Schülerwettbewerb

Berlins beste Vorleserin kommt erstmals aus Hohenschönhausen

Hannah Schleusner vertritt Berlin beim Bundesfinale des Vorlesewettbewerbs. Die Zwölfjährige hat aber auch noch andere Talente.

Hannah Schleusner ist Berlins beste Vorleserin. Ihr Lieblingsbuch ist „Lord Gordon. Ein Mops in königlicher Mission“.

Hannah Schleusner ist Berlins beste Vorleserin. Ihr Lieblingsbuch ist „Lord Gordon. Ein Mops in königlicher Mission“.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Die beste Vorleserin Berlins kommt in diesem Jahr aus Hohenschönhausen. Hannah Schleusner wird die Hauptstadt beim Bundesfinale vertreten. Dass sie so weit kommt, hat die 12-Jährige nicht gedacht. „Ich hätte nicht mal erwartet, die Beste der Schule zu werden“, sagt Hannah. Denn um die beste Vorleserin der Stadt zu werden, musste Hannah fünf Runden überstehen: Das erste Mal trat sie gegen Schüler ihrer Klasse, anschließend ihrer Schule, später gegen andere Schüler ihres Ortsteils, dann gegen Schüler aus ganz Lichtenberg und schließlich gegen die besten Vorleser aus den anderen Berliner Bezirken an. Lichtenberg schickt übrigens zum ersten Mal eine Vorleserin ins Landesfinale. In den vergangenen Jahren stammten die Gewinner aus Berlin aus Steglitz-Zehlendorf, Pankow und Tempelhof-Schönenberg.

Überzeugt hat Hannah die Jury mit einem Buch, dessen Autorin mittlerweile schon zur Kinderbuchklassik zählt: „Igraine Ohnefurcht“ von Cornelia Funke. Geschichten, in denen Übernatürliches geschieht oder Fantasie-Gestalten auftauchen, begeistern Hannah besonders. Ihr Lieblingsbuch? „Lord Gordon. Ein Mops in königlicher Mission.“ Die kurznasige Hunderasse mit dem zerknautschten Gesicht hat es Hannah nämlich angetan. Ein Blick in ihr Zimmer zeigt, wie sehr. An den Wänden hängen Bilder mit Mopsmotiven, über ihrem Bild schwebt verkehrt herum ein Regenschirm; auch er ist über und über mit Möpsen bedruckt.

Hannah ahmt die verschiedenen Stimmen perfekt nach

Dass die Möpse in ihrem Lieblingsbuch sprechen können, hat Hannah besonders begeistert. Viele verschiedene Emotionen würden darin durchlebt, meint sie. „Damit ein Buch mir gefällt, muss ich mitfiebern können.“ Hannah sitzt ruhig da, während sie erzählt. Die Gymnasiastin spricht sehr deutlich, mit lauter Stimme, und lacht zwischendurch immer wieder. Ihre Sätze beendet sie ohne Probleme vollständig.

Und mit der gleichen Konzentration liest sie auch. Hannah ahmt die verschiedenen Stimmen nach, seufzt zwischendurch an den richtigen Stellen und baut mit ihren Lesern regelmäßig Blickkontakt auf. Das alles ist in dem Video zu sehen, das Hannah an die Juroren verschickt hat und die sie daraufhin zu Berlins bester Vorleserin kürten. Denn aufgrund der Corona-Pandemie konnte der Vorlesewettbewerb nur digital stattfinden. Die jungen Teilnehmer mussten sich so beim Vorlesen filmen und das Video dann an die Jury schicken. Für Hannah eine Belastungsprobe. „Ich möchte immer alles perfekt machen“, sagt sie. „Deswegen habe ich ganz viele Aufnahmen gemacht.“ Hannah bereite sich auf Aufgaben immer gut vor, sagt auch ihre Mutter, Jacqueline Schleusner. Vor Klassenarbeiten fange sie selbstständig eine Woche vorher mit dem Lernen an. „Sonst kann ich nicht schlafen“, ergänzt Hannah. Auch ihren Tag plant die Schülerin gerne mithilfe von Listen und trägt ihre zu erledigenden Aufgaben ein. „Zum Beispiel Staubwischen, ich liebe Staubwischen“, lacht sie.

Berlins beste Vorleserin kann auch am schnellsten rennen

Vorlesen ist übrigens nicht die einzige Disziplin, in der Hannah bereits Preise abräumte. Die Hohenschönhausenerin ist eine begeisterte Sportlerin, Sport ist auch in der Schule ihr Lieblingsfach. In der Freizeit übt sie sich im Leichtathletik und ist auf 800 Metern schon einmal die fünftschnellste Läuferin in Berlin geworden. Dabei mag sie Wettbewerbe im Sport eigentlich gar nicht, meint sie. Dabei ginge es ja immer nur darum, die Beste zu sein.

Auf das Vorlesefinale freut sie sich trotzdem. Von vielen Menschen gleichzeitig angeschaut zu werden, findet sie ziemlich einschüchternd, da sei das Verlegen des Wettbewerbs ins Digitale schon eine Erleichterung. „Aber vom Publikum keinen Applaus zu bekommen, ist schade“, meint Hannah.

Vorlesewettbewerb wird online und im TV übertragen

Wann das Finale stattfindet, steht indes noch gar nicht genau fest, voraussichtlich Ende November soll es soweit sein. Aufgrund der Corona-Pandemie ist der ganze Wettbewerb immer wieder aufgeschoben worden, sodass die Teilnehmer nun alle schon in der siebten statt in der sechsten Klasse sind. Den Finalisten soll in den nächsten Tagen jedoch ein Koffer zugeschickt werden, in dem sie Aufnahmegeräte finden. Auch ein Buch, von dem Hannah noch nicht weiß, welches der drei ausgewählten es sein wird, wird darin liegen. Einen Tag haben die Finalisten dann Zeit, das Vorlesen einer Textstelle einzuüben und diese anschließend vor der Kamera vorzulesen. Die Videos werden schließlich online und im RBB übertragen. Der Vorlesewettbewerb besteht schon seit 1959 und ist mit etwa 600.000 Teilnehmern einer der größten Schülerwettbewerbe Deutschlands. Digital feiert er in diesem Jahr Premiere.

Hannah war übrigens nicht immer eine begeisterte Leserin. „Am Anfang hatte sie ziemliche Schwierigkeiten beim Lesenlernen“, erzählt Mutter Jacqueline Schleusner. „Bis dann irgendwann der Knoten geplatzt ist.“ Auch Hannahs jüngerer Bruder Jakob ist mittlerweile ein eifriger Leser. Während des Gesprächs mit der Berliner Morgenpost hält der Achtjährige die ganze Zeit den Blick gebannt auf die Buchseiten gerichtet.

Hannah lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder übrigens nicht allein in der Wohnung. Auch zwei Wellensittiche gehören zur Familie. Mit einem von ihnen hat sich Hannah während der Coronazeit viel beschäftigt. „Ich musste Bubi das Fliegen wieder beibringen, weil er es verlernt hat“, erklärt sie. Auf einen eigenen Mops muss Hannah indes leider verzichten. Gegen das Fell ist ihr Papa nämlich allergisch.