Belästigungsvorwürfe

Spurensuche in der Stasi-Opfer-Gedenkstätte

Warum der Leiter der Stasi-Opfer-Gedenkstätte, Hubertus Knabe, gehen musste – und die Politik so lange gezögert hat.

Hubertus Knabe wird vorgeworfen, die sexuellen Übergriffe seines Stellvertreters nicht abgestellt zu haben

Hubertus Knabe wird vorgeworfen, die sexuellen Übergriffe seines Stellvertreters nicht abgestellt zu haben

Foto: imago stock / imago stock&people

Hohenschönhausen. Als Hebel dient das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Es verpflichtet Arbeitgeber darauf zu achten, dass Menschen nicht wegen ihrer sexuellen Identität benachteiligt werden. Um so etwas zu unterbinden, kann ein Beschäftigter auch aus seiner Stellung entfernt werden. So ist es jetzt dem Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen ergangen. Hubertus Knabe wurde gekündigt, weil es in der Gedenkstätte seit Jahren durch Knabes Stellvertreter Helmuth Fraundorfer sexuelle Übergriffe gegeben haben soll. Knabe soll seinen Stellvertreter nicht gestoppt haben. Der Stiftungsrat um Kultursenator Klaus Lederer (Linke) traut Knabe jedenfalls nicht zu, den notwendigen Kulturwandel in der wichtigen Stätte der Aufarbeitung des DDR-Unrechts einzuleiten.

Knabe will sich juristisch wehren. Er habe seine Mitarbeiter immer fair und respektvoll behandelt, schrieb er am Dienstag in einer Twitter-Mitteilung. Am öffentlichen Schlagabtausch wolle er sich nicht beteiligen und werde keine „sensiblen Personalvorgänge in die Öffentlichkeit“ tragen. „Da ich mich immer mit Leidenschaft für den Rechtsstaat eingesetzt habe, vertraue ich auch jetzt darauf, dass er der richtige Adressat ist, um die Geschehnisse politisch und juristisch aufzuarbeiten.“ Das bedeutet offenbar, dass Knabe gegen die Kündigung klagen wird.

Zum Rauswurf kursieren auch Verschwörungstheorien

Seit Knabes Rauswurf herrscht im Umfeld derer, die das DDR-Unrecht aufarbeiten wollen, Aufruhr. Von einer „Strafaktion“ des linken Kultursenators gegen den Linken-Kritiker Knabe ist die Rede. Die Beiratsmitglieder Bärbel Bohley, Freya Klier, Barbara Zehnpfennig und Edda Schönherz setzten sich nach dessen Kündigung für Knabe ein. Auch der ehemalige Bürgerrechtler und CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz verlangte genaue Angaben zu den Vorwürfen. Sollten keine „triftigeren Gründe als die bisher öffentlich bekannten“ vorliegen, sei die Entlassung ein „irreparabler Rückschlag für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte“. Der Vorgang sei daher von „nationaler Bedeutung“.

Die Berliner FDP, CDU und AfD fordern unabhängige Aufklärung und kritisieren scharf, dass Knabe in der entscheidenden Sitzung des Stiftungsrates nicht angehört worden sei. Das aber bestreiten Mitglieder des Gremiums vehement. Auch Verschwörungstheorien kursieren. Ein Gedenkstättenführer fühlt sich an die „Zersetzungsstrategien der Stasi“ erinnert. Andere spekulieren, die Frauen, die durch einen Brief an Lederer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) den Stein ins Rollen brachten, seien bestochen worden, um ihre Vorwürfe gegen Knabe zu erheben. Und sie seien zu feige, ihre Namen zu nennen. Die Namen sind tatsächlich nicht öffentlich bekannt. Die Frauen trauten sich nicht in die Öffentlichkeit, weil sie berufliche Nachteile befürchteten, sagt die Senatskulturverwaltung.

