Immobilien

Star-Visagist René Koch zeigt seine Wohnung

In der Wilmersdorfer Wohnung von Bei René Koch gaben sich Filmstars die Klinke in die Hand. Der Visagist öffnet gern seine Türen.

Im Wohnzimmer steht neben dem Sofa der „Knutschbär“, ein beliebtes Fotomotiv von Gästen, denn jeder darf ihn küssen. An der Wand hängt das größte Bild, das René Koch je gemalt hat: Marlene Dietrich, die er leider nie persönlich getroffen hat.

Im Wohnzimmer steht neben dem Sofa der „Knutschbär“, ein beliebtes Fotomotiv von Gästen, denn jeder darf ihn küssen. An der Wand hängt das größte Bild, das René Koch je gemalt hat: Marlene Dietrich, die er leider nie persönlich getroffen hat.

Foto: Sven Lambert

Wilmersdorf. Eintritt in die Welt von gestern. René Koch nennt sie Cosmetic & Camouflage Centrum, ein Institut für Farb-, Stil-, Schmink- und Imageberatung. Die Schauspielerin Hildegard Knef, die als eine der ersten deutschen Filmdarstellerinnen in Hollywood erfolgreich war, hat sie Dutzende Male betreten. Aber auch Joan Collins, Shirley Bassey, Eartha Kitt, Nadja Tiller, Angelika Milster, Judy Winter, Jodie Foster oder Claudia Schiffer und viele andere Stars ließen sich hier kosmetisch behandeln und stylemäßig beraten. Der in Heidelberg geborene Koch war der Liebling der Frauen, denen es auf ihr Äußeres ankam. Als Homosexueller trat er den Damen nie zu nahe, hatte aber den untrüglichen Blick für ihre Haut sowie ihr Aussehen und die sanften Finger für die Behandlungen.

An das alles erinnert seine Wohnung in Wilmersdorf, in der er bis heute sein Atelier betreibt, aber auch das deutschlandweit einzigartige Lippenstiftmuseum. Hunderte Lippenstifte in vielen Farbschattierungen, auch historische – der erste seiner Art kam 1883 auf den Markt –, sind hier versammelt. Und der Herr der Stifte sitzt mittendrin auf seinem weißen Sofa mit den grünen Pflanzenmustern.

220 Quadratmeter in der Beletage eines altehrwürdigen Wohnhauses an der Helmstedter Straße 16 im Wilmersdorfer Kiez nahe zum Bayerischen Platz. Anna Seghers hat in der Straße gewohnt, Kurt Tucholsky und Erich Kästner, Gottfried Benn, Billy Wilders und Otto Sanders. Koch zeigt auf die Bücher der Autoren, sorgfältig sortiert im hohen Regal bis unter die 3,80-Meter-Decke mit ihren floralen Stuckmustern. „Ich bin Jungfrau“, witzelt er, „Ordnungsliebe ist selbstverständlich.“ Im Hausflur liegen Teppiche und ein Fahrstuhl, der seit 1901, dem Baujahr, seinen Dienst tut. Auch die Heizung ist noch intakt, ebenso der Personalaufgang. Großbürgerliches Ambiente, stimmungsvoll, würdevoll. Seit 40 Jahren lebt René Koch hier. „Als ich 1978 einzog, kostete die Miete 950 D-Mark“, sagt er. „Heute zahle ich knapp 2000 Euro, die Miete hat sich also vervierfacht.“

Im Parterre hat er noch weitere Haushaltsräume auf 65 Quadratmetern, dort wird gewaschen und gebügelt, aber auch sein Archiv mit bis zu 30.000 Fotografien ist dort untergebracht. Mit seinem Assistenten residiert er im ersten Stock. Alle Räume sind videoüberwacht und speziell gesichert, die Verpflichtung musste Koch bei seiner Versicherung eingehen. „In den Anfängen habe ich manchmal, kam ich spät in der Nacht nach Hause, nicht mal den Schlüssel im Schloss umgedreht“, erzählt Koch. „Das ist heute unmöglich.“

Mehr als 20 Jahre für Yves Saint Laurent tätig

Was für eine Karriere. Als Tellerwäscher fing Koch an, er war Barkeeper, Travestiekünstler und schwang sich im geliebten alten West-Berlin zum Modedesigner auf. In Mannheim hatte er eine Lehre als Werbedisplaygestalter absolviert, in Berlin besuchte er die Fachschule für Kosmetik und Chiropodie (Fußpflege) und heuerte bei der US-Firma Charles of the Ritz an. Weil er seine Sache gut machte, avancierte er zum Chefvisagisten bei Yves Saint Laurent. 21 Jahre lang war er in Diensten des Pariser Modeunternehmens, sammelte Auszeichnungen wie den „Cosmetic Oscar“ und war in den Me­tropolen dieser Welt zu Hause. „Ich bekomme heute eine Rente von Yves Saint Laurent“, freut er sich. Im Flur steht ein Glaskasten, in dem seine vielen „Orden“ liegen, darunter das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik und der Verdienstorden des Landes Berlin.

