Leserforum Morgenpost

„Lichtenberg kann Zentrum für Kultur und Geschichte werden“

Morgenpost vor Ort: Leserforum zu Problemen und Perspektiven in Lichtenberg. Konzentrierte Diskussion auf der Trabrennbahn Karlshorst.

Leserforum Karlshorst: Bjorn Friese, Roland Jahn, Hajo Schumacher, Annika Eckel, Michael Grunst, Gilbert Schomaker (v.l.)

Leserforum Karlshorst: Bjorn Friese, Roland Jahn, Hajo Schumacher, Annika Eckel, Michael Grunst, Gilbert Schomaker (v.l.)

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Lichtenberg ist ein Bezirk mit großem Potenzial. Das liegt nicht nur am starken Zuzug junger Familien und an einem ausgeprägten Wohnungsbau, sondern auch an Kunst, Kultur und Geschichte. „In Lichtenberg sind 100 Jahre deutsche Geschichte zum Greifen nah“, sagte Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) am Dienstagabend beim Leserforum der Berliner Morgenpost. Zudem gebe es viele unterschiedliche kulturelle Institutionen und Projekte. Das sei nicht nur wichtig, um Touristen in den Bezirk zu locken, sondern auch für die Gemeinschaft der Anwohner.

„Probleme und Perspektiven in Lichtenberg“ – so war das Leserforum überschrieben. Als Teilnehmer der Podiumsdiskussion begrüßte Morgenpost-Kolumnist und Moderator Hajo Schumacher neben dem Bezirksbürgermeister den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, Annika Eckel, Projektleiterin bei Licht-Blicke, Björn Friese, Mitglied der B.L.O.-Ateliers sowie Gilbert Schomaker, stellvertretender Chefredakteur der Berliner Morgenpost. Die Veranstaltung in der Reihe „Morgenpost vor Ort“ fand an ungewöhnlichem Ort statt: im gut gefüllten Veranstaltungszelt der Islandpferde-WM auf der Trabrennbahn Karlshorst. Die wichtigsten Themen im Überblick:

Schulplätze: „Es ist toll, dass so viele Familien nach Lichtenberg ziehen und der Bezirk jünger wird“, sagte Gilbert Schomaker. Das bringe aber auch große Herausforderungen mit sich, etwa im Schulbereich und im Verkehr. Im Schuljahr 2021/22 werden überall in Berlin Schulplätze fehlen, im Bezirk seien es mehr als 4200. „Die Bildungssenatorin macht es sich leicht und verweist auf die Zuständigkeit der Bezirke“, so der stellvertretende Chefredakteur. Da hakte der Bezirksbürgermeister sofort ein: „Die Schulbauoffensive kommt fünf Jahre zu spät. Damals haben die zuständigen Senatsverwaltungen nicht erkannt, dass Berlin wächst.“ Immerhin werde seit 2016 gegengesteuert, auch in Lichtenberg. „Wir haben das Schulamt und den Baubereich, also die Bereiche, die die Schulbauoffensive des Landes begleiten, verstärkt“, sagte Grunst. Dass Berlin hinterherhinkt, sei im Bezirk vor allem in Karlshorst sowie in Teilen Hohenschönhausens spürbar.

In Hohenschönhausen werde aber in der kommenden Woche eine dreizügige Holzbau-Grundschule eröffnet, für die erst im Januar die Bodenplatte gelegt worden sei. Im Januar werde eine weitere Grundschule an der Sewanstraße übergeben. Da noch weitere Schulen konkret geplant würden, sei er überzeugt, dass es „über kurz oder lang“ eine Entspannung geben werde. „Wir müssen das Tempo noch verschärfen, angesichts dieser Zahlen“, mahnte der Bürgermeister, fügte aber hinzu, dass in diesem Schuljahr jedem Kind ein Platz zugewiesen werden könne. Zur Not liege die Lösung im Aufstellen von Containern, in der vorübergehenden Umwandlung von Fach- zu Klassenräumen oder in einer größeren Klassenstärke.

Grunst kritisierte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD): „Ich finde es schrecklich, wenn Senatsmitglieder über die RBB-,Abendschau’ Ansagen an die Bezirke machen. Das ist kein Stil.“ Künftig würden ohnehin nur der Senat und die Howoge neue Schulen bauen, nicht mehr die Bezirke. Für einen letzten Schulbau unter Regie des Bezirks an der Wartiner Straße in Hohenschönhausen, sei jetzt die Ausschreibung begonnen worden.

