City West

Lastwagen zum Treten - die Alternative zum Auto

Mit Fahrradtransporter können vor allem Bewohner der Innenstadt auch ohne Autos Lasten bewegen. Man kann sie sich auch ausleihen.

Simo Vassinen hat zum ersten Mal ein Lastenrad gemietet, als er sich von 300 CDs trennen wollte.

Simo Vassinen hat zum ersten Mal ein Lastenrad gemietet, als er sich von 300 CDs trennen wollte.

Foto: Anja Meyer

Der Anlass, zu dem sich Simo Vassinen an diesem sonnigen Tag für zwei Stunden ein Lastenrad gemietet hat, war für ihn auch ein emotionaler: Von mindestens 300 CDs hat er sich getrennt – das Hören über MP3 habe sie nur zum Staubfänger in der Wohnung gemacht. Dazu hat er noch alte Schuhe, Klamotten und Elektroschrott auf den Recyclinghof der Berliner Stadtreinigung (BSR) am Südkreuz gebracht. Um das alles so schnell und unkompliziert wie möglich wegzufahren, leiht er sich in solchen Momenten am liebsten ein Lastenrad in der Schöneberger Kiez-Fahrradwerkstatt „ConRadskeller“ in seiner Straße.

Ein Lastenrad sei für ihn superpraktisch, wenn er größere Dinge transportieren muss, erzählt Simo Vassinen. „Ich habe zwar einen Führerschein, ein Auto leihe ich mir aber nur noch sehr sehr selten, seitdem es Lastenräder gibt“, sagt er. „Eigentlich nur bei sehr weiten Distanzen.“ Nicht nur zum Pflanzen-, Möbel- oder Sperrmülltransport hat der 35-jährige Finne die Vorzüge des Lastenrades schon genutzt. „Als mein sechsjähriges Patenkind aus Finnland mit seinen Eltern zu Besuch war, hatten wir uns ein Lastenrad für eine ganze Woche gemietet“, erzählt er. Damit ging es in den Zoo, Park und zu anderen Zielen in der Stadt. Jetzt will er nochmal eines für mehrere Stunden mieten und dann Lebensmittel für ein großes Picknick mit Freunden im Park transportieren.

Lastenräder liegen im Trend. Das weiß auch Conrad von Meyerinck von der Schöneberger Fahrradwerkstatt ConRadskeller zu berichten. Seit 2010 vermietet er die Lastenräder stunden-, tage- oder wochenweise. In seinen Laden kommen Familien, Paare, Freunde, Singles und Hausgemeinschaften und fragen die Fahrräder mit Stauraum nach – im Angebot hat er unter anderem eines mit einer Kiste mit Kindersitzen und eines mit zwei Rädern für weniger Gewicht. „Ich finde diesen Fahrrad-Trend gut, vor allem weil es kein kurzfristiger ist“, sagt er. Vielmehr finde in Berlin seit ein paar Jahren ein regelrechtes Umdenken statt, mehr junge Familien legen sich nach der Geburt eines Kindes ein Lastenrad statt einem Auto zu. „Dadurch, dass die Räder massentauglich geworden sind, verbessert sich auch ihre Qualität immer mehr.“

Auch Radtouren mit der Großmutter im Rollstuhl möglich

Von Meyerinck hat aufgrund der hohen Nachfrage in den vergangenen Jahren Lastenräder für die verschiedensten Bedürfnisse gebaut – darunter auch eines mit einer Konstruktion für Rollstühle, mit dem Kiezbewohner zum Beispiel Radtouren mit ihrer Großmutter im Rollstuhl unternehmen. Außerdem hat er ein Rad für die Kita um die Ecke konstruiert. Wie viele Kinder damit bewegt werden können, hänge vom Fitnesslevel der Erzieher ab, sagt Conrad von Meyerinck. So um die acht bis neun Kinder passen da gut rein. „Ich sehe auch, dass die Erzieher dadurch immer fitter werden“, sagt er und lacht. Er selbst ersetzt mit seinem Lastenrad komplett das Auto. „Ich fahre meine beiden Kinder damit durch die Gegend, erledige große Einkäufe oder Möbeltransporte“, berichtet er.

