Tiergarten

Die Felsen vom Lützowplatz

Überall in der City West gibt es kleine Schätze, hinter denen manchmal interessante Geschichten stecken. So wie die Felsbrocken am Lützowplatz

"Torblock" von Volker Bartsch, 210 x230x111 groß

"Torblock" von Volker Bartsch, 210 x230x111 groß

Foto: Sofia Mareschow

Ein Stückchen Gebirge - mitten in der Stadt? Wie zufällig verstreute Felsbrocken sehen sie aus, die drei kantigen Gebilde am nördlichen Zipfel des Lützowplatzes. Keine Laune der Natur indes - sie sind Menschenwerk, gekonnt integriert ins grüne Umfeld der kleinen Parkanlage in Tiergarten, die, seit ziemlich langer Zeit im Baustellenmodus, so gar nicht mehr romantisch ist.

Ein verwittertes Schild gibt Auskunft

Wie gut, dass der Winkel mit den drei monumentalen Findlingen davon verschont blieb. Ein verwittertes unscheinbares Schild am Straßenrand gegenüber des Hotels Esplanade gibt Auskunft: Fast 28 Jahre ist es her, dass sich hier eine Gruppe Kreativer zum internationalen Kunstprojekt "Bildhauersymposium Lützowplatz '90" zusammenfand. Während der fast zweimonatigen Herbst-Aktion, einer Initiative des Kunstamtes Tiergarten, schufen vier Künstler - Ernest Altés aus Barcelona, Hartmut Stielow aus Hannover und die beiden Berliner Volker Bartsch und Udo G. Cordes - ihre bildhauerischen Arbeiten aus Hartgestein und Metall, einer nicht so oft verwendeten Materialkombination.

Zuschauer waren ausdrücklich eingeladen, den Entstehungsprozess am Ort zu beobachten: ein gelungenes Beispiel für gelebte Kunst im öffentlichen Raum. Der 210 x 230 x 110 Zentimeter große "Torblock" aus Granit und Stahl des Malers und Bildhauers Volker Bartsch, die Komposition " 3-X-90" von Ernest Altés und die Skulptur von Udo G. Cordes fanden nach Abschluss hier ihre dauerhafte Heimat und sind nicht mehr wegzudenken.

Mehrfach hat der heute denkmalgeschützte Lützowplatz sein Gesicht verändert. Erst 1861 wurde er zusammen mit dem umliegenden Areal nach Berlin eingemeindet und 1869 nach dem Freikorpsführer Freiherr von Lützow benannt, der als populärster Vertreter der Befreiungsbewegung gegen die napoleonischen Truppen gilt und der in der Nähe gewohnt hatte. Heute kaum vorstellbar, dass diese Gegend anfangs so gar nicht städtisch aussah: Ende des 19. Jahrhunderts weideten hier noch die Kühe einer stadtbekannten Molkerei, selbst als Lagerfläche für Holz und Kohlen musste der Platz herhalten, bis er an den Großen Tiergarten angebunden wurde. Anfang des vergangenen Jahrhunderts avancierte der Lützowplatz zunehmend zur Top-Adresse für Prominente, etwa Kaufhausbesitzer Adolf Jandorf und Künstler wie Walter Gropius und erlebte in den 1930er Jahren seine Blütezeit. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges neu gestaltet, befindet er sich mit seinem Umfeld nun wieder im Umgestaltungsprozess. Nur die drei Riesensteine rühren sich - stummen Wächtern gleich - nicht von der Stelle.

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