Gesellschaft und Nachbarschaft: Moderator Hajo Schumacher erinnerte daran, dass Lichtenberg nach der Wende mit dem Image der Stasi-Hochburg leben musste, danach mit dem Stigma, ein Zentrum der Rechtsextremisten zu sein. Wer heute eigentlich das Sagen habe, wollte er von Annika Eckel wissen. „Die Zivilgesellschaft, die mit vielen Menschen gemeinsam verhindert, dass sich die Rechtsextremen hier weiter ansiedeln, zum Beispiel im Weitlingkiez“, antwortete die Projektleiterin bei Licht-Blicke. Die Rechtsextremen hätten längst nicht mehr den Raum, den sie mal hatten. Eckel nannte ein Beispiel. „Als die Identitären im Juni einen Info-Stand am S-Bahnhof Karlshorst aufgebaut haben, waren sehr schnell sehr viele Menschen da. Sie hatten einen großen Müllbeutel dabei und haben den Identitären klargemacht: ,Da könnt ihr eure Flyer gleich reinwerfen’.“

Auch Björn Friese von den B.L.O.-Ateliers hat die Veränderungen wahrgenommen. „Wir sind seit 15 Jahren auf dem Gelände an der Kaskelstraße. Als wir dort hinkamen, hieß es: Bis zu euch kann man noch gehen, weiter nicht, da fängt der Weitlingkiez an. Das war damals auch so, und heute ist es ganz anders. Im Kaskelkiez erlebt man heute richtiges Kiezleben“, erzählte er. Das Viertel sei viel lebendiger geworden, aber anders als zum Beispiel in Neukölln. Dort sei sehr schnell ein „nicht besonders attraktiver Bezirk zu einem hippen Ding geworden“. Der Kaskelkiez habe sich hingegen gut entwickelt – viele Familien mit Kindern und viele soziale Initiativen in ehemaligen Läden.

Der Kiez zwischen Frankfurter Allee und Normannenstraße sei noch keine hippe Gegend, sagte Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. „Aber alles ist möglich, die Karawane zieht weiter.“ Sein Haus wolle Teil der Entwicklung sein, die ehemalige Stasi-Zentrale solle „ein lebendiger Ort werden, an dem Demokratie praktiziert wird“. Es würden sich zunehmend Akteure melden, die dort Projekte umsetzen möchten. „Wir reden gerade über Musikfestivals. Das ist auch ein Signal an die internationalen Gäste“, so Jahn. In der unmittelbaren Nachbarschaft sei ein Prozess in Gang gekommen. „Die Gegend rund um Rusche-, Normannen- und Magdalenenstraße ist geprägt von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern. In der Zentrale waren 7000 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt und hauptsächlich im Umfeld gewohnt. Sie oder ihre Familien leben weiterhin dort“, sagte er. Das erfordere eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart.

„Niemand darf auf ewig verdammt sein, weil er früher mal bei der Stasi war. Er soll Teil unserer Gesellschaft sein. Das ist auch ein Signal, das von dem Gelände ausgeht“, schilderte Jahn seine Position. In den vergangenen Jahren sei der Umgang mit dem Thema Stasi gelassener geworden. „Eine differenzierte Betrachtung von Biografien, der Respekt vor Biografien ist wichtig, damit wir insgesamt uns als Gesellschaft verstehen. Respekt heißt nicht, dass wir denjenigen aus der Verantwortung entlassen für das, was er getan hat. Aber wir wollen den Dialog“, sagte der Bundesbeauftragte. Auf diesen Dialog, etwa in den Familien, setze man auch in Lichtenberg.

Kultur und Tourismus: Die ehemalige Gaswerksiedlung an der Köpenicker Chaussee als Standort für die Kreativwirtschaft sei inzwischen voll vermietet, berichtete der Bezirksbürgermeister. Der international renommierte argentinische Künstler Tomás Saraceno habe sich inzwischen in dem Viertel niedergelassen. An der Hauptstraße in Rummelsburg würden Ateliers eingerichtet und in Karlshorst das ehemalige Theater gegenüber dem Kulturhaus reaktiviert.


