Friedenau

Wie Sabine Ludwig mit ihren Büchern Kinder verzaubert

Die Kinderbuchautorin Sabine Ludwig wird durch die Orte aus ihrem Kiez in Friedenau inspiriert. Seit 36 Jahren lebt am Bundesplatz.

Lässt sich von ihrem Friedenauer Kiez inspirieren: die Kinderbuchautorin  Sabine Ludwig

Lässt sich von ihrem Friedenauer Kiez inspirieren: die Kinderbuchautorin Sabine Ludwig

Foto: Paulus Ponizak

Es gibt so viele Gebäude und Impressionen in ihrem Kiez, die Sabine Ludwig im Alltag gedanklich speichert. Das sind zum Beispiel die alten Wasserpumpen an den Straßen, die einst Kutschpferden als Tränke dienten. Auch Schulgebäude wie das Rheingau-Gymnasium in Friedenau mit dem wuchtigen Turm oder die Birger-Forell-Grundschule mit ihren separaten Eingängen für „Knaben“ und „Mädchen“ - aus einer Zeit, die gendersensible Erziehung noch nicht kannte. Der massive Rheingau-Turm findet sich in einem ihrer erfolgreichsten Kinderbücher wieder, in „Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft“. „Dabei spielen meine Bücher nicht ausdrücklich in Berlin“, sagt die Schriftstellerin. „Aber die Stadt ist meine innere Landkarte.“

1954 in Zehlendorf geboren, als Studentin im als ungemütlich empfundenen Moabit gehaust, nennt Sabine Ludwig seit 36 Jahren die Gegend rund um den Bundesplatz ihr Zuhause. Erst 23 Jahre auf der Wilmersdorfer- und dann 13 Jahre auf der Friedenauer Seite. In den vergangenen 30 Jahren hat sie 45 Kinderbücher geschrieben. Die meisten für Acht- bis Zwölfjährige, auch zwei Romane für Teenager sowie Erst- und Vorlesebücher. Zudem hat sie die etwa gleiche Anzahl von Kinderbüchern übersetzt. Besonders stolz ist sie auf den phantastischen „Despereaux“ der preisgekrönten amerikanischen Kinderbuchautorin Kate DiCamillo. Mit dieser Übersetzungen sowie der von „Winn-Dixie“ wurde sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Schon als Radioredakteurin Geschichten für Kinder ausgedacht

Eigentlich als Lehrerin ausgebildet, verschlug es sie in den Journalismus. Die literarische Hörfunksendung „Ohrenbär - Radiogeschichten für kleine Leute“ steht für Top-Qualität und anspruchsvolle Unterhaltung. Dort hat sich die Radioredakteurin Sabine Ludwig in den Anfangsjahren erstmals Geschichten für Kinder ausgedacht. Dass die so gut ankommen, liegt daran, dass sie sich als Erwachsene im fortgeschrittenen Lebensalter immer noch mühelos in Kinder hineinversetzen kann. „Heute noch passiert es mir, dass ich denke, wenn ich einmal groß bin, mache ich dies oder das...“, beschreibt sie. Sie schreibt mühelos aus der Perspektive der Kinder.

Das kann herzergreifend sein, wie beim elfjährigen Joe im Krimi „Die Nacht, in der Mr. Singh verschwand“. Der dicke, überbehütete Junge wird in seiner Klasse ausgegrenzt, körperlich attackiert und lächerlich gemacht. Er leidet, spricht aber mit niemandem darüber. Schon gar nicht mit seiner Mutter, die er nicht mit seinem Kummer belasten will, denn sie kämpft selbst, kommt nach dem Tod des Vaters schlecht klar. In wenigen Sätzen skizziert die Autorin die bedrückende Situation. Auch Miranda und Cymbeline, die anderen beiden Protagonisten des Buchs, haben es schwer: Eltern ohne Zeit und ohne Sinn für die Nöte der Kinder. Typisch für ein Ludwig-Buch: Jammern gilt nicht und es wird trotzdem spannend und lustig.

Skurrile Situationen, magische Momente und amüsante Abenteuer garantieren großes Lesevergnügen. Im Zentrum stehen normale Kinder, keine Superhelden. „Die interessieren mich nicht“, so Ludwig. Ihre Sympathie und Fürsorge gilt denen, die es schwer haben im Leben. Ausgelöst durch Konflikte in der Familie, Ausgrenzung oder Druck in der Schule. Gefühle, die der Autorin nur zu vertraut sind: In einem armen Künstlerhaushalt aufgewachsen, war so gut wie kein Geld da. Sie musste die abgelegten Klamotten ihrer DDR-Cousins auftragen. Ein Mädchen in abgeranzten Ost-Klamotten im Zehlendorf der 60er-Jahre. „Arm und schlecht angezogen, also anders zu sein als die anderen, das bot damals Angriffsfläche. Ich war selbst ein gemobbtes Kind“, sagt Ludwig.

Mit Zauberkraft gegen die schlechte Laune

Das Gefühl des Alleinseins, der Ohnmacht - Sabine Ludwig kennt es aus der eignen Schulzeit. Sie kann anschaulich beschreiben, wie blöd es sich anfühlt, die Schule zu schwänzen, denn sie selbst ging an Tagen, an denen ihr alles zu viel wurde, nicht hin. Und litt darunter. Wartete vergebens auf ein Zeichen der Empathie ihrer damaligen Lehrkräfte. Das spiegelt sich in ihren Werken - kaum eine Lehrerfigur in ihren Büchern kommt sympathisch rüber. Missgünstig und hämisch agiert das Lehrerkollegium in Ludwigs erfolgreicher Reihe „Miss Braitwhistle“. Mit Zauberkraft pariert die fabelhafte Miss die Phalanx der schlechten Laune. Mit dieser unkonventionellen, lebensfreudigen Figur hat Sabine Ludwig einen charmanten Charakter geschaffen, der in derselben Liga spielt wie eine ihrer eigenen Heldinnen aus Kindertagen. Miss Braitwhistle agiert so unbekümmert und phantasievoll wie „Mary Poppins“. Momentan sitzt Sabine Ludwig am fünften Band der Reihe und schickt die Zauberlehrerin auf Klassenfahrt. Im Juli erscheint außerdem „Das verflixte Alfa-Bett“, ein Buch mit Geschichten zur Einschulung.

Eine dieser Geschichten heißt „Rechtsherum und wieder rechts“ und dürfte vielen Wilmersdorfer Schulkindern bekannt vorkommen. Sie beschreibt den damaligen Schulweg ihrer (längst erwachsenen) Tochter. „Allerdings auf der Wilmersdorfer Seite vom Bundesplatz“, verrät die Autroin.

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