Straßenkunst

Lichtenberg wird zur Open-Air-Galerie

Lichtenberg ist eher für seine sozialistische Einheitsarchitektur als für Street Art bekannt. Die Grünen im Bezirk wollen das ändern.

Erst vor zwei Monaten entstand in der Straße Am Tierpark 1-3 das Wandbild „Eine Frage der Haltung“. Darauf zu sehen: ein Mensch, der Pflanzen und Tiere balanciert, die in Deutschland akut vom Aussterben bedroht sind.

Erst vor zwei Monaten entstand in der Straße Am Tierpark 1-3 das Wandbild „Eine Frage der Haltung“. Darauf zu sehen: ein Mensch, der Pflanzen und Tiere balanciert, die in Deutschland akut vom Aussterben bedroht sind.

Foto: Stiftung Stadtkultur/Pritzkuleit

Berlin. Beim Stichwort Street Art denken Berliner sofort an Wandbilder wie den Kreuzberger „Astronaut Cosmonaut“ oder Stickerkunst in Mitte. Dabei hat auch Lichtenberg künstlerisch durchaus etwas zu bieten. Wer weiß schon, dass sich an der Kreuzung Alt-Friedrichsfelde/Am Tierpark das größte bewohnte Wandbild der Welt befindet?

Robert Pohle, Grünen-Politiker im Bezirk, möchte die Straßenkunst touristisch besser erschließen. Dazu hat der 46-Jährige einen Antrag gestellt, der momentan in den Ausschüssen diskutiert wird. „In anderen Städten gibt es Apps mit Themenrouten“, sagt Pohle. „Sowas könnte ich mir für Lichtenberg auch vorstellen.“

Das Bezirksamt hat bereits eine Broschüre mit Entdeckertouren durch den Bezirk veröffentlicht. Man könnte auch eine Tour zu Straßenkunst erstellen, regt Pohle an. „Ausstellungen könnte es geben, vielleicht zu Street Art im Wandel der Zeiten“, sagt er. Zudem passe der Grünen-Antrag gut in das Tourismuskonzept des Senats, Berlin-Besucher stärker in die Außenbezirke zu locken.

Fensterlose Seitenfassaden bieten meterweise Leinwandfläche

Gerade für großflächige Murals, wie die Wandbilder auch genannt werden, ist der Berliner Osten ideal. Plattenbauten und deren fensterlose Seitenfassaden bieten meterweise Gestaltungsfläche. Auch die Howoge hat das Potenzial der Hochhäuser erkannt. 2012 gründete das Wohnungsunternehmen die Initiative „LOA – Lichtenberg Open Art“. Alle zwei Jahre entstehen seitdem an ihren Häuserfassaden Kunstwerke, die schon von Weitem zu sehen sind. „Lichtenberg wird langsam zu der Open-Air-Galerie, die wir uns vorgestellt haben“, sagt Petra Grampe von der Stiftung Stadtkultur erfreut.

Erst vor zwei Monaten konnte das fünfte Fassadenkunstwerk der Initiative präsentiert werden. Am Tierpark 1-3 entstand das 40 Meter hohe Mural „Eine Frage der Haltung“. Darauf zu sehen: ein Mensch, der Pflanzen und Tiere balanciert, die in Deutschland akut vom Aussterben bedroht sind.

Realisiert hat das Kunstwerk das Berliner Künstlerduo ZEBU, bestehend aus Dennis Gärtner und Lynn Lehmann. Die Idee Robert Pohles, Street Art in Lichtenberg bekannter zu machen, finden sie gut, „aber Programme nur für Touristen fände ich schade“, meint Gärtner. „Street Art soll ja die Leute einbinden, die hier wohnen.“

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Fassadenkunstwerke beziehen Bewohner und Nachbarn mit ein

„LOA“ organisiert daher bei jedem ihrer Fassadenkunstwerke ein Begleitprogramm, das die Bewohner und Nachbarn mit einbezieht. „Wir haben zusammen mit ZEBU künstlerische Workshops gegeben, Dokumentarfilme im Innenhof gezeigt und Schulprojekte durchgeführt“, erzählt Petra Grampe. Kunst, für die man keine Eintrittskarte braucht, sei wichtig, findet Lynn Lehmann. „Street Art konfrontiert dich unmittelbar mit etwas“, sagt die 28 Jahre alte Künstlerin.

Doch Street Art bestehe nicht nur aus aufwendigen Wandbildern und autorisierten Kunstwerken. „Illegalität macht eigentlich einen wichtigen Teil von Street Art aus“, sagt Dennis Gärtner. Auch auf Lichtenbergs Häuserfronten finden sich zuhauf kleinere Tags, Sticker und schnell angebrachte Zeichnungen. Der 27-Jährige findet es daher manchmal schwer zu verstehen, dass Straßenkünstler auf der einen Seite kriminalisiert werden, „die Politik andererseits aber viel Geld ausgibt, um Kunst im Bezirk zu fördern“. Auch nicht autorisierte Wandgestaltung habe ihren künstlerischen Wert, ist sich das Duo einig.

Robert Pohle findet den Kunstbegriff ebenfalls interessant. „Street Art bewegt sich ja immer im Spannungsfeld zwischen Kunst und Sachbeschädigung“, so der Grünen-Politiker. Nicht immer habe die Kunstform die Anerkennung bekommen, die sie heute genießt. „Zu überlegen, welches Kunstwerk eher auf die Ästhetik ausgelegt ist und welches einen politischen Anspruch erhebt, ist eine spannende Aufgabe.“

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DDR gab das „Nicaraguanisches Dorf – Monimbó 1978“ in Auftrag

In Lichtenberg gibt es beides. „Tropfen und Ringe“ an der Erich-Kurz-Straße 9-11 etwa spielt mit abstrakten optischen Täuschungen und zieht den Betrachter in das Gebäude hinein. Christian Awes Wandbild ist wiederum schon durch seinen Standort politisch: Gegenüber der ehemaligen Stasi-Zentrale erstrahlt eine Hausfassade in blau und rot; Farben, die für Freiheit und Energie stehen.

Prominentestes Beispiel ist wohl das Wandbild „Nicaraguanisches Dorf – Monimbó 1978“ von 1985 an der Skandinavischen Straße 26. Das Kulturministerium der DDR hatte das Kunstwerk in Auftrag gegeben, um sich mit nicaraguanischen Bauern zu solidarisieren, deren Rebellion 1978 blutig niedergeschlagen worden war. Das Gemälde hat bereits eine bewegte Geschichte hinter sich: 2003 ließ der neue Eigentümer des Wohnhauses das Wandbild hinter einer Dämmschicht verschwinden, eine private Initiative konnte jedoch mithilfe von Spendengeldern eine Kopie darauf anbringen. 2013 musste diese abgerissen werden, da abbröckelnde Fassadenteile Passanten und Autos gefährdeten. Erst diesen Sommer wurde mit der erneuten Restauration begonnen. Mitte 2020 soll das Nicaraguanische Dorf wieder am Bahnhof Lichtenberg zu sehen sein.

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