Senat fördert den Trend

Damit möglichst viele Privatleute und Gewerbetreibende genauso handeln, wird der Mobilitäts-Trend Lastenrad nun auch von politischer Seite gefördert. Jüngst hat der Berliner Senat beschlossen, den Neukauf eines Lastenrades finanziell zu unterstützen: 33 Prozent des Kaufpreises, beziehungsweise maximal 1000 Euro für ein E-Lastenrad und 500 Euro für eines ohne Motor will der Senat künftig erstatten. Dafür sind in diesem Jahr 200.000 Euro und im kommenden Jahr 500.000 Euro vorgesehen – ab dem heutigen, 4. Juli können Anträge für diese Förderung gestellt werden.

In der City West kann man Lastenräder auch kostenlos mieten

Doch auch für diejenigen, die so ein Lastenrad nur gelegentlich benötigen, gibt es in der City West immer mehr Möglichkeiten, eines auszuborgen. Neben dem Verleih in verschiedenen Fahrradwerkstätten, bieten einige Anbieter auch kostenlose Lastenräder an. Das ist zum Beispiel auf der Mierendorff-Insel und am Klausener Platz der Fall: In beiden Kiezen kooperiert der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf mit der Technischen Universität (TU) und anderen Partnern im Projekt „Distribut E“ – ein Pilotprojekt, in dem seit diesem April Elektro-Lastenräder für eine Dauer von maximal 72 Stunden kostenlos zur Verfügung gestellt werden. „In beiden Kiezen gibt es derzeit jeweils vier E-Lastenräder“, berichtet Rolf Mienkus, Geschäftsführer des Insel-Projektes auf der Mierendorff-Insel. „Die werden sehr gut genutzt.“

So würden manche Familien damit sogar Campingausflüge im Umland unternehmen, andere ihre kleinen Transporte erledigen und manche auch nur mal spontan die Kinder von der Schule abholen und im Kiez herumfahren. „Ein kleines Mädchen, das von ihrem Vater mit dem Lastenrad herumgefahren wurde, hat mir danach erzählt, das sei noch viel toller, als ein Eis essen“, sagt Mienkus und lacht. Generell habe er bislang viele positive Reaktionen auf das Fahren mit den Rädern erhalten. Der elektrische Antrieb mache es für viele möglich, damit auch große Gewichte zu stemmen.

„Das Ziel des Pilotprojektes ist es, den Menschen umweltfreundliche Alternativen zum eigenen Auto anzubieten“, sagt Rolf Mienkus. „Denn die Verkehrssituation in den Quartieren ist zum Teil haarsträubend, es sind einfach zu viele Autos und Lieferwagen unterwegs.“ Ob sich auf der Mierendorff-Insel aufgrund des Projektes schon jemand dazu entschieden hat, das eigene Auto gegen ein Lastenrad einzutauschen, könne Mienkus nicht sagen. Er selbst ist diesen Schritt jedenfalls gegangen. „Ich habe mein Auto im Jahr 2016 abgeschafft“, sagt er. „Seitdem erledige ich größere Transporte ganz bequem mit dem Lastenrad.“

Kostenfreie Lastenräder in der City West

Freie Lastenräder Berlin Lastenrad Manni am Kaiserdamm (nähe Sophie-Charlotte-Platz): Dreirädrig, zwei Sitzbänke für bis zu vier Kinder, bis maximal 90 Kilogramm können transportiert werden. Am Kaiserdamm, nähe Sophie-Charlotte-Platz. Buchbar unter www.freie-lastenradler-berlin.de

fLotte E-Lastenrad Lara am EUREF-Campus in Schöneberg: 250 Liter Fassungsvermögen, für Kinder und Hunde ist die Box ungeeignet, dafür für große und empfindliche Güter. Buchbar unter: info@flotte-berlin.de

Distribut-e Jeweils vier E-Lastenräder in den Kiezen Mierendorff-Insel und Klausener Platz. Zum Teil auch mit Kinderbänken. Buchbar unter http://distribut-e.de

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