Karshorst

Wenn Abstellkammern zu Klassenzimmern werden

Die Grundschulen in Karlshorst sind überfüllt, unkonventionelle Lösungen gefragt. Viele Eltern fühlen sich vom Bezirk drangsaliert.

Platzmangel in der Lew-Tolstoi-Grundschule in Karlshorst - jeder Winkel wird genutzt.

Platzmangel in der Lew-Tolstoi-Grundschule in Karlshorst - jeder Winkel wird genutzt.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Eigentlich denkt man, hier wird eine Erfolgsgeschichte geschrieben – hinter der Lew-Tolstoi-Grundschule in Karlshorst wächst ein Neubau heran. 14 neue Räume werden dort entstehen und unten eine Mensa, die Bauarbeiten sind schon in Gange. Ist dann nicht alles gut? Leider nein, denn selbst mit dem Ergänzungsbau wird nichts besser. Die Lew-Tolstoi-Grundschule, eine Europaschule, platzt aus allen Nähten. Immer beliebter ist der Norden Karlshorst für Familien, immer mehr Kinder leben hier. Ursprünglich wurde die Schule zu DDR-Zeiten für 288 Schüler errichtet, schon jetzt hat man 570 Schüler. Tendenz steigend.

Die Enge macht sich überall in der Schule bemerkbar. Aus Toiletten machte man einst Klassenräume, in Fachräumen findet längst allgemeiner Unterricht statt, im Keller ist jede noch so kleine Kammer belegt. Blick hinter eine Tür, ein schmaler Raum, zwischen einer kleinen Küche auf der linken und dem mobilen Buffet auf der rechten Seite sind Tafel, Tische und Stühle für zwölf Schüler eingerichtet. So etwas nennt man dann „Teilungsraum“ für den Unterricht in einer kleineren Gruppe. Keine Fläche bleibt hier ungenutzt, draußen auf dem Schulhof stehen auch schon sechs Container. Und gegessen wird in der Mensa nur in Schichten, mehr als 80 Schüler passen pro Gang nicht in die Mensa. Darum geht die Essensausgabe ab 11.30 Uhr los. „Das wird militärisch durchexerziert“, sagt Uwe Trockel – einer der Elternvertreter an der Grundschule.

„Die Platznot ist nicht neu“

Was ihn und die fünf anderen Elternvertreter, die sich an diesem Morgen in der Schule dem Gespräch stellen, verrückt macht, ist dass alles so unfassbar absehbar war – jeder wusste, diese grüne Gegend von Karlshorst ist attraktiv, hier ziehen viele Familien hin. „Die Platznot ist nicht neu“, sagt Vater Johannes Frisch. Und als Elternvertreter sei man hin- und hergerissen, wie laut man protestieren sollte. Von den zuständigen Bezirksmitarbeitern bekomme man immer wieder zu hören: „Wenn ihr nur kritisiert, passiert gar nichts“, erzählt Milena Berné. Soll heißen: Man macht sich unbeliebt, aber wenn man still bleibt, bewegt sich nichts. Oder zumindest nicht in die richtige Richtung. Denn voller wird es allemal – nächstes Schuljahr 20/21 werden es hier sechs Erste Klassen sein, vier reguläre und zwei der Europaschule. Dieses Jahr waren es „nur“ fünf Erste Klassen.

Und auch die sprengten schon den Rahmen, deshalb wurden die Erstklässler dieses Jahr in die Sewanstraße 43 ausgelagert, dort wurde gerade eine Schnellbauschule eröffnet. Die Schüler selbst, das sagen auch die Eltern, machen alles mit, die seien anpassungsfähig. Irgendwie aufregend. Aber das Kollegium – die Lehrer und Erzieher also – sei am Rande seiner Kräfte. „Die fahren am Limit, es ist einfach zu voll“, meint Doreen Wießner. Auch für Schüler, die schlechtere Voraussetzungen, die womöglich Probleme in der Schule haben, wird es immer schwerer, mitzukommen. Die fallen schnell hinten runter.

Das Problem der Überfülle gibt es nicht nur an der Lew-Tolstoi-Schule, das betonen die Eltern dort ausdrücklich. Noch härter trifft es die Karlshorster Schule, auch eine Grundschule, auf der anderen Seite der Treskowallee. Auch die unterrichtet schon jetzt viel mehr Schüler als geplant – hier sind es momentan sechs erste Klassen statt regulär vier. Auch hier wurde der Schulhof durch modulare Ergänzungsbauten, die dringend gebraucht werden, extrem verkleinert. Und auch hier hat man einen Teil der Allerkleinsten nun samt Lehrern in die Sewanstraße ausgelagert. Auf 701 Schüler ist man inzwischen angewachsen, eigentlich war bei 600 Schluss.

Neun erste Klassen – das ist eine Grundschulfabrik

Doch jetzt haben sich für das kommende Schuljahr 251 Schüler als Erstklässler hier angemeldet, das wären zehn erste Klassen. Doch offenbar haben die ersten Eltern mit ihrem Nachwuchs schon wieder Reißaus genommen, nun ist man bei neun ersten Klassen. Mit einer kleinen, kuschligen Grundschule hat das nicht mehr viel zu tun. Neun erste Klassen – das ist eine Grundschulfabrik.

„Auf dem Schulhof steigt die Aggressivität der Schüler untereinander“, schreibt die Elternvorsitzende der Karlshorster Schule, Stefanie Janecke, in einem Brief an die Politik. Das sei kein Wunder, die Spielgeräte würden längst nicht mehr ausreichen. Schon jetzt.

Bezirksstadtrat Martin Schäfer (CDU), der nun für Schulen in Lichtenberg zuständig ist, ist noch nicht lange im Amt. Er hat den Posten von seinem Vorgänger Wilfried Nünthel (CDU) übernommen. Man hört ihm an, die Schulplatzsituation in seinem Bezirk macht ihm ehrlich zu schaffen, er ist selbst Vater von drei Kindern. Neun erste Klassen in einer Grundschule? „Unfassbar eigentlich“, entfährt es ihm.

Zusammen mit dem Schulamt versuche man nun, die Zahl der Klassen zu verringern – indem beispielsweise die Richard-Wagner-Grundschule, die dritte öffentliche Grundschule dort, noch eine Klasse übernimmt. Und zwei Schnellbauschulen habe der Bezirk gerade genehmigt bekommen – beide werden nahe gelegene Grundschulen. Für 2021/22 plant man eine auf dem HTW-Gelände, 22/23 soll dann eine Grundschule in der Rheinpfalzallee eröffnen. „Man kann sagen, das ist alles zwei Jahre zu spät. Aber es tut sich was“, betont Schäfer.

Der Ergänzungsbau an der Lew-Tolstoi soll 2021 fertig sein. Dann hat man zwar lauter zusätzliche Räume, doch die Schülerzahlen steigen ja auch. 19 Räume fehlen dann weiterhin.