Corona in Lichtenberg

Corona-Krise: „Wir wussten alle, dass eine Pandemie kommt“

Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) über Corona in Lichtenberg, seine Erfahrungen mit Pandemien und ganz neue Herausforderungen

Der Lichtenberger Bezirksbürgermeister Michael Grunst inmitten den leeren Ratssaals.

Der Lichtenberger Bezirksbürgermeister Michael Grunst inmitten den leeren Ratssaals.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst ist auf Pandemien fachlich bestens vorbereitet. Als Referent der Gesundheitsverwaltung war er bereits in Krisenstäben zur Vogel- und Schweinegrippe tätig. Über das zögerliche Handeln auf Bundesebene kann er nur den Kopf schütteln, Berlins Kurs hält der Linken-Politiker jedoch für sehr konsequent. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost spricht er über digitalisierte Schulen, die Arbeit des Lichtenberger Pandemiestabs und zeitreisende Analysten des Robert-Koch-Instituts.

Herr Grunst, machen Sie sich persönlich Sorgen wegen des Coronavirus’?

Ja. Ich denke, alle machen sich derzeit Sorgen. Um die Familie, Freunde und auch sich selbst. So auch ich. Zum einen privat, weil Mitglieder meiner Familien zu den besonders gefährdeten Personengruppen gehören, zum anderen weil ich politisch Verantwortung für Lichtenberg trage. Ich mache mir also auch Sorgen um die Gesundheit von mehr als 290.000 Lichtenbergerinnen und Lichtenbergern. Dazu kommen wirtschaftliche Folgen für die Familien, Gewerbetreibende, Künstler, Unternehmen. Das bringt die Menschen schnell an Grenzen. Es kann noch keiner abschätzen, welche sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Langzeitfolgen und -schäden die Coronakrise mit sich bringen wird. Das beunruhigt viele Menschen.

Lichtenberg gilt als familienfreundlicher Bezirk. Wie gut meistern die Schulen die Situation?

Da bekomme ich unterschiedlichste Rückmeldungen. Auch für die Schulen ist die Situation neu. Und Lernen ist bei aller Digitalisierung immer noch vor allem soziale Interaktion. Das geht jetzt im persönlichen Kontakt kaum. Die Schulen sind geschlossen. Wir haben in Lichtenberg angefangen, den Schulen in den vergangenen Haushalten Anreize für digitales Arbeiten zu geben. So gaben wir z.B. über eine halbe Million Euro für kreidefreie Schule, also für digitale Boards, aus. Am Ende sind aber die über fünfzig Schulen im Bezirk unterschiedlich ausgestattet und verfolgen unterschiedliche Arbeitsweisen. Es haben leider auch nicht alle Kinder zu Hause einen Internetanschluss bzw. die notwendigen digitalen Endgeräte. Es gibt Wohngebiete in Lichtenberg, da lebt jedes zweite Kind von Transferleistungen. Ich bin überzeugt, dass die derzeitige Coronakrise uns und den Schulen nochmal einen Schub geben wird, sich digital anders und besser aufzustellen. Wir merken jetzt einfach die Notwendigkeiten sehr deutlich.

Wie kommen die Familien im Bezirk mit der permanenten Nähe in den Wohnungen klar?

Es ist für alle sehr kompliziert. Viele Familien in Lichtenberg sind alleinerziehend. Es gibt auch viele Ältere, um die ich mir ziemliche Sorgen mache, nicht nur, da sie besonders gesundheitlich gefährdet sind, sondern wie wir eigentlich erfassen, dass sie Hilfe und Unterstützung brauchen. Hier bauen wir auch auf die nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft, haben Hotlines geschaltet. Wir sind außerdem sehr wachsam, um zügig bei häuslicher Gewalt und bei Kinderschutzfällen zu reagieren. Da sind unsere Kollegen und Kolleginnen hoch sensibilisiert und in Bereitschaft, damit wir sofort in die Familien hineingehen und notfalls das Kind rausholen können. Bei häuslicher Gewalt wird die Polizei sofort aktiv.

Können Jugendhäuser und -einrichtungen dabei helfen, den Kindern und Jugendlichen den Alltag zu erleichtern?