Zu den wichtigen Kulturstandorten im Bezirk zählen auch die B.L.O-Ateliers an der Kaskelstraße. 50 Ateliers werden von Künstlern, Kulturakteuren, Handwerkern und sozialen Initiativen genutzt. Ein Kindertheater probt und spielt dort, die ehemalige Eisenbahner-Kantine ist heute ein Veranstaltungsraum. Eine Party-Location sind die B.L.O.-Ateliers indes nicht, anders als etwa das RAW-Gelände in Friedrichshain. Seit 15 Jahren ist der Betreiberverein „Lockkunst“ Mieter der Deutschen Bahn und hofft, dass der 2024 auslaufende Mietvertrag langfristig verlängert wird. „Wir sind dort etabliert, es ist kaum vorstellbar, dass dieses Projekt verschwindet“, sagte Björn Friese.


Lichtenberg sei sehr geschichtsträchtig, betonte der Bezirksbürgermeister. Das reiche von der Revolution 1919 über die Weimarer Republik und die NS-Zeit zum Kapitulationsmuseum und die DDR-Zeit. Diese werde im Bezirk sehr präsent bearbeitet, durch die Haftanstalt in Hohenschönhausen und den Campus für Demokratie. „Das wollen wir stärker erlebbar machen, damit die richtigen Schlussfolgerungen aus dieser Geschichte gezogen werden, und die heißen Demokratie“, sagte Grunst. Hinzu kämen 100 Jahre Industriegeschichte und 100 Jahre Baugeschichte. Das alles seien gute Angebote für Menschen aus aller Welt.


Campus für Demokratie: Nicht nur der Bezirksbürgermeister, auch Morgenpost-Vertreter Gilbert Schomaker, kann sich vorstellen, dass man dieses kulturelle und historische Potenzial des Bezirks touristisch und zur weiteren Imagepflege nutzen kann. Ein wichtiger Anker dabei könne der Campus für Demokratie auf dem Areal der ehemaligen Stasi-Zentrale sein. Dort stellt Roland Jahn die Weichen für die Zukunft. Sein Konzept, das bereits vom Kulturausschuss des Bundestages beschlossen wurde, sieht ein Archivzentrum vor. Akten der DDR-Bestände im Bundesarchiv, insbesondere von Ministerien, Parteien und anderen Massenorganisationen, sollen in Lichtenberg konzentriert und zugänglich gemacht werden für die Forschung und die kommenden Generationen. So solle der Campus auch ein Forschungszentrum werden, betonte Jahn.


Auf dem Gelände gibt es zwei große Gebäude in privatem Eigentum, die leer stehen, erzählte Roland Jahn – die Häuser 15 und 18. Die seien 2011, kurz vor seinem Amtsantritt, von der Bahn für einen Euro verkauft worden. Damit habe es die Bundesrepublik leider aus der Hand gegeben, die Entwicklung dieser Häuser zu steuern. Er habe immer darauf hingearbeitet, Leerstand auf dem Gelände zu beenden, alle Häuser zu nutzen und dazu einzuladen, diesen Ort lebendig zu machen. Allein, dass die Ausstellung zur friedlichen Revolution und zum Mauerfall heute auf dem ehemaligen Hof der Stasi zu sehen ist sei großartig und zeige, dass sich die Zeiten geändert haben.


Das Haus 15 könne zum Beispiel zu einem Hostel umgestaltet werden, im Haus 18 möchte der Bundestag eine Dauerausstellung zur Opposition in der DDR unterbringen. Das wäre ein weiterer wichtiger Baustein, den Campus als Ort der Repression, der Revolution und der Aufklärung zu präsentieren. Das Haus 18, der ehemalige Versorgungstrakt der Stasi, sei aber so riesig, dass dort auch zusätzlich Kunst-und Kulturprojekte, Gastronomie und Co-Working-Spaces für Startups möglich seien. Das von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eingesetzte Standortmanagement rede nun mit den privaten Eigentümern über die Zukunft und langfristige Nutzung der Gebäude.

Angebote: Der Campus für Demokratie und die B.L.O-Ateliers machen Angebote, die auch in die Nachbarschaft hineinwirken. So gebe es etwa Bildungsangebote für Schüler, auch Projekttage, etwa zur Pressefreiheit, erläuterte Roland Jahn. Anhand der Arbeitsweise der Stasi könnten Jugendliche viel lernen, etwa zur gezielten Produktion von Fake News. In den B.L.O-Ateliers könnten Jugendliche wie Erwachsene zum Beispiel Workshops für Bogen- oder Bumerangbau besuchen, erklärte Björn Friese. Es gebe Theaterprojekte, der Veranstaltungsraum in der ehemaligen Kantine werde gern auch von Nachbarn genutzt. Und in der Schlosserei mit Schmiede könnten Besucher, etwa bei Tagen der offenen Tür, erleben, wie traditionelles Handwerk aussieht.


