Spirituosen

Geöffnet seit 1910: Kierzek und der Alkohol in Krisenzeiten

Zwei Weltkriege und der Zerfall der DDR konnten Kierzek nichts anhaben. Wie ein Familienbetrieb Krisen meisterte.

Ursula Kierzek ist Spezialistin für Spirituosen aller Art. In ihrem Geschäft in der Weitlingstraße 17 wandern seit 110 Jahren Flaschen über die Theke. 

Ursula Kierzek ist Spezialistin für Spirituosen aller Art. In ihrem Geschäft in der Weitlingstraße 17 wandern seit 110 Jahren Flaschen über die Theke. 

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Im Lichtenberger Weitlingkiez steht das wohl älteste Spirituosengeschäfts Berlins. Zwei Weltkriege und vier Staatsformen hat Kierzek seit seiner Gründung 1910 überlebt. Das Geschäft mit dem Alkohol war lukrativ, getrunken wurde im Kaiserreich genauso wie in Nazi-Deutschland und im ostdeutschen Sozialismus. Eine globale Pandemie stellt indes auch die Kierzek-Familie vor nie gekannte Herausforderungen.

„Wir haben natürlich gerade wenig Umsatz“, sagt Inhaberin Ursula Kierzek. Ihnen gehe es jedoch vergleichsweise gut: „Unsere Ware verdirbt nicht, wir bleiben also nicht darauf sitzen.“ Kierzek arbeitet schon seit ihrer Jugend im Spirituosengeschäft. Seit 1993 leitet sie den Familienbetrieb. An eine vergleichbare Rezession wie aktuell zu Corona-Zeiten kann sich die 51-Jährige nicht erinnern.

Alkohol für die letzte Ostmark: Leere Regale zum Mauerfall

Während aller Krisen, sogar während der Weltkriege, lief das Geschäft gut. „In der DDR wurde auf jeden Fall mehr getrunken als heute“, ist sich Kierzek sicher. Neun Verkäuferinnen waren einst in dem kleinen Lichtenberger Spirituosenhandel beschäftigt. Manchmal lösten Krisensituationen sogar einen regelrechten Ansturm auf Kierzek aus. „Niemals vergessen werde ich die Zeit kurz nach dem Mauerfall“, erinnert sich Kierzek. „Die Leute haben unser Geschäft leer gekauft, um noch die letzte Ostmark ausgeben zu können.“

Dem DDR-Regime stand die Familie kritisch gegenüber, meint Kierzek. „Mein Vater Albert wollte sich nicht unterordnen“, sagt sie. An Feiertagen vergaß er gerne, die obligatorische DDR-Flagge zu hissen – oder hängte sie im Geschäft auf, sodass sie von außen nur durch die Gitterstäbe zu sehen war. „Das stand durchaus sinnbildlich für die fehlende Reisefreiheit in der DDR“, meint Kierzek. Aktionen wie diese entsprächen seiner Art, als Geschäftsinhaber trotzdem Kritik an der Regierung zu üben.

Anziehungspunkt für DDR-Funktionäre

Der Beliebtheit seines Geschäfts tat das indes keinen Abbruch. Auch aufgrund seiner zentralen Lage nahe des Bahnhofs Lichtenberg, dem wichtigsten Fernbahnhof der DDR, besuchten hochrangige Parteifunktionäre den Spirituosenhandel in der Weitlingstraße. „Bonzenschleudern nannte man die Schnellzüge damals“, erinnert sich Ursula Kierzek. Aus Dresden, Leipzig und Frankfurt an der Oder kamen die DDR-Politiker und Geschäftsleute angereist. Beeindruckt habe die Kundschaft sie jedoch nicht, sagt Kierzek achselzuckend.

Denn ihr Vater Albert Kierzek hatte bereits ein Regime aufsteigen und fallen sehen. Als junger Mann kämpfte er im Zweiten Weltkrieg und geriet schließlich in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Sein Vater war während der Kaiserzeit aus Ostpreußen nach Berlin gezogen. Als Kolonialwarenhandel hatte sein Bruder, Ursula Kierzeks Großonkel, Kierzek einst eröffnet, bevor sie sich Ende der 1950er-Jahre auf Spirituosen spezialisierten. Der Großvater stieg ein und seine Familie gleich mit: 1923 wurde im Hinterzimmer des Lichtenberger Geschäfts Ursula Kierzeks Vater geboren. Ihr Großvater starb am selben Ort.

Vom Kolonialwarenhandel zum Fachgeschäft

Über die Geschichte des Spirituosenfachhandels kann Ursula auch wegen ihres Vaters so viel erzählen: Albert Kierzek, der 96-jährig im letzten Jahr verstorben ist, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben und in Buchform seinen Nachfahren vermacht. Der Geschichtsträchtigkeit des 110-jährigen Familienbetriebs ist man sich also durchaus bewusst. Trotzdem möchte Ursula Kierzek offen für Veränderungen bleiben. So organisiert sie seit einiger Zeit Verköstigungen, etwa ein hauseigenes Gin-Tasting. Auch eigene Liköre und Spirituosen lässt sie herstellen. Ihre neueste Kreation: Eierlikör mit Käsekuchen-Geschmack aus Quarkgranulat und Vanille.

„Wir sind mittlerweile ein Nischengeschäft geworden“, meint Kierzek. „Unsere Kunden kaufen hier gerne Geschenke und lassen sich beraten.“ Auch deswegen merkt sie den Umsatzrückgang während der Coronakrise deutlich: Situationen, in denen ein Gastgeschenk angeraten ist, ereignen sich momentan einfach nicht. Restaurants und Kneipen, normalerweise gute Kunden Kierzeks, kaufen aktuell ebenfalls nichts ein.

Einen kleinen Vorteil sieht Ursula Kierzek momentan aber doch. Ihr Online-Shop erfreut sich größerer Beliebtheit. Eingerichtet habe sie diesen zwar bereits vor fünfzehn Jahren, gerade kommt er ihr jedoch besonders zugute. „Alles, was wir online aufführen, ist auch im Laden vorrätig, darauf können sich die Kunden verlassen“, sagt die Spirituosen-Chefin stolz. Damit folge sie indirekt auch einem alten Firmenmotto aus Zeiten der ostdeutschen Mangelwirtschaft: „Geh’ zu Kierzek, wenn du’s da nicht kriegst, gibt’s das gerade nicht“, hieß es über das Lichtenberger Geschäft stets.