Prozess in Berlin

Sohn im Streit erstochen – Vater gesteht vor Schwurgericht

Ein 56-Jähriger muss sich seit Dienstag wegen Totschlags verantworten. Was geschah, wird wohl nicht mehr geklärt werden können.

Der Angeklagte Peter W. mit seiner Anwältin vor dem Landgericht

Der Angeklagte Peter W. mit seiner Anwältin vor dem Landgericht

Foto: BM

Berlin. Die Zeugin Sieglinde F. ist zum Prozess erschienen, um nichts zu sagen. Die 48-Jährige darf das. Sie ist mit dem Angeklagten seit Januar verlobt und hat ein Zeugnisverweigerungsrecht. Paare verloben sich öfter mal, um vor Gericht den anderen nicht belasten zu müssen. Einiges spricht dafür, dass es auch hier so ist.

Sieglinde F.s Verlobter Peter W. muss sich wegen Totschlags verantworten. Der 56-Jährige hat am 27. September 2017 in seinem Einfamilienhaus im Ortsteil in Alt-Hohenschönhausen seinen 27 Jahre alten Sohn erstochen.

Fritz W. soll schon als Kind schwierig gewesen sein. Das setzte sich in der Jugend fort. Es gab gegen ihn eine Reihe von Strafverfahren. Bei der Berliner Staatsanwaltschaft wurde der muskulöse junge Mann, der bei Problemen sehr schnell gewalttätig wurde, als Intensivtäter geführt. Auch die Eltern soll er körperlich attackiert haben. Es gibt sogar Leute, die in Fritz W. die Hauptursache dafür sehen, dass sich seine Mutter 2008 mit Tabletten das Leben nahm. Im selben Haus, in dem neun Jahre später ihr Sohn vom Vater getötet wurde.

Aus Angst im Schlafzimmer verbarrikadiert

Peter W. muss die Tränen herunter schlucken, als er vor Gericht den Tatabend beschreibt. Er ist ein eher kleiner Mann; einer, der sich sein Leben lang unterordnete und dem Sohn lange schon körperlich unterlegen war - was Fritz W. ihm offenbar auch immer wieder spüren ließ, ihn vor Zeugen immer wieder demütigte und sogar anspuckte. Er und Sieglinde F. hätten sich manchmal aus Angst vor dem Sohn, im Schlafzimmer vor ihm regelrecht verbarrikadiert, sagt der Angeklagte. Aber er habe den Sohn gleichzeitig auch geliebt: "Er konnte auch freundlich sein."

Am 27. September wurde Fritz F. vom Jobcenter mitgeteilt, dass ihm die Bezüge wegen fehlender Unterlagen gekürzt würden. Er soll miese Laune gehabt haben, so Peter W. Der Sohn habe ihn und Sieglinde F. genötigt, mit ihm ein Gemisch aus Sprite und Rum zu trinken. Es sei dann mal wieder zum Streit gekommen. Der Sohn habe ihm fünf Mal ins Gesicht geschlagen. Und er habe sich, wie immer, zunächst nicht gewehrt.

"Ich habe meinen Sohn in Notwehr erstochen"

Aber an diesem Abend war es dann doch anders. Er habe das nicht auf sich sitzen und mit dem Sohn nochmal reden wollen, so Peter W. vor Gericht. Er sei ins Zimmer des Sohnes gegangen, habe ihn geweckt. Der Sohn habe "verpiss dich!" gerufen und ihn getreten oder ihm einen Faustschlag gegeben; der Angeklagte weiß es nicht mehr genau. Er weiß nur noch, dass er sich in seiner Angst vorsorglich ein Messer mitnahm und dass er mit diesem Messer zustach.

Als Peter W. anschließend die Polizei rief, sagte er am Telefon: "Ich habe meinen Sohn in Notwehr erstochen." Vor Gericht ist davon nicht mehr die Rede. Er habe Fritz am Arm verletzen, aber auf keinen Fall töten wollen, sagt er hier.

Vielleicht war es auch anders. Vielleicht hat Sieglinde F. an diesem Abend gesagt, entweder er unternehme was gegen den aggressiven Sohn, oder sie gehe. Ihre Sachen hatte sie schon gepackt. Aber sie muss dazu ja nichts sagen.

Den tödlichen Stich soll Peter W. von oben nach untern ausgeführt haben. Es spricht vieles dafür, dass Fritz W. dabei auf dem Bett lag. Wäre es so, dann hat Peter W. großes Glück, wenn er nur wegen Totschlags bestraft wird. Der Prozess wird fortgesetzt.

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