Lichtenberg

„Wir machen den Kiez bunt“

Eine vierköpfige Familie berichtet, wie sie den Bezirk Lichtenberg als „familiengerechte Kommune“ erlebt.

Zogen nach Alt-Lichtenberg und haben es keine Sekunde bereut: Melanie Kramer und Sebastian Müller mit ihren Kindern Emma (6), Oskar (ein Jahr alt).

Zogen nach Alt-Lichtenberg und haben es keine Sekunde bereut: Melanie Kramer und Sebastian Müller mit ihren Kindern Emma (6), Oskar (ein Jahr alt).

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Lange Zeit war Lichtenbergs Bevölkerung auf Stasi, Nazi und Rentner reduziert. Doch das ist längst vorbei, immer mehr junge Familien zieht es aus der überteuerten City in den Bezirk, die Zahl der Kinder wächst. „Familienfreundliches Lichtenberg“ steht auch auf allen Briefköpfen des Bezirks. Denn Lichtenberg ist der einzige Berliner Bezirk, der sich „familiengerechte Kommune“ nennen darf.

„Familienfreundlichkeit ist für uns eine Investition in die Zukunft, die sich auszahlt“, sagt Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Doch wie sieht das in der Praxis aus? Wir haben eine vierköpfige Familie gefragt.

Melanie Kramer (38) und Sebastian Müller (37) sind vor sieben Jahren nach Alt-Lichtenberg in eine Wohnung nahe der Frankfurter Allee gezogen. Altbau, drei Zimmer. Die Verkäuferin kommt ursprünglich aus Friedrichshain, der Lkw-Fahrer ist in Lichtenberg aufgewachsen, hat dann lange in Treptow-Köpenick gewohnt. Damit sind die beiden typisch für die vielen Neu-Lichtenberger, die hier eine Familie gründen. Tochter Emma kam 2012 im nahen Sana-Klinikum zur Welt. Bei dem jetzt einjährigen Oskar wurden in der Feindiagnostik neben dem Downsyndrom auch ein Herzfehler festgestellt. Wegen der Nähe zum Deutschen Herzzentrum entschied sich die Familie deshalb für eine Entbindung im Virchow-Klinikum in Mitte.

Emma geht mittlerweile in die Schule, die gleich um die Ecke liegt. „Eine Montessori-Schule mit viel Freiarbeit, damit sind wir sehr zufrieden“, sagt Melanie Kramer. Ein Schwachpunkt sei allerdings die Turnhalle. Sie ist marode, die Toiletten dort sind gesperrt. Hier merke man, dass kein Geld vorhanden ist für die Sanierung. Auch platze die Schule aus allen Nähten, denn in der Umgebung entstehen viele neue Wohnungen. Zwar wurde eine weitere Schule eröffnet, aber die sei schon jetzt zu klein.

Informationen über ihren Kiez und Angebote erhält die Familie hauptsächlich über die Mieterzeitung ihres Vermieters Howoge und über Straßenfeste. Hier wie auch bei Stadtteildialogen und Bürgerinitiativen erfahren sie, was für die Bürger getan wird von der Politik oder auch, wo man sich als Bürger einbringen kann.

Seit sie hergezogen sind, habe sich viel verändert im Kiez. Es seien viele Spielplätze neu gebaut oder saniert worden. Sebastian Müller stört eigentlich nur, dass die Spielplätze kein Licht haben. „Gerade im Winter könnte man bei milden Temperaturen noch draußen spielen, aber ab 16 Uhr ist Zapfenstreich.“ Ist Melanie Kramer mit Emma noch zur Krabbelgruppe in den Nachbarbezirk Friedrichshain gefahren, gibt es inzwischen auch in Lichtenberg genügend Angebote. Mit Oskar geht sie heute meist in eines der vielen neu entstandenen Begegnungszentren.

Der Bezirk schaue schon, dass die Menschen verschiedener Generationen zusammen kommen, finden beide. „Ein Nachbar hat ein Fest für die Anwohner organisiert und erhielt dafür Unterstützung vom Bezirksamt“, weiß Melanie Kramer. Die Sozialstadträtin Birgit Monteiro (SPD) habe dort auch die Eröffnungsrede gehalten. „Sie hat ein schönes Titelbild auf ihrem Facebook-Account, schmückt sich mit Behinderten, da bin ich gespannt, was noch passiert“, sagt Melanie Kramer.

