Kultur

Die Mittlerin zwischen den Welten

Avitall Gerstetter war mit 33 Jahren erste jüdische Kantorin Europas. Sie sieht sich als Brückenbauerin zwischen den Religionen.

Charlottenburg. Ihr verschmitztes Gesicht inmitten wilder roter Locken erinnert eher an den Kobold aus einem Kinderbuch als an die Kantorin einer ehrwürdigen Synagoge wie der an der Oranienburger Straße. Avitall Gerstetter lacht, wenn man das sagt. Etwas Neues ist es für sie nicht, dass sie nicht so ganz dem Bild entspricht, das man sich von einer Kantorin macht. Vielleicht stärken solche Diskrepanzen gerade auch den Durchsetzungswillen, der sie ausmacht. Schnell wird nämlich klar, dass die fast filigran-zierliche Frau längst nicht so zerbrechlich ist, wie sie wirkt. Die 46-Jährige kämpft seit ihrer Jugend darum, jenseits der traditionellen Wege ihre eigenen zu finden und sie dann auch zu gehen. Dem ist sie treu geblieben. Nicht von ungefähr wird sie 2001 die erste Kantorin Europas.

Avitall Gerstetter wächst in einer traditionellen jüdischen Familie in Steglitz auf. Auch in ihre Verwandtschaft haben die Nationalsozialisten tiefe Lücken gerissen. Ihr Vater ist der Banknoten-Designer Reinhold Gerstetter. Ihre Mutter Chava, deren Familie 1939 vor der Nationalsozialisten geflohen war, kommt noch im englisch besetzten Palästina zur Welt und erlebt die Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 auf den Straßen von Haifa. Ende der 60er-Jahre zieht es sie aber an die Wurzeln ihrer Familie zurück nach Berlin. Als Musiklehrerin führt sie ihre Tochter früh an Musik und Gesang heran.

Förderer In Oberkantor Enstrongo Nachama gefunden

Ermutigt von Berlins berühmtem Oberkantor Estrongo Nachama lässt sich Avitall nach ihrem Musikstudium in Berlin mit einem Stipendium der jüdischen Gemeinde in New York als Kantorin ausbilden. Ihre Stimme ist besonders. Wer sie singen hört, spürt Geschichte. Mit glockenhellem Sopran bejubelt sie pure Lebensfreude oder betrauert Vergangenes mit ihrem dunklen Alt. Nachama erlebt nicht mehr, wie sein Schützling 2001 als Kantorin in der Synagoge an der Oranienburger Straße angestellt wird. Er stirbt 2000. Ein schmerzlicher Verlust. Für Avitall ist sein Tod das Ende der Kindheit, sagt sie. Ohne Estrongo sei für sie der Shabbat kein Shabbat mehr gewesen.

Erste Kantorin in Deutschland zu sein bringt ihr einige Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt die Akzeptanz aller Gemeindemitglieder in Berlin. Vor allem für orthodoxe Juden ist eine Frau als Vorbeterin in der Synagoge noch immer undenkbar. Ein Kantor ist im jüdi­schen Verständnis mehr als ein Sänger, er ist im jüdischen Verständnis Mittler zwischen den Betenden und Gott. Als Avitall 2005 gekündigt wird und es dafür keine andere Begründung gibt als ihr Geschlecht, zeigt sie erneut, dass man sich besser nicht mit ihr anlegt. Das Arbeitsgericht gibt ihr recht.

Leidenschaftliche Brückenbauerin zwischen den Kulturen

Bis heute dient sie als Kantorin in der Synagoge an der Oranienburger Straße, doch ihre Leidenschaft erschöpft sich darin nicht. Avitall sieht sich in der Tradition ihres Mentors Estrongo Nachama als Brückenbauerin zwischen den Kulturen. Sie balanciert zwischen den Polen der Erinnerung an die Vergangenheit und dem unbefangenen Aufbruch zu Neuem: Sie singt bei der Feier zum Andenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 auf Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Deutschen Bundestag und besucht die Gedenkstätte regelmäßig mit Jugendgruppen. Ihre Großtante Rozsika, deren Andenken Avitall einen Comic gewidmet hat, ist sieben Jahre alt, als sie in Auschwitz ermordet wird. „Auschwitz ist das Furchtbarste, was du dir vorstellen kannst“, sagt sie. Das müsse man erleben. Auch wenn es schmerze.

