Charlottenburg

„Moderater Verkehr wäre eine Chance“

Die Zukunft der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße aus Stadtplanersicht.

Harald Bodenschatz von der TU Berlin

Harald Bodenschatz von der TU Berlin

Foto: PhilippDase 01577/5374080 / CMS

Berlin.  Professor Harald Bodenschatz beschäftigt sich an der Technischen Universität mit der Berliner Stadtentwicklung. Die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße kennt er von Anfang an.

Herr Professor Bodenschatz, die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße wird 40 Jahre alt. Hätten Sie sie so geplant?

Harald Bodenschatz: Eher nicht, in den Orten, in denen ich als Planer tätig war, habe ich immer gegen Fußgängerzonen plädiert. In den 70er-Jahren waren sie meist ein komplementäres Element der autoorientierten Stadtplanung. Die Funktionen, so wie in der Wilmersdorfer Straße, wurden radikal getrennt. In der Fußgängerzone wurde alles aufs Einkaufen ausgerichtet, das führte vielfach zu einer Abwertung des Umfelds mit Lieferzonen und Parkplätzen für die Kunden oder Angestellten der Geschäfte. Zudem stiegen die Ladenmieten so hoch, dass sie nur noch der Masseneinzelhandel zahlen konnte.

Gerade in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße hört nach Geschäftsschluss das Leben auf ...

Die Wilmersdorfer Straße war, so habe ich das jedenfalls immer wahrgenommen, eher so eine Art Testballon und ein Beispiel dafür, dass man in West-Berlin eigentlich so gar nicht auf Fußgängerzonen aus- und eingerichtet war. Die Straße war ja auch nicht gerade eine 1-a-Lage, in der man andernorts Fußgängerzonen eingerichtet hat, sondern eine Nebenlage. Das ist sie letztlich heute immer noch, auch wenn sie im Ranking der Kundenfrequenz meist ja bald nach dem Kudamm, dem Tauentzien oder der Schlossstraße in Steglitz kommt. Ich denke, die meisten Ost-Berliner kennen die Wilmersdorfer Straße gar nicht.

Ist die Idee Fußgängerzone also tot?

Ich habe in den 80ern in vielen kleinen Städten Planungen machen können, aber wir haben niemals eine Fußgängerzone eingerichtet. In neuerer Zeit werden Fußgängerzonen – ich denke da etwa an Kopenhagen – sehr viel vorsichtiger eingesetzt, eher als Instrument, das den Autoverkehr in Innenstädten flächendeckend etwas reduziert. Heute will man jedenfalls nicht mehr, dass sich der Massenkonsum auf so eine Meile konzentriert.

Wäre es eine Maßnahme für die Belebung von Fußgängerzonen, Verkehr in reduzierter Form zurückzubringen?

Ich habe in den USA eine unglaublich interessante Erfahrung gemacht. Im Zentrum von Chicago gibt es eigentlich zwei große Straßen. Die alte zentrale Straße heißt State Street. Die State Street hat man 1979 als Fußgängerzone eingerichtet. Ich habe die Entwicklung verfolgt: Die Straße ist unglaublich schnell runtergekommen. Dann ist etwas passiert, was ich als sensationell empfunden habe: Man hat beschlossen, diese Fußgängerzone wieder zurückzubauen. 1996 wurde die Straße wiedereröffnet, aber nicht mehr als Autohölle wie vorher, sondern mit reduziertem Verkehr, und es ging wieder aufwärts. Ich sehe es also durchaus auch für die Wilmersdorfer Straße als Chance, wenn moderater Autoverkehr wieder möglich wäre und sie wieder zu einer klassischen Berliner Straße mit einem Anschluss an ihren nördlichen und südlichen Teil würde. Sie würde dann wieder ein Teil des umgebenden Kiezes und keine Sonderzone.

Autos zurück, und es flutscht wieder?

Sie müssen ja auch eins bedenken, wie oft und für wie viel Geld die öffentliche Hand diesen öffentlichen Raum immer wieder umgebaut und neu möbliert hat. Alles, was gerade schick ist, ist es nach fünf Jahren schon wieder nicht mehr. Man muss relativ viel investieren. Inzwischen wird ja glücklicherweise Gastronomie wieder in Erwägung gezogen, was in der Anfangszeit ja keine Rolle gespielt hat. Jetzt sind doch wieder ein paar Cafés präsent. Die Stadtverwaltung muss sich aber für die Wilmersdorfer Straße schnell etwas einfallen lassen, denn gerade der Masseneinzelhandel, der die Fußgängerzone prägt, ist vom Online-Handel besonders betroffen.

Das betrifft aber ja nicht nur die Fußgängerzonen?

Ja, das ist das zentrale Thema der Zukunft: Was machen wir aus unseren Hauptstraßen in der Stadt? Da sind ja nicht nur Läden, sondern auch Behörden und Kultureinrichtungen. Und auch Wohnungen! Die Leute gehen ja heutzutage auch viel mehr raus ins Freie, als sie es noch vor 40 Jahren getan haben. Wir haben da eigentlich mit der Schlossstraße in Steglitz ein ganz gutes Beispiel, wie es sein könnte. Zwar staut sich da immer noch oft der Verkehr, aber man hat da Verwaltung und Kultur, eine bunte Mischung von Läden, breite Gehwege, na ja, zu viele (3!) Riesenshoppingcenter, aber auch Bäume und etwas Gastronomie. Selbst die Schlossstraße ist noch lange nicht perfekt, sie ist freilich auf gutem Wege …

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