Denn die Inklusion, die für die Familie wegen Oskar ein großes Thema ist, stecke auch in Lichtenberg noch in den Kinderschuhen. „Wir haben Glück mit Emmas Schule, die haben zwei Kinder mit Down-Syndrom“, sagt Sebastian Müller. Rollstuhlfahrer könnten die Schule aber nicht besuchen, da sie nicht barrierefrei ist – damit sei die Inklusion schon wieder eingeschränkt. „Einen I-Status bekommt mittlerweile jedes dritte Kind und die Kitas dadurch mehr Geld, da muss man sich nichts vormachen“, meint Melanie Kramer. Dafür fehle aber dann bei Kindern mit wirklichem I-Status und Förderbedarf das Personal. „Da sollten sie dranbleiben, das ist auf jeden Fall verbesserungswürdig“, sagt auch Sebastian Müller.

Doch das wird sich leider so schnell nicht ändern, denn Personal fehlt generell in den Kitas. Bezirksbürgermeister Michael Grunst spricht von 1000 vorhandenen Plätzen, die nicht vergeben werden können, da es an Erziehern mangele. Melanie Kramer bleibt deshalb die kommenden Jahre in Elternzeit. „Oskar ist nicht mobil, der würde den ganzen Tag nur auf dem Fußboden liegen oder in seinem Therapiestuhl sitzen, und keiner hätte Zeit, sich um ihn zu kümmern“, sagt sie.

Mit dem Bürgeramt sind sie generell zufrieden. Besonders das Jugendamt loben sie. Die Elterngeldanträge waren schnell bearbeitet. Auch der Hortplatz für Emma, auf den sie eigentlich keinen Anspruch hatte, wurde genehmigt. „Der ist auch wichtig für die soziale Entwicklung, ich freue mich, dass das geklappt hat“, sagt Melanie Kramer. Auch schickte das Standesamt die Geburtsurkunde für die in Lichtenberg geborene Emma nach drei Tagen, beim in Mitte geborenen Oskar habe es elf Wochen gedauert. Ein Unding, wenn man Mutterschaftsgeld und Kindergeld beantragen möchte.

Die Entscheidung keine Sekunde bereut

Zufrieden sind sie auch mit dem kulturellen Angebot ihres Bezirks. Tochter Emma war bereits mit ihrer Kita-Gruppe häufig in der Bibliothek oder im Theater an der Parkaue. „Die machen echt schöne Sachen, das sollten wir viel öfter nutzen“, sagt Melanie Kramer. Voll des Lobes ist die Familie nicht nur für den Stadtpark, sondern auch für den Landschaftspark Herzberge, eingerahmt von BVG-Gelände, Gewerbe und Hochhäusern. „Da denkt man nicht, dass so viel Grün dazwischen liegt,wo Schafe und Rinder grasen. Der Park ist richtig cool, auch zum Joggen oder Radfahren.“ Darüber freut sich Sebastian Müller.

Befürchtungen, dass es in Lichtenberg zu voll werden könnte, haben sie noch nicht, „aber man merkt den Wandel auch bei den Mietpreisen“, sagt Sebastian Müller. Ihre Wohnung ist zwar groß, hat aber nur drei Zimmer. „Wir haben nach einer anders geschnittenen Wohnung geschaut, aber 400 Euro mehr für zwei Quadratmeter weniger – nee, dann bauen wir lieber hier um.“

Beide bereuen ihre Entscheidung, nach Alt-Lichtenberg gezogen zu sein, keine Sekunde. „Früher dachte ich ,Lichtenberg: Nazibezirk’, gesteht Melanie Kramer. Jetzt ist sie froh, hier zu wohnen. „Die Familien, die hierher ziehen, machen es echt bunt.“

Das Prädikat:

Der Verein „Familiengerechte Kommune“ , der von der Ruhr-Universität Bochum und der Bertelsmann-Stiftung gegründet wurde, will die „Familien- bzw. Generationengerechtigkeit nachhaltig stärken“. 2015 wurde Lichtenberg als einziger Bezirk mit dem Prädikat ausgezeichnet. Zurzeit wird geprüft, ob er die Auszeichnung für die kommenden Jahre behält.

Mehr über den Bezirk Lichtenberg lesen Sie hier.

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