Bauvorhaben

Streit um Flüchtlingsunterkunft in Karlshorst

385 Geflüchtete sollen an die Rheinpfalzallee ziehen. Anwohner bemängeln die Baupläne und fehlende Gesprächsbereitschaft des Senats.

Berlin. In Karlshorst wird auf einer brachliegenden Fläche eine Modulare Unterkunft für Flüchtlinge (MUF) gebaut. 500 Menschen sollten ursprünglich darin Platz finden, mittlerweile hat der Senat die Zahl auf 385 gesenkt. Doch die Anwohner der Rheinpfalzallee lehnen die Pläne der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales ab.

„Viergeschossig sollen die MUF-Gebäude sein“, erzählt Anwohner Ralph Wöhrl von der ansässigen Bürgerinitiative. „Und rundherum stehen Ein- und Zweifamilienhäuser.“ Der Vorwurf: Die Flüchtlingsunterkunft füge sich optisch nicht in die Umgebung ein. Auch eine Bürgerbeteiligung vermisse man. „Wir erhalten als Anwohner überhaupt keine Informationen“, beklagt Wöhrl. Man sei natürlich für eine Bebauung der Fläche, aber unter Einbeziehung der umliegenden Häuser.

Bezirk möchte eine Schule und eine Kita bauen

Seit mehr als 20 Jahren liegt das 19.000 Quadratmeter große Areal brach. Ende 2017 hatte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) das Grundstück zum Verkauf angeboten. Das Bezirksamt Lichtenberg wollte das Gelände für in Karlshorst dringend benötigte soziale Infrastruktur nutzen: Eine Schule, eine Kita und eine Jugendfreizeiteinrichtung sollten dort entstehen.

Man habe dies dem Senat ordnungsgemäß mitgeteilt, erklärt Birgit Monteiro, SPD-Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit. „Es hieß, gegen unsere geplante Bebauung gebe es keine gesamtstädtischen Bedenken.“ Kurz darauf verkündete der Senat jedoch, die Fläche solle für eine MUF verwendet werden. Damit war das Bezirksamt nicht einverstanden. Kürzlich einigten sich Senat und Bezirk daher auf einen Kompromiss: Die Howoge wird das Grundstück zunächst erwerben. Statt der ursprünglich geplanten drei soll das Wohnungsunternehmen an der Rheinpfalzalle auf 8000 Quadratmetern nur zwei MUF-Flachbauten errichten, so dass zumindest die dreizüge Grundschule und die Kita auf der restlichen Fläche Platz finden. Dazu veranlasst der Bezirk eine Machbarkeitsstudie.

Staatssekretär findet Ablehnung der Anwohner übertrieben

Ein Kompromiss sei das beileibe nicht, meint Ralph Wöhrl. Die Anwohnerinitiative hat sich kurzerhand selbst etwas überlegt. Dazu holte sie sich Inspiration aus dem Nachbarbezirk. „Die Gesobau baut in Pankow auf derselben Fläche ebenfalls Unterkünfte für Flüchtlinge“, erklärt Wöhrl. „Allerdings entsprechen diese eher der Umgebung.“ Er zeigt einen Bauplan. Sieben kleinere einzelne Häuser sind darauf zu sehen. „Wie soll es mit unserem riesigen abgeschlossenen Block denn ein vernünftiges Integrationskonzept geben?“, fragt er.

Daniel Tietze findet die Ablehnung der Anwohner übertrieben. Der Staatssekretär für Integration, Arbeit und Soziales (Linke) sehe zwar ein, dass viergeschossige Bauten die Nachbarschaft nicht unbedingt verschönerten, doch es gebe eben immer noch dringenden Bedarf an Flüchtlingsunterkünften. „Es kommen monatlich 500 bis 600 Geflüchtete nach Berlin“, sagt Tietze. Im in Pankow entstehenden Wohnquartier finden auf gleichgroßer Fläche weniger Flüchtlinge Platz als in den geplanten Flachbauten in Karlshorst. „Wenn wir Einzelhäuser bauen, wäre überhaupt kein Raum mehr für Kita und Schule“, meint Tietze.

Bauten sollen später sozial geförderte Wohnungen enthalten

Den Vorwurf, dass die Geflüchteten in Karlshorst abgeschirmt und zusammengepfercht leben würden, lässt der Staatssekretär nicht gelten. „Das wird keine Sammelunterkunft, hier werden Einzelwohnungen mit eigenen Küchen gebaut“, stellt Tietze klar. Außerdem würden die neuen Bewohner nicht für immer an der Rheinpfalzallee bleiben. Mit der Howoge habe man vereinbart, dass die Bauten später sozial geförderte Wohnungen enthalten sollen. „In spätestens elf Jahren sind die Geflüchteten wieder ausgezogen.“

Doch darum gehe es den Anwohnern gar nicht, heißt es. „Ich habe das Gefühl, man unterstellt uns unterschwellig, dass wir etwas gegen Flüchtlinge haben“, sagt Anwohner Oliver Köpsel. „Dabei stimmt das sicherlich nicht! Wir standen alle 2016 mit Decken in der Notunterkunft an der Köpenicker Allee und haben geholfen.“

Karlshorster fühlen sich vor vollendete Tatsachen gestellt

In Karlshorst fühlt man sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Staatssekretär Daniel Tietze signalisiert Gesprächsbereitschaft. „Wir können gern darüber sprechen, wie wir das Zusammenleben in der Nachbarschaft gestalten“, sagt er. In den Häusern soll es eine Ehrenamtskoordinationsstelle geben, soziale Betreuung wird angeboten. Am Runden Tisch Rheinpfalzallee, den der Bürgerverein Karlshorst demnächst veranstalten will, nehmen die Senatsverwaltung und die Howoge gern teil, stellt er in Aussicht. Über die bereits auf 385 gesenkte Zahl an Geflüchteten möchte er jedoch nicht reden.

„Jede Bürgerbeteiligung, die jetzt noch kommt, ist doch unter diesen Voraussetzungen eine einzige Farce“, meint dazu Ralph Wöhrl. Integration könne nur gelingen, wenn Geflüchtete und Anwohner zusammen und nicht durch einen Massivbau strikt voneinander getrennt wohnten. Gemischte Wohnquartiere wären für alle die beste Lösung, sieht auch Tietze ein. Die Realität sehe jedoch anders aus. „Es haben nur gut ein Drittel der Geflüchteten bisher eine Wohnung gefunden“, sagt er. Da die Notunterkünfte Ende 2018 geschlossen wurden, seien neue temporäre Unterkünfte leider weiter notwendig. „Wir werden als Senat keine Menschen in die Obdachlosigkeit schicken.“