Kleine Schätze

Warum ein Löwe auf dem Bayerischen Platz steht

Überall in der City West gibt es kleine Schätze, hinter denen meistens eine spannende Geschichte steckt.

Nähere Betrachtung wert: Das Wappentier des süddeutschen Freistaats am Bayerischen Platz

Nähere Betrachtung wert: Das Wappentier des süddeutschen Freistaats am Bayerischen Platz

Foto: Sofia Mareschow

Schöneberg. In kraftvoll brüllender Pose erscheint der König der Tiere, hoch über seinem Revier – der Parkanlage am Bayerischen Platz. Und die Fans zu seinen Füßen - Leute aus dem Kiez, Touristen, zufällige Passanten - scheinen den lautlosen Äußerungen des bronzenen Löwen zu lauschen von ihren Parkbänken, im Sommer auch von der großen Wiese aus. Irgendwie landen ihre Blicke immer wieder bei der Figur, die stolz erhobenen Hauptes, majestätisch und dabei elegant auf zwei hohen schlanken Pfeilern balanciert: als Blickfang, ruhender Pol, visuelle Orientierung inmitten des quirligen Schöneberger Platzes im Zentrum des Bayerischen Viertels.

Erklärende Worte, wie sonst üblich auf Schildern, fehlen indes und erübrigen sich auch: Was würde denn hier besser hinpassen als das Wappentier des süddeutschen Freistaates? Seit nunmehr 60 Jahren behütet die Symbolfigur das Areal und seine Schützlinge. Der waschechter Bayer - 1952 vom bayerischen Bildhauer Anton Rückel (1919-1990) erschaffen - ist ein Geschenk der Regierung des Freistaates an den Berliner Bezirk Schöneberg anlässlich der Mitte der 1950er Jahre gestarteten Neugestaltung des Bayerischen Platzes.

Bayerischer Platz ohne Löwen "nicht ganz stilecht"

Der 1908 nach Plänen des bekannten Gartenarchitekten Fritz Encke gestaltete Schmuckplatz war während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden. Bombardements und Feuerstürme hatten die Grünanlage und die Randbebauung im Stil der späten Gründerzeit verwüstet, nur alte Postkarten zeugen noch vom kunstvollen Ensemble aus Grünflächen, Bäumen, Hecken, Springbrunnen und Dekorationen, zeigen sonntäglich herausgeputzte Familien beim Flanieren.

Schnell sickerte die Nachricht bis nach Bayern durch, als das neue, zeitgemäße Aussehen des Platzes nach Plänen von Karl-Heinz Tümler Gestalt anzunehmen begann. Bereits 1956, noch vor der Fertigstellung des Konzeptes, kamen kreative Vorschläge aus dem namensgebenden Bundesland. Die Idee für einen Löwen habe, so schreibt es der Berlinbuch-Autor Christian Simon in seinem Stadtteil-Buch "Schöneberg im Wandel der Geschichte" (1998, be.bra-Verlag), erstmalig der bayerische Ministerialdirigent Dr. Baer geäußert. Er habe sich, so Simon, an den damaligen Schöneberger Bezirksbürgermeister gewandt - mit dem Argument, dass "ein 'Bayerischer Platz' ohne bayerischen Löwen nicht ganz stilecht" sei. Zwei Jahre später, am 29. November 1958, sei die von der Bayerischen Staatsregierung gestiftete Skulptur im Beisein bayerischer Prominenz enthüllt worden, also pünktlich zur Fertigstellung des Platzes und der neuen Randbebauung.

Neue Konzepte für das geschichtsträchtige Areal

Heute engagiert sich die 2007 gegründete, aus Anwohnern und Geschäftsleuten bestehende Initiative Quartier Bayerischer Platz für die Verbesserung der Alltags- und Aufenthalts-Qualität, kümmert sich zudem um neue Konzepte für das geschichtsträchtige Areal, das Zeiten regen Wirkens namhafter Intellektueller und Künstler kennt aber auch die dunklen NS-Zeiten, als viele der früheren Anwohner jüdischer Herkunft vertrieben oder ermordet wurden. Ihnen zum Gedenken gibt es seit 1993 das Flächendenkmal "Orte des Erinnerns" , das auf 80 Schildern an Straßenlaternen die antijüdischen Verordnungen dokumentiert. Und seit 2014 eine zeithistorische Dauerausstellung zum jüdischen Leben im Bayerischen Viertel im neu errichteten Café Haberland über dem U-Bahnhof, einem Projekt der Quartiers-Initiative in Zusammenarbeit mit der BVG.

Genau vis a vis des Bronze-Löwen, der alle zu einen scheint. Ja, sie mögen ihn, die Anwohner des Viertels - ihren bayerischen Patron. Und fühlen sich offenbar wohl unter seiner Obhut. Weil er einfach dazugehört zu ihrem Kiez, ein Stück Heimatgefühl vermittelt.