Die mittäglichen Treffen haben gegen Einsamkeit geholfen. Dem kann sein Tischnachbar Jan Noa nur zustimmen. Über eine Selbsthilfegruppe wurde er auf das Angebot aufmerksam. „Hier werde ich so angenommen, wie ich bin“, sagt der Berliner.

„Einsamkeit ist nicht gut für die Seele. Wir brauchen Begegnung und Austausch, um uns selbst zu spüren, gemeinsam aktiv zu werden, zu teilen, was uns bewegt“, weiß Stadtmissionsdirektor Christian Ceconi. Deshalb biete die Stadtmission in Projekten und Stadtmissionsgemeinden einsamen Menschen Gespräche, Gemeinschaft und wenn sie wollen sogar mehr – wie beispielsweise die Möglichkeit zu ehrenamtlichem Engagement.