In dem 15 Meter langen Flur sind beide Wände mit Fotografien seiner Besucher tapeziert. In den Zimmern sind mehr als 150 originale Lippenstiftkussabdrucke verteilt, jeder im weißen Rahmen unter Glas. Von Milva, Mireille Mathieu, Bonny Tyler, Vicky Leandros, Ute Lemper bis zu Gloria von Thurn und Taxis. Koch hat sich allein deshalb für die Stadt Verdienste erworben, weil er die Stars anzog. Heute sind es die Touristen, die im Luxusbus vorfahren. „Damenprogramm“ heißt das, es sind aber auch viele Männer dabei. Koch zeigt ihnen seine Wohnung, taucht ein in seine Anekdoten und eröffnet für seine Besucher zwei Stunden lang eine Glamourwelt.

Manches erzählt Koch, viele behält er für sich

Im hinteren Bereich befindet sich das Atelier, in dem vor allem weibliche Menschen teilweise regelrecht umgestaltet wurden. Mancher Ufa-Star und selbst Hollywood-Diven konnte der Visagist dazu bewegen, entscheidende Details zu verändern. Manches davon erzählt Koch, vieles behält er für sich. Selbst ein Kunstprofessor, der aus Shanghai anreiste, bekam im Atelier mit dem 1960er-Jahre-Chic nicht alles offenbart. „Ich bin zwar eine Plaudertasche, habe aber nie meine Lieblinge verraten“, so René Koch.

Im Wohnzimmer steht neben dem Sofa der „Knutschbär“, ein beliebtes Fotomotiv von Gästen. „Den darf jeder küssen.“ An der Wand hängt das größte Bild, das er je gemalt hat: Marlene Dietrich, die er nie getroffen hat. „Ich habe es immer wieder versucht, war schon in ihrem Vorzimmer, aber dann hat sie mich doch nicht zu sich gelassen“, erzählt er. „Sie wollte so in Erinnerung bleiben, wie sie einmal aussah. Das habe ich akzeptiert.“

Koch schreibt gerade seinen 13. Ratgeber

Dahinter geht es durch die Flügeltür ins Arbeitszimmer, der einzige nüchterne Raum der Wohnung mit zwei Schreibtischen. Auf dem Wohnzimmersofa, sagt Koch, sitze er jeden Abend, er sei eine Leseratte. „Von Hermann Hesse bis Oscar Wilde habe ich alles da, was man gelesen haben sollte. Ich interessiere mich aber nicht nur für Frauen, sondern auch für Kunst, Politik, Schönheit, Alter und inzwischen auch für Rente und Pflege.“ Er hat selbst zwölf Sachbücher geschrieben, gerade sitzt er an seinem neuesten Beauty- und Lebensratgeber. Titel „49 bis auf Widerruf“, eine Kampfschrift gegen Altersdiskriminierung und für die Entdeckung von Schönheit im Alter. „Haltung ist das Entscheidende“, so Koch. „Nicht der Optimierungswahn.“

Aus dem Wohnzimmer führt eine weitere Flügeltür in den Raum mit dem großen Tisch, auf dem auch seine Besucher auf den Lederstühlen Platz nehmen. Zur Straße hin erstreckt sich der Wintergarten. „Einen Balkon habe ich leider nicht wie die anderen Wohnungen im Haus. Aber ich gehe ja viel raus.“

Täglich läuft Koch anderthalb Stunden. Am Morgen setzt er sich ins Café Engelchen am Prager Platz und liest die Zeitungen, manchmal geht er in die Paris Bar und abends speist er meist dreimal die Woche mit seinem Freund Udo Walz. Am großen Tisch hat er auch das ertastbare Schminken erfunden, einmal pro Woche lädt er dazu Blinde ein.

Vor dem Essen wird gebetet

Bewegt ist er auch in seiner Küche. René Koch bereitet jeden Tag ein Mittagessen für seinen Mitarbeiter und sich zu, einmal pro Woche sitzen auch seine Friseurin und die Putzfrau mit am Tisch. Ein weißer, gut abwaschbarer Kunststoff ist über das Tischholz gezogen. Das Mobiliar stammt aus vergangenen Zeiten. Gekocht wird mit Gas, und das Geschirr ist auch von gestern.

Gegessen wird immer gegen 13 Uhr, immer Bio, immer alles frisch gemacht. „Bevor wir essen, wird gebetet“, sagt der Hausherr. Und zeigt auf die Kerze, die dazu angezündet wird. „Ich bin meinem Gott dankbar für mein Leben.“ Ach ja, René Koch ist, kaum zu glauben, 72 Jahre alt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.