Rockermilieu

Howoge kassierte jahrelang Miete von Hells Angels

Der „Germanenhof“ war ein Quartier der Hells Angels. Von den monatlichen Zahlungen für die Nutzung der Kneipe profitierte die Howoge.

 Die Kneipe "Germanenhof": Die „Nomads“, so der Name des Hells-Angels-Charters, hatten sich in dem eingeschossigen Gebäude in einem Plattenbauviertel in Hohenschönhausen zur Miete einquartiert.

Die Kneipe "Germanenhof": Die „Nomads“, so der Name des Hells-Angels-Charters, hatten sich in dem eingeschossigen Gebäude in einem Plattenbauviertel in Hohenschönhausen zur Miete einquartiert.

Foto: Michael Gottschalk / dapd

Berlin. Der „Germanenhof“ galt als einer der wichtigsten Treffpunkte der Berliner Rocker-Szene. Ein Billardtisch und eine Dartscheibe, in der Ecke ein Skelett mit einem übergestreiften Tierfell, an der Wand Poster mit Gestalten, die einer Germanen-Sage entsprungen zu sein schienen. So sah sie aus, die Kneipe, von der aus der „Präsident“ einer Filiale des berüchtigten Rockerclubs Hells Angels seine Geschäfte führte.

Hells Angels zahlten zunächst regelmäßig Miete

Die „Nomads“, so der Name des Hells-Angels-Charters, hatten sich in dem eingeschossigen Gebäude in einem Plattenbauviertel in Hohenschönhausen zur Miete einquartiert. Nun wird bekannt, an wen die „Outlaw Motorcycle Gang“, der „gesetzlose Rockerclub“ also, Monat für Monat seine Miete überwies. Die Nachricht dürfte überraschen: Denn von den Zahlungen profitierte kein Immobilienmagnat aus der Halbwelt – sondern die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge.

Die Mitteilung über die unvermutete Geschäftsbeziehung offenbarte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber. „Der Gewerbemietvertrag mit der Germanenhof GmbH lief seit dem 31. August 2003“, heißt es darin. Beendet wurde das Mietverhältnis am 20. Januar 2016 – aufgrund von nicht näher spezifizierten „Vertragsverletzungen“, wie es heißt. Die Howoge habe die Immobilie in der Zingster Straße 12 im Mai 2013 übernommen.

Kündigung erst 2016 möglich

Dass sich hinter der Germanenhof GmbH die Hells Angels verbergen, sei der Howoge damals zwar bekannt gewesen. Die Germanenhof GmbH sei ihren „mietvertraglichen Verpflichtungen“ aber zunächst nachgekommen. „Durch den bei Ankauf bereits bestehenden Mietvertrag, der zunächst erfüllt wurde, gab es keine Möglichkeiten, das Mietverhältnis frühzeitig zu beenden“, schreibt die Verwaltung. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wurde die die im Januar 2016 ausgesprochene Kündigung erst wegen ausstehender Mietschulden möglich.

Betreiber der Rocker-Kneipe 2016 niedergeschossen

Betreiber der Kneipe „Germanenhof“ war der Rocker André S., der bei den „Hells Angels Nomads“ 2008 zum Präsidenten aufstieg. Seinen Amtsvorgänger schmiss S. aus dem Klub. Dann wurde er in Folge der Rivalitäten im Jahr 2012 am Germanenhof niedergeschossen. Der einst als Hooligan im Umfeld des BFC Dynamo bekannt gewordene S. überlebte, wenn auch mit schmerzhaften Blessuren. Gewalttaten ereigneten sich an dem Gebäude, von dessen Vermietung die Howoge profitierte, ohnehin häufiger. Seit 2012 registrierte die Polizei 13 teils schwere Körperverletzungen an der Adresse und drei Sexualdelikte. Die Polizei schaute „anlassbezogen“ vorbei, wie die Innenverwaltung auf eine weitere Anfrage des SPD-Innenexperten Schreibers mitteilte. Ansonsten hielt sich der Staat zurück. Kontrollen führte in der Rocker-Kneipe die Lebensmittelaufsicht durch. Auf die Möglichkeit, Gewerbekontrollen durchzuführen, verzichtete das Bezirksamt Lichtenberg dagegen.

Rocker-Kriminalität: Der Staat agiert zu zögerlich

Schreiber bezeichnet das Mietverhältnis zwischen Howoge und einer Einrichtung der Rockerszene als „Negativbeispiel“, das sich nicht wiederholen dürfe. „So etwas unterhöhlt den Kampf gegen die organisierte Kriminalität“, sagte Schreiber. Mietverträge landeseigener Gesellschaften sollten rechtssichere Klauseln enthalten. Darin müsse festgehalten werden, dass Verbindungen eines Mieters zur organisierten Kriminalität einen Kündigungsgrund darstellten. „So eine Klausel wäre sinnvoll“, sagte Schreiber.

Blutiger Kampf zwischen Hells Angels und Bandidos

Die Hells Angels hatten sich mit dem verfeindeten Rockerclub Bandidos in Berlin und in anderen Städten Jahre lang blutige und teils tödliche Kämpfe geliefert. Die Hells Angels Nomads, das Charter von Präsident André S., kam im Jahr 2012 mit einer formellen Auflösung einem Verbot zuvor. Mitglieder eines weiteren Berliner Charters der Hells Angels müssen sich zurzeit vor dem Berliner Kammergericht verantworten. Sie sollen einem verfeindeten Rocker aus dem Umfeld der Bandidos gemeinschaftlich handelnd in einem Wettbüro in Reinickendorf ermordet haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Nach dem Verbot etlicher Clubfilialen ist es im „Rockerkrieg“ inzwischen ruhiger geworden. Die Clubs gingen ihren Geschäften eher im Stillen nach, heißt es. Genannt werden Drogen- und Menschenhandel, das Rotlicht- und Türstehermilieu, sowie Schutzgelderpressungen. Im Straßenbild sind die Rocker ohnehin kaum noch als solche erkennbar. Der Grund: Im Jahr 2014 wurde das sogenannte „Kuttenverbot“ erlassen. Rocker dürfen seitdem nicht mehr die Abzeichen ihrer Clubs tragen, wenn diese von Verboten betroffen sind.

Viele Mitglieder von Rockerclubs sitzen im Gefängnis

Etliche Mitglieder von Rockerclubs befinden sich mittlerweile hinter Gittern. Die Angeklagten im Wettbüromord-Prozess sitzen zur Sicherung des Verfahrens wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit. Weitere 14 Rocker befinden sich in der JVA Tegel, drei sitzen in der JVA Heidering ein, so der Stand im Herbst vergangenen Jahres.

In das Gebäude an der Zingster Straße zog nach der Kündigung des von André S. betriebenen „Germanenhofs“ erneut eine Gastronomieeinrichtung. Verbindungen zur Rocker-Szene gebe es nicht, heißt es aus der Howoge.