Projekt

Lighthill Gospel in Rummelsburg: Kirchenchor mal anders

150 Stimmen für ein Halleluja: Das Chorprojekt Lighthill Gospel von Stephan Zebe ist in seiner Größe und Art einzigartig in Berlin.

Stephan Zebe ist Komponist, Musikverleger und Chorleiter.

Stephan Zebe ist Komponist, Musikverleger und Chorleiter.

Foto: Rita Schulze

Berlin. "Das gemeinsame Einatmen ist wichtig", so beschreibt Stephan Zebe die Proben seines Chorprojekts Lighthill Gospel, "dann ist jedes Treffen wie eine kleine Party, aber trotzdem konzentriert". Zum fünften Mal starten im Januar 2019 die wöchentlichen Treffen der mehr als 150 Sängerinnen und Sänger, die sich Jahr für Jahr aufs Neue zusammenfinden, um in zwölf Wochen ein Programm zu erarbeiten - Tendenz steigend. Im März wird in der Erlöserkirche in Rummelsburg dann vor Publikum gesungen, manchmal auch noch zu weiteren Terminen, etwa bei Hochzeiten, Mitsing-Gottesdiensten oder natürlich zu Weihnachten. So auch am 24. Dezember 2018 um 22 Uhr bei der Gospel-Christnacht in der Erlöserkirche.

Chöre gibt es in Berlin wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Rund 240 Gesangsgruppen listet der Chorverband Berlin auf, Kinder- und Jugendchöre sind da nicht mitgezählt. Doch der auf wenige Monate beschränkte Lighthill Gospel-Chor sei etwas Besonders: "Ein Angebot, was es so sonst nicht gibt - weder in seiner Größe noch in seiner Art", erklärt der 52-Jährige.

Entstanden ist der Chor aufgrund zahlreicher Nachfragen: Als Gründer des 20-köpfigen, rein weiblichen Gospelkollektivs der Paul-Gerhardt-Gemeinde habe er mehrfach Anfragen erhalten, ob er nicht noch einen neuen, gemischten Chor leiten möchte. Als Musikverleger und Workshopleiter wäre ihm das aber zu viel geworden, und so kam ihm die Idee zu diesem auf die dunkle Jahreszeit begrenzten Projekt. "Damit habe ich einen Nerv getroffen, denn das spricht auch viele an, die sich nicht für einen festen Chor entscheiden wollen. Bei dem muss man sich ja dann lebenslänglich verpflichten, wie sich das so gehört", sagt Stephan Zebe und lacht.

Außerdem: "Es bringt Energie und Lebensfreude", schwärmt eine Teilnehmerin. Auch sei das Projekt ideal, um die dunkle Jahreszeit schön zu überbrücken, findet eine andere und ergänzt: "Man wird zwar gefordert, hat aber viel Spaß. Und der Auftritt am Ende beflügelt und macht schon ein wenig stolz."

Auch wenn Gospel eine Stilrichtung der christlichen Musik ist, wird nicht nach der Glaubensrichtung gefragt, vielen geht um Chorklang und gemeinsamen Sound. Man braucht keine große Chorerfahrung und muss auch keine Noten kennen, aber man sollte seine Stimme halten können, das würde sonst zu sehr stören. "Gelegentlich musste der ein oder andere auch schon mal das Handtuch werfen", gesteht Zebe.

Ab einem Alter von 16 Jahren dürfe man mitsingen, nach oben gibt es keine Grenze. "Das Durchschnittsalter liegt bei 35 bis 60 Jahren, es sind aber auch viele 20- bis 30-Jährige dabei". Die meisten kommen aus Lichtenberg, einige aber auch aus dem Umland. "Die reisen dann eine Stunde an, singen zwei Stunden und reisen dann wieder eine Stunde ab. Das imponiert mir schon", sagt Zebe.

Es sei schon besonders, dass die Leute mit Kirche und Glauben auf diese Art in Berührung kommen, "also auch mal ganz positiv und weitab von allen Kritiken", freut sich Zebe, der mit seinen fünf Geschwistern in einem kirchlichen Elternhaus aufwuchs. Zur Gospelmusik kam er mit 14 Jahren über das Radio. "Wir wohnten damals in der Nähe von Berlin, da konnten wir den amerikanischen Soldatensender AFN empfangen. Sonntagfrüh wurde immer Gospelmusik gespielt, und das hat mich schon sehr berührt", sagt der gebürtige Cottbusser. Auch Aretha Franklin habe ihn sehr beeindruckt. "Von der gab es auch in der DDR Schallplatten. Und dann gab es natürlich noch die Aufnahmen von Westschallplatten, die von Kassette zu Kassette überspielt wurden.

Geprägt hat ihn aber auch die Erlöserkirche in der Nöldnerstraße: "Mit 14, 15, 16 bin ich immer zu den Blues-Messen von Rainer Eppelmann gegangen", erinnert er sich. Jene zwischen 1979 und 1986 abgehaltenen Gottesdienste mit Blues-Musik spielten eine besondere Rolle im Widerstand Jugendlicher gegen das DDR-Regime.

In Halle, wo er Kirchenmusik studiert hat, gründete er mit einer Kommilitonin den ersten Gospelchor der Kirchenmusikschule. Die "Salttown Voices" gibt es heute noch. Gerade hat der Chor, dessen Name von der damals in Halle noch aktiven Saline herrührt, sein 30. Jubiläum gefeiert.

Als er über Hamburg wieder nach Berlin gekommen ist, verschlug es ihn erneut in die Erlöserkirche. "Ich habe die Pfarrerin Sapna Joshi kennen gelernt und fand es ganz toll da." So toll, dass er dort auch sein Gospelkollektiv etabliert hat. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde habe eine sehr vielfältige und sehr professionelle Kirchenmusik mit tollen Aufführungen, lobt Zebe. "Das ist ein großer Spaß, davon profitiert die ganze Gemeinde." Dort entstand dann auch die Idee zu Lighthill Gospel. Doch in der Erlöserkirche zu proben ist in dieser Jahreszeit zu kalt, deshalb freut sich Zebe, dass ihn der Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree nicht nur finanziell, sondern auch mit seinem Saal in der Schottstraße unterstützt.

Das Projekt findet jetzt zum fünften und vorerst letzten Mal statt. Zebe wird sich verändern, seine Frau hat ein Jobangebot, deshalb zieht die Familie weg aus Berlin. Ob es einen würdigen Nachfolger gibt, ist noch ungewiss.


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