Die Jugendeinrichtungen sind mit den Kindern und Jugendlichen weiterhin im Austausch und im Kontakt. Die Einrichtungen sind zwar geschlossen, aber telefonisch oder per Videochat erreichbar. Und die Jugendzentren wissen natürlich, in welchen Familien es Probleme gibt. Sie sind ein zuverlässiges Frühwarnsystem.

Kommen wir zum Lichtenberger Gesundheitsamt. Können Ihre Mitarbeitenden die Lage meistern?

Das Gesundheitsamt ist das Amt, das gerade am intensivsten arbeitet. Dessen Mitarbeitende sind vor allem damit beschäftigt, Fälle aufzunehmen, Kontaktpersonen zu suchen und zu informieren, diese unter Quarantäne zu stellen, die Quarantäne zu überwachen etc. Sie machen momentan wirklich einen großartigen Job, sieben Tage die Woche. Was wir aber schon seit Jahren in Berlin wussten: Es fehlt Personal in allen Gesundheitsämtern. Das wird ziemlich deutlich. Deshalb unterstützen wir gerade das Gesundheitsamt mit Mitarbeitenden aus anderen Bereichen. Die Überwachung der Einhaltung der Quarantäne muss kein Arzt sicherstellen, das machen momentan andere Mitarbeitende, zum Beispiel aus dem Ordnungsamt. Was wirklich ein Thema ist, ist die ganze Frage nach Material und Schutzkleidung. Die Gesundheitsämter in Berlin unterstützen sich hier gegenseitig, wirklich schwierig ist die Lage in Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen. In Pflegeeinrichtungen besonders. Eine Arztpraxis schließt im Zweifel, aber eine Pflegeeinrichtung muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche arbeiten. Ehrlich gesagt, verstehe ich den Mangel an Schutzkleidung nur sehr bedingt. Denn, dass irgendwann mal eine Pandemie kommen könnte, das wussten alle.

Sie wussten, dass eine Pandemie kommen wird?

Ich selber war viele Jahre Mitarbeiter in der Senatsverwaltung für Gesundheit und habe auch bei Ereignissen wie der Vogelgrippe oder der Schweinegrippe im Krisenstab mit unterstützt. Das war sehr beeindruckend, denn die Mitarbeitenden wissen sehr genau, was zu tun ist. Auch heute noch, das hilft sehr. Mich erstaunt eher die Bundesebene. Es gibt eine Risikoeinschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) von 2012, in dem detailliert beschrieben wird, wie sich ein SARS-ähnliches Virus weltweit von Asien ausgehend ausbreiten könnte. Wenn man das heute liest, denkt man, es hat ein Zeitreisender geschrieben. Das zeigt, was für gute Analysten wir beim RKI haben und dass sie wussten, es wird irgendwann mal eine Pandemie kommen. Und jetzt haben wir sie.

Wie arbeitet der Pandemiestab in Lichtenberg?

Wir haben einmal die Woche Präsenzsitzungen, da sitzen dann neun Leute im großen Ratssaal. Daran nehmen vor allem Gesundheitsamt, Ordnungsamt und Stadträte sowie Stadträtinnen teil, die die dringendsten Fragen besprechen, die jetzt gelöst werden müssen. Der Einsatz von Personal wird geklärt, Maßnahmen und Beschaffungen veranlasst. Das Tagesgeschäft wird dann vor allem in Telefonkonferenzen besprochen.

Haben Sie persönlich die Entwicklungen von Anfang an verfolgt und ernst genommen?

Selbstverständlich. Mit den Erfahrungen aus der Gesundheitsverwaltung und mit den Berichten aus China war schnell klar, dass da etwas auf uns zugerollt kommt.

Berlin hat später auf den Ausbruch des Virus’ reagiert als andere Bundesländer. Ist die Stadt, ist der Bezirk auf eine Pandemie ausreichend vorbereitet?

Die Frage ist, wie kann man optimal vorbereitet sein? Ich glaube, dass das Thema in der Bundesrepublik unterschätzt wurde. Man fasst sich heute an den Kopf, wie der Karneval oder der politische Aschermittwoch in Passau mit 6000 Leuten in einem Raum stattfinden konnte – in einer Zeit, wo es die ersten Erkrankten gab. Damals war schon klar: Das Virus ist da und es wird sich ausbreiten. Und davor warnten die Virologen auch. Insofern hätte man bundesweit den Schalter schon früher umlegen müssen. Ich finde was Berlin macht sehr konsequent. Auch wenn das Leben so massiv eingeschränkt ist, wie zu keiner anderen Zeit in den letzten Jahrzehnten. Und das hat Gründe. Denn das Coronavirus ist ein aggressives Virus. Wir merken jetzt, wie wichtig es ist, zügig und konsequent Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung umzusetzen und natürlich ist es auch wichtig, diese wieder zurückzunehmen, wenn sie nicht mehr notwendig sind.

