City West

Der letzte Postillon schafft den Sprung in die Zukunft

Überall in der City West gibt es kleine Schätze, hinter denen manchmal eine durchaus große Geschichte steckt.

Blick in die Ferne oder in die Vergangenheit? Der steinerne Postillon an der Geisbergstraße

Blick in die Ferne oder in die Vergangenheit? Der steinerne Postillon an der Geisbergstraße

Foto: Sofia Mareschow

Schöneberg. Unerschütterlich hält er die Stellung. Die überlebensgroße Figur mit dem sentimentalen Namen "Der letzte Postillon" scheint über den Dingen zu schweben. Hoch oben an der Fassadenspitze des wuchtigen dunkelroten Backsteinbaus an der Schöneberger Geisbergstraße/ Ecke Welserstraße thront die Plastik aus weißem Kunststein auf einem Vorsprung - als ruhender Pol inmitten von Veränderungen. Und die sind unübersehbar.

Wohnraum nach einem neuen Konzept

Das denkmalgeschützte Gebäude, Sitz des ehemaligen Postamts W 30 und nach dessen Schließung 2010 kurzzeitig Adresse einer Musikschule, befindet sich im Wandel. Hier entsteht Wohnraum nach neuem Konzept. Das ehrgeizige Projekt "Geisberg Berlin" - ein Ensemble mit Wohnungen, Arbeits- und Wohnlofts und Gewerberäumen - soll eine Symbiose aus Alt und Neu sein. Historische Gemäuer, von ergänzenden Erweiterungsbauten eingerahmt. Hoch ragen Baukräne über den Dächern, der Neubau ist fast fertig. Noch bestimmen Baugerüste das Bild. Nur der steinerne Postillon ragt aus der Verkleidung - einer Gallionsfigur gleich: abgewandt der Kopf, die Augen, weiße Wölbungen wie bei einer altgriechischen Statue, blicken in die Ferne - oder die Vergangenheit?

Erinnerung an die Zeit der Postkutsche

Jene Zeiten, die geprägt waren vom Postbetrieb mit Pferdekutschen, gelenkt von den Urahnen des modernen Postboten: gestrengen Beamten, akkurat uniformiert, ausgerüstet mit dem berühmten Posthorn. Und mit Sonderbefugnissen betraut: dem Vorrang beim Benutzen von Verkehrswegen, Fähren und Brücken. Und noch viel mehr: Denn die gute alte Postkutsche bot Platz für Reisende, Ende des 19. Jahrhunderts für bis zu 15 Personen. In perfektionierten Pferdewagen, die um 1850 eine Reisegeschwindigkeit von immerhin zehn Kilometern pro Stunde und eine Fahrstrecke von bis zu 100 Kilometern pro Tag erreichen konnten. Beschaulich, romantisch müssen sie gewesen sein, diese langen, gemächlichen Landpartien. Verewigt in Literatur, Dichtung, Liedern. Auch im wohlbekannten "Hoch auf dem gelben Wagen", allerdings mit einer Prise Ironie: "Der Schwager" ist die Verballhornung des Wortes chevalier (französisch für Reiter oder eben auch Postillon).

Das Auto als "vorübergehende Erscheinung"

Schon seit dem Postdienst im antiken Rom, jahrhundertelang in Europa und in Deutschland bis ins frühe 20. Jahrhundert haben sich Pferdepostwagen und die Zunft der Postillone in dieser oder jener Form hartnäckig gehalten. Und obwohl die Zustellung per Eisenbahn und motorisierter Kraftpost bereits etabliert war, griff man wegen des Benzinmangels im Ersten Weltkrieg wieder auf die klassische Pferdekutsche zurück - was ein wenig an die bizarre Äußerung von Kaiser Wilhelm II (1859-1941), dem letzten deutschen Monarchen, erinnert: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung."

Postillon als Motiv in der Dichtung

Ganz anderer Meinung war da der deutsche Dichter und Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel (1826 -1886), als er 1863 in seinen Versen mit dem Titel "Der letzte Postillon" den spöttischen Abgesang wagte: "Bald ist, soweit die Menschheit haust/ Der Schienenweg gespannt/ Es keucht und schnaubt und stampft und saust/ Das Dampfroß rings durchs Land. (...) Jetzt geht die Welt aus Rand und Band/ Die Besten ziehn davon/ Und mit dem letzten Hausknecht schwand/ Der letzte Postillon (...)"

Ausgezeichnete bildhauerische Bearbeitung

Wehmut und nostalgische Empfindungen vermittelt heute der vom Berliner Bildhauer Hans Schmidt Anfang der 20er-Jahre in Stein verewigte Postillon am Schöneberger Baudenkmal, das seinerzeit als innovativ galt. Als das von Architekt und Oberpostbaurat Willy Hoffmann projektierte Postamt nach zweijähriger Arbeit im Sommer 1926 in Betrieb genommen wurde, erregte es Aufsehen in Fachkreisen, die hier Funktionalität und modernes Design ausgewogen vereint sahen: Großzügigkeit, lebensfrohe Offenheit, eine neue Formensprache, expressionistische Dekors. Die "Deutsche Bauzeitung" vom 27. April 1927 widmete dem Postneubau sieben Seiten - mit Fotos, Zeichnungen und anerkennenden Worten. "Der Erbauer hat bei dieser Bauaufgabe einen glücklichen Übergang von der langgepflegten müden Tradition zum frischen Impuls neuer Bauwege erreicht.", heißt es da als Quintessenz. Auch die Postillon-Figur wird lobend erwähnt als ausgezeichnete bildhauerische Bearbeitung. Offenbar sind die Bauherren von "Geisberg Berlin" ähnlicher Meinung. "Der letzte Postillon" - er hat den Sprung geschafft in die Zukunft.

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