U-Bahn-Abenteuer

Mit der Berliner Morgenpost auf Tunneltour

Leser erforschen einen U-Bahnschacht in der City West und erleben eine spannende Reise durch die Geschichte des Schienenverkehrs.

Dominic Bonce berichtet unter Tage zur Geschichte des Nahverkehrs

Dominic Bonce berichtet unter Tage zur Geschichte des Nahverkehrs

Foto: Thomas Schubert

Charlottenburg. Schotter knirscht unter den Sohlen, als Dominic Poncé ins Gleisbett tritt. An seiner Seite: zwölf Begleiter, die etwas wagen, was eigentlich Lebensgefahr bedeutet. Auf dem Programm steht ein Spaziergang durch die Finsternis im U-Bahnschacht unter der Deutschen Oper. Eine Erkundungstour für Leser der Berliner Morgenpost. Aus diesem Anlass hat die BVG die Stromschiene hinter dem Mittelgleis am Bahnhof Deutsche Oper kurzgeschlossen. Und in Person von Dominic Poncé einen Experten geschickt, der seine Begeisterung für den Verkehr im Untergrund kaum bremsen kann.

Vorsicht vor der Stromschiene geboten

Bei aller Entdeckungslust bleibt trotzdem Vorsicht geboten. „Halten Sie sich grundsätzlich von der Stromschiene fern“, warnt Poncé die Leser. „Und treten Sie lieber nicht auf die Oberkante der Gleise. Die könnten wegen des Schmierfetts rutschig sein.“ Auf den Gleiskanten balancieren, das haben die Teilnehmer auch gar nicht nötig. Stattdessen wandern sie einen Großteil des Weges Richtung Richard-Wagner-Platz über hölzerne Planken. So erübrigt sich auch die Sorge vor schmutzigen Füßen.

Im Gänsemarsch wandern die Ausflügler vorbei an dunkelgrauen Betonwänden und Stromkabeln, die sich wie Sehnen neben den Schienen entlangziehen. Je weiter sich die Truppe vom Bahnhof entfernt, desto intensiver riecht es nach Stahl und Öl. Während die Lichtkegel der Taschenlampen durch den Tunnel tanzen, gibt Poncé Erklärungen zur Geschichte des Schienenverkehrs. „Als dieser Tunnel in der Gründerzeit erbaut wurde, hatte man erst wenige Erfahrungen im U-Bahnbau. Stahlbeton gab es erst ab den 20er-Jahren“, erklärt er zur primitiven Kon­struktion. Im Schacht der heutigen U-Bahnlinie 2, der unter dem Kaiserdamm verläuft, liegt die massive Betondecke auf blanken Trägern auf.

Warum diese Tunnel heute so häufig zum Sanierungsfall werden, sehen die Leser hier mit eigenen Augen. Poncé deutet auf einen tiefen Riss im Beton. „Den haben wir zu Anschauungszwecken so gelassen“, sagt er. Einsickerndes Wasser ist der größte Feind der Tunnelbauer. Irgendwann sprengt es auch die härteste Wand.

Dass die BVG Führungen in dem Streckenast westlich des Bahnhofs Deutsche Oper veranstaltet, liegt an einer günstigen Verkehrsführung. Früher führte der Schacht vom mittleren Bahnsteig nach einem Schwenk in Richtung Norden zum Bahnhof Wilhelmplatz. Da diese Station nicht mehr existiert, verläuft hier nur noch ein Abstellgleis.

Leser wundern sich über die Sauberkeit unter Tage

Das taugt aber sehr gut, um den Besuchern unter Tage die Funktion einer Weiche zu zeigen. Poncé greift zum Telefon und gibt eine kurze Anweisung an den Techniker im Stellwerk Friedrichsfelde. Gleich darauf bewegt sich die Weiche mit einem lauten Ratsch. Im Notfall könne es vorkommen, dass man den Mechanismus wie früher von Hand betätigen muss. „Das will ich sehen“, ruft Morgenpost-Leserin Manuela Walter. Poncé winkt lachend ab: „Dann sehe ich aus wie ein Dreckschwein.“ Sein Detailwissen erwarb Poncé in einer langen Laufbahn bei der BVG. „Ich habe in der Abteilung Stromversorgung angefangen, bin dann eine Weile selbst U-Bahn gefahren, saß danach in der Leitstelle.“ Heute arbeitet Poncé in der Bauabteilung der Verkehrsbetriebe. Und unternimmt mit neugierigen Berlinern Streifzüge durch die Dunkelheit – so wie heute.

„Das ist spannender, als im Grünen wandern zu gehen“, meint Leserin Manuela Walter. „Mich wundert, wie sauber und aufgeräumt es in so einem Schacht aussieht.“ Auch Peter Busse aus Lichterfelde ist erstaunt über die Erlebnisse im Zwielicht. „Ich fahre seit meiner Kindheit U-Bahn. Aber dass ich mal einen Prellbock aus der Nähe sehe, hätte ich kaum gedacht.“ Und bei Wolfgang Häußler aus Tempelhof weckt der Ausflug das Fernweh. „Gleise verkörpern für mich das Reisen. Ich erinnere mich gerne an meine Zugfahrten durch Schweden.“ Dort herrschten natürlich angenehmere Gerüche vor als in einem U-Bahnschacht. Häußler stört es nicht – „so riecht nun einmal alte Technik“.

Nach knapp zwei Stunden sieht die Gruppe wieder Licht am Ende des Tunnels, kehrt zurück zum Bahnhof Deutsche Oper. Aber kurz bevor die Leser das Gleis verlassen, leuchten in der Ferne zwei weiße Punkte auf – die Scheinwerfer einer U-Bahn, die der Haltestelle entgegensaust. Einen Moment lang scheint es so, als rase der Zug geradewegs auf die Gruppe zu. Erst kurz vor dem Bahnhof vollführt er einen Schlenker und weicht auf ein anderes Gleis aus. Poncé blickt in erschrockene Gesichter und lacht. Auf diesem Abstellgleis wird sehr wohl eine U-Bahn einparken. Aber bis dahin sind die Leser längst wieder zu Hause.