Altes Handwerk, modernes Design

Stoffe, Tücher, Jacken oder Mäntel: In ihrem Schöneberger Laden „art wear“ fertigt die Weberin Maria Rakel modische und klassische Kreationen.

Webkünstlerin Maria Rakel mit Spinnrad und Webstuhl (rechts) in ihrem Schöneberger Laden „art wear“

Webkünstlerin Maria Rakel mit Spinnrad und Webstuhl (rechts) in ihrem Schöneberger Laden „art wear“

Foto: Sergej Glanze

„Ungefähr 300 Jahre ist er alt“, sagt Maria Rakel. Sie steht in ihrer Schöneberger Weberei-Werkstatt vor einem der beiden Webstühle, die schon beim flüchtigen Blick durch die Schaufenster Neugierde wecken. Wer ihr nachgibt und den Laden betritt, gerät in einen Mix aus Gestern und Heute. Eine wahre Fundgrube, diese beiden Räume in der Koburger Straße mit ihrer Kombination aus Laden, Manufaktur und Lager.

Hohe Regale säumen die Wände, bis an die Decke gefüllt mit aufgespultem Garn, Wollsträngen und Naturfaserfäden. Breite Auslagen sind mit Tüchern und Wolldecken bestückt. Farbenfrohe Mäntel, Jacken und Westen – auf Bügel gereiht, einzelne Designerstücke gesondert präsentiert. Es sind erlesene Kreationen, von Rakel entworfen und gefertigt. Kleider und Tops für den Sommer sind auch dabei – und natürlich Stoffe, die Grundlage. Die entstehen nach alter Technik an traditionellen Webstühlen.

Wahrlich imposant der ältere: Fast ein Drittel des Vorderraums nimmt er ein. Maria Rakel erläutert: „Vor etwa 50 Jahren waren solche Geräte in Berlin noch viel in Betrieb, loswerden wollte die keiner.“ Bis auf jene Weberin in Westend, die Anfang der 1970er-Jahre ihre Werkstatt auflöste. Für Maria Rakel die Erfüllung eines Kindheitstraumes, als sie den sogenannten Kontermarschwebstuhl mit nach Hause nahm, wo sie schon ein antikes Spinnrad hatte.

Die heute 70-Jährige lernte damals, mit den Geräten zu arbeiten. Geschickte Finger und die von der Mutter, einer Schneidermeisterin, übernommenen Techniken an der Nähmaschine waren ihr Rüstzeug. Aber ein Webstuhl? Eine Herausforderung für die studierte Sonderpädagogin aus Köln. Es folgte eine lange Phase des Experimentierens, mittendrin kam ihr die Idee für das Schreiben einer Fantasystory: Zwei Weberinnen, 700 Jahre voneinander getrennt, ein Webstuhl als „Zeitmaschine“. Gegenwart und Mittelalter. Um Letzteres besser zu verstehen, recherchierte sie in Archiven.

Beim Weben werden drei Bewegungen koordiniert

Groß war und ist ihr Respekt vor der Arbeit mittelalterlicher Weberinnen. Drei Bewegungen sind zu koordinieren, das gilt auch heute noch. Die vertikale Bewegung der Schäfte mittels der Tritte bestimmt das Muster. Das seitlich horizontale Durchschießen des Schiffchens legt den Schussfaden ein, das Heranziehen der Hängelade drückt den Schussfaden an das schon entstandene Gewebe. Maria Rakel wagt den Schritt in die Selbstständigkeit, eröffnet ihr erstes Atelier in Schöneberg. Zehn Jahre später wandert sie nach Kanada aus, betreibt auch dort eine Weberei, bringt nebenbei ihre Geschichte zu Papier. Und hat sie 2011 bei ihrer Rückkehr nach Berlin – noch unfertig – im Gepäck. Und einen neuen Webstuhl dazu. Computergesteuertes Heben der Schäfte für den Wechsel der Muster reduziert bei ihm die Tritte auf zwei, ein automatischer Roll-Mechanismus wickelt die Stoffe auf. Die Arbeit mit zwei Schiffchen ermöglicht den parallelen Einsatz von zwei Farben. So kann Rakel raffiniert gemusterte Stoffe herstellen. Die sind ebenso beliebt bei den Kunden wie die zeitlosen Stolen und Schals oder Decken, Letztere gibt es für 190 Euro aus Schafswolle.

Rakel verwendet ausschließlich Naturmaterialien – für Tops und Kleider etwa Leinen und Seide, arbeitet mit Kaschmir, Alpaka. Gefragt bei ihren Stammkunden – auch in Japan oder Australien – sind ihre Westen und Jacken mit zeitloser Falten-Struktur. 180 Euro für eine kurze, 340 Euro für eine lange Weste: Nicht jeder möchte diesen Preis zahlen. Die Frage: „Warum so teuer, ist doch nur selbst gemacht!“ findet Maria Rakel erschreckend.

Zeige sie doch die Verschiebung der Werte. Für sie zählen andere: Qualität, Langlebigkeit. Deshalb entwirft und fertigt sie „klassische Sachen, die nicht Modeschwankungen unterworfen sind“. Unikate, mit denen sich die Kunden identifizieren. „Kunsthandwerk wird es immer geben“, ist sich Maria Rakel deshalb sicher. „Den Entstehungsprozess eines Produktes von Anfang bis Ende zu leben. Diese Verbindung ist heute zerbrochen. Deshalb werfen wir Dinge leichtfertig weg“, meint Rakel. Gefragt sei mehr Respekt vor der Arbeit. Den könne Handgefertigtes mit seiner besonderen Ausstrahlung vermitteln, denn: „Handgewebtes hat für mich etwas Magisches.“

Ihr Fantasyroman ist unter dem Titel: „Das Gewicht der Zeiten“ veröffentlicht. Maria Rakel schaut in die Zukunft. Dorthin möchte sie ihr Handwerk retten, mit jungen Menschen. Wohl wissend, woran das aussterbende Webereihandwerk krankt: dem Mangel an Vorstellungskraft, Risikobereitschaft. Junge Kreative, auch Querdenker, sind willkommen. Maria Rakel ist offen für Experimente. Sie erzählt von Masterarbeiten, die hier entstanden, von Eigen-Kreationen wie Mützen mit Kupferfäden, die in Paris gezeigt wurden. Nachdenklich wandert ihr Blick zur Straße. Morgen wird sie wieder am Webstuhl sitzen, die Tür geöffnet. Und sie werden vorbeikommen – neugierige Knirpse aus dem Kiez, um mitzumachen. Sie dürfen. Der dritte, kleinste Webstuhl steht bereit. Wenn die Begeisterung überspringt, fühlt sich Maria Rakel ihrem Ziel näher. Die Kinder sollen sie spüren: die Magie des Selbstgemachten.

Information

„Maria Rakel art wear“ Koburger Str. 15, Schöneberg, Tel.: 0177/89 56 811, mariarakel.com, Mo.–Fr. 16–18 Uhr, und nach Vereinbarung

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