Ehemalige Stasi-Zentrale

Beim Campus für Demokratie geht es nicht voran

Engagierte Bürger wollen den Campus für Demokratie in der Ex-Stasi-Zentrale. Sie fühlen sich von Bausenatorin Lompscher ausgebremst.

Das Stasi-Museum an der Ruschestraße, dort soll die Zukunft des Campus für Demokratie diskutiert werden

Das Stasi-Museum an der Ruschestraße, dort soll die Zukunft des Campus für Demokratie diskutiert werden

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Berlin. Das Tor zum verbotenen Reich der Stasi öffnete sich gegen 17 Uhr. Am 15. Januar 1990 drangen Demonstranten auf das Gelände der verhassten Staatssicherheit an der Lichtenberger Normannenstraße vor. In einem Akt der Selbstermächtigung setzte das Volk seinen schlimmsten Gegner an dessen Hauptsitz unter Druck. Das Eisentor, dessen Überwindung einen Meilenstein der DDR-Revolution darstellt, ist heute verschollen.

Aus Sicht von Christian Booß vom Bürgerkomitee 15. Januar ist das ein Beleg dafür, wie dringend etwas passieren muss auf dem früheren Stasi-Gelände in Lichtenberg. Ständig gingen hier historische Zeugnisse verloren. Neulich sicherten die Aktivisten ein paar niedrige Metallblenden. Mit ihnen stellte die Stasi sicher, dass niemand die Nummernschilder ihrer Autos erkennen konnte. „Geld für ein Parkhaus hatte die DDR nicht“, sagt Booß. Der Historiker und Publizist arbeitet für die Stasi-Unterlagen-Behörde auf dem Gelände, das Politiker aus Bund und Land zum „Campus der Demokratie“ entwickeln möchte.

Als Aktivist und engagierter Bürger ist Booß ebenso wie seine Mitstreiter aus anderen Gruppen enttäuscht, wie schleppend den weihevollen Worten Taten folgen. „Der Campus ist bisher eine Idee ohne wirklichen Inhalt“, klagt Booß. Dabei schwirrt der Begriff schon seit 2012 durch die Debatten. Es bildete sich ein Förderkreis. Doch der letzte Eintrag auf dessen Webseite stammt von 2015.

Nun fühlen sich die Bürgergruppen von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) ausgebremst. Sie haben für den heutigen Dienstag (zwischen 9.30 und 16 Uhr, Ruschestraße 103, Haus 1, Raum 614) zu einer Standortkonferenz eingeladen. Aber Lompscher kommt nicht. Sie hat für Ende September selbst zu einem nicht öffentlichen Treffen geladen. Lompschers Verwaltung verweist darauf, dass jetzt der Vertrag mit einem „Standortmanager“ geschlossen werden solle, der die Campus-Pläne voranbringen soll.

Nun gibt es Geld für Beleuchtung und Infotafeln

Wer zwischen den Plattenbauten und an leer stehenden Häuserreihen vorbei das Stasi-Gelände betritt, fühlt sich weder willkommen noch gut informiert. Die Nachbarn meiden das jahrzehntelang abgeriegelte Areal weiterhin. Nur ein Ärztehaus lockt die Lichtenberger an. Die vor dem Stasi-Museum aufgebauten Ausstellungsstelen zur DDR-Revolution werden kaum beachtet.

„Es gilt, das Potenzial dieses besonderen historischen Ortes noch besser zu nutzen“, mahnt Ronald Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Er wirbt für einen „Ort der Vielfalt“, um dort „einen breiten Diskurs im Spannungsfeld zwischen Diktatur und Demokratie zu führen“. Die Pläne für ein Archivzentrum zur SED-Diktatur, in dem auch die DDR-Bestände des Bundesarchivs zur Verfügung stehen, sollten konsequenter umgesetzt werden. Der Bund und Berlin seien gefordert, in Bezug auf die Liegenschaften die Voraussetzungen zu schaffen, sagt Jahn.

Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert. Das Gelände gehört dem Bund, dem Land und auch privaten Besitzern. Der Bund hat kürzlich das zentral stehende Haus 22 erworben. Dort ist nun ein Infozentrum eingerichtet. Veranstaltungen sind aber kaum möglich, denn es fehlen Sanitäranlagen.

Campus soll mit SED-Vermögen finanziert werden

Der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der DDR-Diktatur, Tom Sello, hat jetzt Geld besorgt für den Campus. 955.000 Euro fließen an den Bezirk Lichtenberg aus dem früheren SED-Vermögen. Damit sollen Hinweisschilder finanziert werden über das, was in den einzelnen Gebäuden geschah. Das Beleuchtungskonzept soll verbessert werden, ein Informations- und Leitsystem über das Gelände führen.

Dass diese praktischen Verbesserungen noch lange kein inhaltliches Konzept für einen Demokratie-Campus darstellen, weiß auch Sello: „Das ganze befindet sich im Prozess, und der stagniert immer mal wieder.“ Ihm schwebt keine feste Trägerschaft wie eine Stiftung vor, sondern eher eine koordinierende Funktion. Das Gelände habe riesiges Potenzial, so Sello. Wenn die U5 erst fertig sei, könne man vom Hauptbahnhof über den Alexanderplatz, Schauplatz der großen DDR-Wende-Demo, und die Karl-Marx-Allee, Ausgangspunkt des Aufstandes vom 17. Juni 1953, bis nach Lichtenberg zur Stasi-Zentrale fahren. „Eine Freiheitsline“, sagt Sello.

Mehr zum Thema:

Kritik an Plänen für SED-Vermögen

Stasi-Unterlagen-Archiv: Sogar der Schlaf wurde überwacht

Wie geht es mit dem Stasi-Unterlagenarchiv weiter?

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.