Avitall gibt aber auch Konzerte, nimmt im Studio CDs mit alter und moderner, deutscher, englischer und he­bräischer Musik auf. Bei ihren jüngsten Alben „We will remember them“ und „Live in Berlin“ wird sie auch von „Sting“-Gitarrist Dominic Miller und seiner Crew begleitet.

Mit Fußball gegenseitiges Verstehen fördern

Avitalls Antrieb ist ihr Glaube an ein friedliches Zusammenleben aller Religionen und Kulturen. Mit ihren Projekten will sie gegenseitiges Verstehen und Respektieren fördern. Obwohl sie sich beispielsweise selbst nicht besonders für Fußball interessiert, hat sie verstanden, dass Sport eint und ein interkonfessionelles Fußballturnier mit christlichen, jüdischen, muslimischen, aber auch atheistischen Mannschaften ins Leben gerufen, den Avitall-Cup. „Das funktioniert ganz gut“, sagt sie und grinst wieder ihr Koboldgrinsen.

Die Mutter zweier Söhne träumt davon, dass jüdisches Leben wieder so normal wie möglich in der Mitte der Gesellschaft stattfinden kann. Das will sie auch optisch verdeutlichen. Mitten auf dem Kudamm soll deshalb ein großer Leuchter in Form eines stilisierten Davidsterns aufgestellt werden. Beleuchtbar soll er sein und Berlinern und Berlin-Besuchern auch jüdische Feiertage näherbringen. Bisher gibt es ihn nur als Modell, aber das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf hat schon einen Platz auf der Mittelinsel an der Kreuzung zur Knesebeckstraße zur Verfügung gestellt. Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann unterstützt Avitalls Engagement. „Sie ist eine wunderbare Botschafterin des jüdischen Lebens in unserer Stadt, eine tolle Sängerin, und sie verbindet das Erinnern an die Shoah mit aktivem Handeln in unserem Hier und Jetzt“, sagt er. Das verbinde sie und bestimme auch maßgeblich die Gedenkarbeit in der City West. Finan­ziell kann der Chef der dauerklammen Berliner Bezirksverwaltung jedoch nicht helfen. Die Finanzierung des Leuchters steht aber schon fast, sagt Avitall. Zuversicht ist noch eine Eigenschaft, die sie kennzeichnet.

Gemeinsam Essen mit Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen

Besonders am Herzen liegt ihr jüngstes Projekt, das aus Begegnungen im Salon Avitall entstanden ist: das Shabbat-Dinner. Was ist nämlich besser geeignet, als Menschen, die wenig voneinander wissen, ins Gespräch zu bringen? Man setzt sie zu einem gemeinsamen Essen an einen Tisch. Avitall Ger­stetter nutzt diese alte Weisheit. Einmal hat sie bereits im Mai jüdische und nichtjüdische Gäste zu einem solchen Essen, gekocht vom israelischen Spitzenkoch Gal Ben-Moshe, um eine Tafel in den Räumen der Königlichen Porzellan-Manufaktur versammelt. KPM-Chef Jörg Woltmann habe ihnen spontan und völlig unbürokratisch seine Räume zur Verfügung gestellt, freut sie sich. Auch die Stuttgarter Daimler AG konnte sie inzwischen vom Wert solcher Begegnungen überzeugen und als Sponsor für die nächsten Essen ins Boot holen.

Und Avitall macht bei dem Essen das, womit sie die Menschen, die ihr begegnen, immer verzaubert: Sie singt. Dann zündet sie den Shabbat-Leuchter an und bricht dann gemeinsam mit ihrem Sohn Aviv die Challot, geflochtene Hefezöpfe, die traditionell zum Shabbat-Essen gereicht werden, in kleine Stücke. Wer gemeinsam Brot isst, kommt sich einfach näher. Da ist sich Avitall ganz sicher.

Information

Wer das Leuchter-Projekt unterstützen möchte, findet beispielsweise Tisch-Exeamplare im Avitall-Shop

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