Aber auch von anderer Seite kommt Kritik. Wieso die Kulturverwaltung nicht viel eher eingegriffen habe, fragt die Kulturexpertin der Grünen, Sabine Bangert. Denn dass Fraundorfer vornehmlich junge Frauen sexuell bedrängte und seine Hände nicht bei sich halten konnte, sei ein offenes Geheimnis gewesen. Tatsächlich erhielt die Senatskulturverwaltung – Aufsichtsbehörde der Gedenkstätte Hohenschönhausen – einen ersten Hinweis im Spätherbst 2015, teilte Lederers Sprecher auf Anfrage mit. Bereits im Oktober 2014 habe sich eine Betroffene an die Frauenvertreterin gewandt und ihre Erlebnisse geschildert. Sie wollte aber anonym bleiben und bat die Frauenvertreterin, darüber zu schweigen. Nachdem die Betroffene die Frauenvertreterin von ihrer Schweigepflicht entbunden hatte, sei der Vorfall der Verwaltung sofort zur Kenntnis gelangt.

Kulturstaatssekretär: Damals "das Maximum ausgeschöpft"

Dann verging viel Zeit: Im Februar 2016 beorderte der damalige Stiftungsratsvorsitzende und Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) eine an die Gedenkstätte gesandte Volontärin seines Hauses zurück. Um sie vor Fraundorfer zu schützen, heißt es. Renner zitierte Knabe zu sich und forderte ihn auf, das Verhalten seines Stellvertreters abzustellen. Knabe führte dann ein Personalgespräch mit Fraundorfer. Dieser sei aber nicht nur sein Stellvertreter, sondern auch ein langjähriger Freund, wie einer sagt, der beide lange kennt. Ende 2016 ließ die Kulturverwaltung wieder Volontärinnen in die Gedenkstätte – mit der Maßgabe, dass Fraundorfer sie nicht anleiten sollte. Damals war konkret ein langer Streit mit einer Mitarbeiterin bekannt, in dem es aber weniger um sexuelle Übergriffe gegangen sein soll. Und eine junge Volontärin wurde von Fraundorfer mit nächtlichen Liebes-SMS und Anzüglichkeiten bedrängt.

Renner sagt heute, man habe damals „das Maximum ausgeschöpft, was man nach damaligem Kenntnisstand und nach Auskunft der Hausjuristen machen konnte“. Dass Fraunhofer sein inakzeptables Verhalten nicht änderte, ist nun, zwei Jahre später, offenbar Lederers juristischer Angriffspunkt, um Knabes Kündigung notfalls auch vor einem Arbeitsgericht durchzukämpfen.

Denn die Ansprache Knabes an seinen Vize änderte offensichtlich nichts. Laut Kulturverwaltung meldete sich mit dem Verweis auf strikte Vertraulichkeit eine Betroffene im Dezember 2017 bei der Frauenvertreterin der Senatsverwaltung mit weiteren Vorwürfen gegen Fraundorfer. Aber immer noch schien es der Behörde nicht angeraten, aktiv gegen Knabe vorzugehen. Das Verhältnis des prominenten Gedenkstätten-Direktors zu den Kulturverwaltern war schon immer schwierig. Man fürchtete genau jene Vorwürfe, die schließlich auch gekommen sind: dass ein von Sozialdemokraten beziehungsweise von Linken geführtes Haus einen Kritiker mundtot machen wolle.

Präventionskonzept soll Frauen besser zu schützen

Als weiterer Schritt wurde beschlossen, den Schutz der Frauen zu verbessern. Der Stiftungsrat beschloss am 11. Juni 2018, den Vorstand mit einem Präventionskonzept zu beauftragen. Kurz darauf eskalierte die Lage, als der Brief der sechs Frauen mit weiteren Vorwürfen bei Kultursenator Lederer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) einging.