Auch Licht-Blicke arbeite mit Schulen zusammen und biete, je nach Interessenlage, unterschiedliche Projekte an. Zum Beispiel im Projekt Stolpersteine, mit denen deutschlandweit an von den Nazis deportierte und ermordete Juden erinnert wird, sagte Projektleiterin Annika Eckel. Seit zehn Jahren gebe es die Fach und Netzwerkstelle Licht-Blicke für Projekte zur Rechtsextremismusprävention, Antirassismus-Arbeit und Empathieförderung. Das nutzten ganz unterschiedliche Institutionen, etwa ein Sportverein, der Probleme mit rassistischen Sprüchen hat oder ein Jugendclub, in dem homophobe Provokationen kursieren. Licht-Blicke vermittele dann Fachberatung und vernetze Akteure. Grundgedanke ihrer Arbeit sei, dass Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung an einem Strang ziehen.

Obdachlosigkeit: Viele Anwohner und Passanten ärgern sich über die Trinkerszene am Bahnhof Lichtenberg, die im Zuge der sich dort aufhaltenden Obdachlosen entstanden ist, sowie über das Zeltlager von Obdachlosen an der Rummelsburger Bucht. Der Bezirksbürgermeister erklärte, er prüfe ein Alkoholverbot auf dem Bahnhofsvorplatz. In Absprache mit der Senatssozialverwaltung solle zudem ein Platzmanagement eingesetzt und dabei positive Erfahrungen, wie sie etwa am Leopoldplatz in Wedding gewonnen wurden, genutzt werden. „Es soll eine angstfreie Zone entstehen“, betonte Michael Grunst. Es müsse aber auch eine Lösung für die obdachlosen Menschen geben, diese bräuchten Hilfe. Das Bezirksamt sei mit Helfern im Gespräch, ob man den Obdachlosen einen anderen Platz anbieten kann.


Das Gelände in Rummelsburg solle in absehbarer Zeit bebaut werden, sagte der Linke-Politiker. Was bis dahin mit den Zelten geschieht, blieb beim Leserforum offen. Gilbert Schomaker warnte vor falsch verstandener Toleranz. Politik und Verwaltung müssten Grenzen setzen und diese auch durchsetzen. Der Bezirksbürgermeister betonte, es werde durchaus auch ordnungsbehördlich vorgegangen, grundsätzlich sei aber ein anderer Zugang zu Obdachlosigkeit notwendig. Er gab Hajo Schumacher Recht, dass Provisorien, wenn sie sich denn verfestigen, irgendwann Fakten schaffen. Die Grundstückseigentümer seien aufgefordert worden, das Gelände einzuzäunen und einen Wachschutz einzusetzen, sagte Grunst. In der Vergangenheit seien aber auch Zäune eingerissen worden.

Karlshorst: Die Karlshorster waren beim Leserforum stark vertreten, folglich spielte die Entwicklung dieses Ortsteils eine große Rolle. Der Bezirksbürgermeister kündigte zunächst an, dass nun beim Bau von fast 1200 Wohnungen in der Parkstadt Karlshorst alle Wohnungen in die Berechnungen der dafür notwendigen Kita- und Schulplätze einberechnet und der städtebauliche Vertrag mit dem Investor entsprechend geändert werde. Unklar sei noch, ob die rund 180 Wohnungen in den Staffelgeschossen auch zur Berechnung des Anteils an Sozialwohnungen herangezogen würden.


Grunst trat auch Befürchtungen entgegen, an der Rheinpfalzallee würden Hochhäuser gebaut. Die dort vorgesehene Bebauung werde sich in die Umgebung einpassen. Zur Frage einer Anwohnerin, ob dort angesichts der vorhandenen Schulplätze im Umfeld tatsächlich eine Schule errichtet werden müsse, sagte er, gerade in Karlshorst, wo viele neue Wohnungen entstehen, würden alle Grundschulplätze gebraucht. Vertreter des Bürgervereins Karlshorst äußerten die Befürchtung, bei den vielen Bauvorhaben bleibe keine Flächenreserve mehr für die Infrastruktur. Dabei gehe es nicht nur um Schulen und Kitas sondern etwa auch um Arztpraxen und die Nahversorgung.