Wie stehen Sie als Linken-Politiker zu Ausgangsbeschränkungen?

Ich denke, dass man da nicht das Links-Mitte-Rechts-Schema aufmachen kann. Es gibt Dinge, die jetzt notwendig sind, um die Bevölkerung zu schützen. Wir wollen alle lebend durch die Krise kommen. Natürlich muss genau abgewogen werden, wann und wie Grundrechtseinschränkungen vorgenommen werden, das muss immer mit Augenmaß geschehen, auf das Notwendigste beschränkt bleiben und regelmäßig auf den Prüfstand. Auch dahingehend, dass klar sein muss, es sind zeitlich begrenzte Maßnahmen in einer absoluten Ausnahmesituation.

Sieht die Lichtenberger Bevölkerung das genauso? Vor allem im Hinblick auf die jüngste deutsch-deutsche Geschichte und den Bezirk als Mittelpunkt des Staatssicherheitsapparats der DDR.

Eine solche Kontaktbeschränkung für die gesamte Bevölkerung kannte ich bisher nicht. Das ist auch nicht mit der Situation in der DDR vergleichbar, wir haben jetzt eine ganz andere Situation. Unsere Demokratie ist so stark, die Menschen achten darauf, dass die jetzt getroffenen Maßnahmen zurückgenommen werden. Wir sind ja nicht in Ungarn, Ungarn macht mir eher Sorgen.

Was halten Sie von der Entscheidung, kleinere Geschäfte wieder öffnen zu lassen? Sollten Restaurants ebenfalls öffnen dürfen?

Die Öffnung von Geschäften bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern unter Einhaltung der notwendigen Abstandsregelungen ist ein wichtiger Schritt in Richtung „Normalität in der Krise“. Es hilft den Bürgerinnen und Bürgern wichtige Einkäufe und Beschaffungen zu erledigen, den Geschäftsinhabern und Gewerbetreibenden ihre Existenz und die ihrer Angestellten zu sichern. Natürlich wünsche auch ich mir, dass zu Beginn der warmen Jahreszeit im nächsten Schritt die Restaurants wieder öffnen, die Cafés und die Biergärten. Das hängt aber sehr stark von den Entwicklung der Coronafälle ab. Wir fahren gerade alle auf Sicht.

Gibt es Projekte des Bezirks, die sich verzögern oder Gefahr laufen, gar nicht durchgeführt werden zu können?

Wir treiben die Schulbauoffensive weiter voran. In der Stadtplanung verzögert sich manches, da die damit verbundenen Bürgerbeteiligungen derzeit schlecht durchgeführt werden können. Was mich wirklich ärgert, ist der Öffentliche Nahverkehr. Was nutzen Abstandregeln, wenn man in der Bahn eng zusammenstehen muss? Ich habe der BVG mitgeteilt, dass im Berufsverkehr die Busse und Bahnen zu voll sind. Aber die BVG hat natürlich auch das Problem, dass sie einen hohen Krankenstand hat.

Sehen Sie Chancen, die sich aus der Krise für die Zukunft ergeben könnten?

Ich weiß es wirklich nicht. Mit Aussagen, dass die Gesellschaft solidarischer wird, wäre ich vorsichtig. Ich bemerke, dass hier und da die Aggressivität in Alltagssituationen, aber auch zwischen den Regierungen, zunimmt. Wir erleben aber auch sehr viel Solidarität vor Ort, Nachbarschaftshilfe. Wenn ich jetzt nach Hause komme, geht oft die Tür der Nachbarn auf. Persönlich könnten wir uns näherkommen, die Menschen interessieren sich wieder stärker füreinander. Ansonsten merkt die Verwaltung, dass Digitalisierung auch eine große Chance ist. Jetzt ist man dazu gezwungen, Dinge zu verändern. Man merkt plötzlich, dass eine Videokonferenz gar nicht so schwer ist.

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