City West

Porträts von Menschen, die Berlin ein wenig schöner machen

Der englischsprachige Blog „berlinograd.com" erinnert auch daran, welch lange Tradition russisches Leben in der City West hat

Starke, selbstbewusste Frauen: Olga Vaulina, Beatrice Grundheber und Genia Markova (v.l.) wählten fürs Treffen den Nollendorfplatz. Für alle ein Ort, an dem sie sich vorstellen können, wie wohl sich Künstler und Intellektuelle aus Russland in den 1920er-Jahren Künstler in Berlin gefühlt haben.

Starke, selbstbewusste Frauen: Olga Vaulina, Beatrice Grundheber und Genia Markova (v.l.) wählten fürs Treffen den Nollendorfplatz. Für alle ein Ort, an dem sie sich vorstellen können, wie wohl sich Künstler und Intellektuelle aus Russland in den 1920er-Jahren Künstler in Berlin gefühlt haben.

Foto: Katja Wallrafen

Sie ist eine Überzeugungstäterin. Sie porträtiert Menschen, die Berlin ein bisschen schöner machen. Musik, Kunst, Fotographie, Webdesign - Kultur im weitesten Sinne. Auf ihrem Blog Berlinograd bietet Beatrice Grundheber der russischsprachigen Community in Berlin eine Plattform. Bevor sie vor fünf Jahren nach Berlin gezogen ist, hat die gebürtige Triererin und Russistin in Moskau und St. Petersburg gelebt. „Dort herrschte eine einzigartige Aufbruchsstimmung unter den jungen Leuten“, schildert Grundheber. „In den russischen Metropolen hatten die jungen Menschen Lust auf den Westen und die Freiheit, unendlich viele Dinge künstlerisch ausprobieren zu können. Diese Aufbruchsstimmung kannte ich aus Deutschland nicht. Ich möchte einen Teil dieser Bewegung mittragen und in Deutschland etablieren.“

Kultur als verbindendes Element

In Zeiten, in denen Europas Verhältnis zu Russland politisch nicht unbelastet ist, will Beatrice Grundheber das Augenmerk auf die Menschen und ihre Kreativität lenken. „Ich finde das Thema Russland wird zu stark politisiert und die Berichterstattung in den Medien ist sehr negativ. Ich will nicht, dass man alle Russen über einen Kamm schert. Ich möchte gute Geschichten gegen Stereotypen setzen“, beschreibt sie ihre Motivation. Politik ist nicht ihr Thema, sie legt den Fokus auf das verbindende Element Kultur und das kreative Potenzial der Menschen. Während der Oktoberrevolution in den 1920er-Jahren haben 300.000 Russen in Berlin, viele davon in Charlottenburg, gelebt. „Das waren Künstler, Intellektuelle und Oppositionelle, die die Offenheit und Toleranz der Stadt geschätzt haben. Damals sprach man von "Berlinograd" und diesen Namen habe ich sehr bewusst gewählt“, so Beatrice Grundheber.

Selbstbewusste, talentierte Frauen

Heute leben etwa 200.000 russischsprachige Menschen in Berlin. „In der City West sind es viele starke, selbstbewusste, talentierte Frauen“, hat Beatrice Grundheber beobachtet. Genia Markova zum Beispiel, Mutter einer dreijährigen Tochter, am Klausnerplatz in Charlottenburg zuhause. In der Ukraine geboren, hat sie auch in Tel Aviv und New York gelebt, bevor sie zum Studium nach Göttingen kam. Von dort kam sie nach Berlin und sagt: „Das ist endlich der Ort, an dem ich mich zu Hause fühle. Das Gefühl hatte ich vorher nie.“ Genia Markova arbeitet für eine russischsprachige Literaturzeitschrift, die vor drei Jahren begründet wurde. Dort veröffentlichen in Deutschland lebende russischsprachige Autoren. „Auch wir wollen eine Brücke schlagen zwischen den Kulturen und Sprachen der beiden Länder“, so Markova. Sie selbst dichtet und kümmert sich um die russische Poetry-Slam-Szene in Berlin. „Unser Red Square Festival bietet Kultur, Musik und Kunst, fördert aber auch den Austausch über politische und wirtschaftliche Themen.“

Urbanität und Kiezgefühl

Der Netzwerkgedanke treibt auch Olga Vaulina um. In Moskau geboren, kam auch sie nach Göttingen zum Studium und von dort an die Spree. Seit 2010 lebt sie in der City West, verheiratet mit einem Mann aus Thüringen. Ihn zieht es eigentlich eine ländlichere Gegend, doch Vaulina will nicht weg aus Berlin. „Diese einmalige Mischung aus Kiezgefühl und Urbanität mit all den Möglichkeiten - das gibt es nur hier“, sagt sie. Sie wohnt in den Ceciliengärten in Schöneberg, der Breslauer Platz ist ihr Lieblingsort in Berlin. Im Brotberuf als PR-Expertin, hat Olga Vaulina das internationale Frauennetzwerk zagran.me in Deutschland etabliert. Als Repräsentantin organisiert sie Zusammentreffen, sorgt für tragfähige Netzwerke. „Die Treffen sind wahre Energie-booster“, schildert sie. „Es gibt so viel Wissen, so viel Know-how und auch ehrgeizige Ansätze, die Welt ein bisschen besser zu machen.“

Beatrice Grundheber lächelt: „Ich bin nicht alleine mit meinem Ansatz. Berlinograd zeigt die ehrlichen, leidenschaftlichen russischsprachigen Berliner und Berlinerinnen, und ihr Beitrag zum bunten Ganzen hier in Berlin.“ Dass ihre Idee inzwischen auch aus anderen Ländern aufgegriffen wird, findet sie „natürlich wunderbar“. Denn ihr „Baby“ Berlinograd war Inspiration und Vorbild für den Blog scandinaviancreatives.blogspot.de., wo sich kreative Skandinavier präsentieren.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.