Dass seit dem Beginn der öffentlichen Diskussion nun weitere Hinweise eintreffen, wonach auch Knabe selbst übergriffig gewesen sein soll, spiele in der Bewertung aktuell keine Rolle, heißt es. Die Vorwürfe seien anonym. Die Behörde versucht aber, die Absenderinnen zu überzeugen, ihre Namen zu offenbaren. Die sechs Briefschreiberinnen sind intern bekannt, inzwischen sind zwei weitere dazugekommen. Die Frauen fürchten berufliche Nachteile. Die Gruppe derjenigen, die sich um die Aufarbeitung des DDR-Unrechts kümmern, ist überschaubar, viele kennen sich seit Jahrzehnten. Knabe ist in den Augen vieler ein Star, weil er sich so unbeugsam wie kein Zweiter für die DDR-Opfer einsetzte und gegen jede Verharmlosung des SED-Staates stellte.

Seit Lederer und Grütters den Brief der Frauen am 14. Juni erhielten, gingen sie gemeinsam vor. Eine Rechtsanwältin aus der Kanzlei Knauthe wurde beauftragt, mit den Frauen zu sprechen und die Vorwürfe zu untersuchen. Ihr Gutachten legte sie nach zwei Anhörungen Fraundorfers am 19. September vor. Kurz vor der Tagung des Stiftungsrats beurlaubte Knabe seinen Stellvertreter mit sofortiger Wirkung. Selbst Fraunhofers Anwalt räumte nun Fehlverhalten seines Mandanten ein.

Marianne Birthler soll vorübergehend aushelfen

Am 25. September tagte dann der Stiftungsrat und beschloss überraschend einstimmig, nun auch Knabe zu kündigen. Noch ist unklar, ob dieser gegen seine Kündigung vor das Arbeitsgericht ziehen wird oder nicht. Knabe ist seitdem nicht für Journalisten zu erreichen. Kurz nach seinem Rauswurf äußerte er sich bei Twitter: „Ich bin erschüttert, dass ich jetzt nach 17 Jahren auf die Straße gesetzt werde.“ Und: „Ich würde die Aufgabe gerne fortführen, denn ich fühle mich der Aufarbeitung der SED-Diktatur weiterhin verbunden.“

Die beiden Leitungsstellen sollen nun regulär ausgeschrieben werden. Bis neue Köpfe gefunden sind, soll die frühere Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, dabei helfen, die Gedenkstätte zu leiten und das Klima unter den Mitarbeitern zu verbessern. Sicher ist schon, dass es für einen neuen Chef oder eine Chefin schwierig sein dürfte, die aufgerissenen Gräben wieder zuzuschütten.

Linken-Senator Lederer steht im Verdacht, den Vorgang genutzt zu haben, einen unliebsamen politischen Gegner loszuwerden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die auch Berliner CDU-Chefin ist, wird parteiintern vorgeworfen, sie habe sich von Lederer instrumentalisieren lassen. Der Bundestagsabgeordnete Kai Wegner nannte die Vorwürfe gegen Knabe „ein bisschen dünn“. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass eine aus Sicht der SED-Nachfolger unbequeme Stimme zum Schweigen gebracht werde. In der Aufarbeitungsszene macht man sich Sorgen, der Konflikt könne das Ansehen der Gedenkstätte beschädigen.

Christian Booß, Sprecher des Aufarbeitungsvereins „Bürgerkomitee 15. Januar“ (Datum der Erstürmung der Stasi-Zen­trale 1990) befürchtet, mehr SED-Opfer könnten der Politik überdrüssig werden oder gar nach ganz rechts abdriften. Tendenzen, dass AfD-Sympathisanten in der Gedenkstätte an Raum gewinnen, gibt es schon länger. Der Förderverein der Gedenkstätte hat sich darüber komplett zerstritten, Knabe hatte deshalb kürzlich sogar die Zusammenarbeit mit dem Förderverein aufgekündigt. Nun könnte sich die Lage verschärfen, warnt Booß: „Knabe hat die Gedenkstätte für viele Opfer zu einer Art Heimat gemacht. Manche haben das Gefühl, dass man ihnen diese jetzt wegnehmen will.“

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