Charlottenburg

Jetzt kommen nur noch die Bagger

Fast 100 Jahre nach der Eröffnung geht in der Komödie am Kurfürstendamm die letzte Vorstellung vor dem Abriss über die Bühne

Beim Schlussapplaus kommen Katharina Thalbach (M.) die Tränen. Rechts stehen Martin Woelffer und sein Vater Jürgen

Beim Schlussapplaus kommen Katharina Thalbach (M.) die Tränen. Rechts stehen Martin Woelffer und sein Vater Jürgen

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Um 21.10 Uhr ist Schluss. Der rote Vorhang schließt sich, die Vorstellung „Der Raub der Sabinerinnen“ ist vorbei. Die allerletzte Aufführung in der Komödie am Kurfürstendamm Geschichte. Das fast 100 Jahre alte Theater wird im Zuge des Umbaus des Kudamm-Karrees ebenso wie das benachbarte Theater am Kurfürstendamm abgerissen. Stehend applaudieren die Zuschauer am Sonntagabend den Schauspielern auf der Bühne. Minutenlang werden Katharina, Anna und Nellie Thalbach, Markus Völlenklee und die anderen Akteure beklatscht. Auch das Theater. Und die beiden Direktoren, der amtierende Martin Woelffer und sein Vater und Vorgänger Jürgen, die sich irgendwann während des Schlussapplauses mit auf die Bühnen stellen. Jürgen Wölffer spricht von einer „Beerdigung“, aber auch davon, dass alles seine Zeit hat. Martin bricht fast die Stimme, er beschwört den Geist des Ortes. Ein so schmuckes, intimes rangloses Theater mit einem Kranz aus Logen gibt es in Berlin nicht noch einmal – und bald gar nicht mehr.

Eine Ära geht zu Ende. Und das Publikum an diesem Abschiedsabend spürt es. Zur festlichen Eröffnung am 1. November 1924 waren die Herren im Frack und die Damen im Abendkleid erschienen. Reichskanzler Wilhelm Marx und Außenminister Gustav Stresemann saßen in den Proszeniumslogen beidseits der Bühne. Es war ein gesellschaftliches Ereignis. Es gibt davon ein Foto – und dieses Motiv wird an diesem Sonntag zum Schluss die Bühne verdecken.

Ilja Richter kommt ganz in Schwarz

Am 27. Mai 2018, dem Tag der Schließung, sitzen überwiegend ganz normale Theaterbesucher im ausverkauften Saal. Geladene Gäste sind die Ausnahme, einige Schauspieler sind da, Ilja Richter kommt ganz in Schwarz, aber kaum Politiker. Möglicherweise, weil sie wissen, dass sie eine Mitschuld am Abriss der beiden historischen Theater tragen, die von Oskar Kaufmann entworfen und von Max Reinhardt bespielt wurden. Die Häuser wurden, auch mit Rücksicht auf die Investoren, nicht unter Denkmalschutz gestellt. Und bei den finalen Umgestaltungsplänen begnügte sich die Politik damit, dass ein neues Theater im Untergeschoss gebaut wird, das künftig von Woelffer bespielt werden soll.

Ein melancholischer Abend, trotz eines heiteren Stücks. Die „Sabinerinnen“, ein Schwank aus der Feder von Franz und Paul von Schönthan, sind ja ein Klassiker des Boulevardtheaters und auch ein wunderbares Stück über Theater. Katharina Thalbach spielt in ihrer Inszenierung den Theaterdirektor Striese. Eine Figur, die ihr auf den Leib geschneidert ist, auch die Thalbach, die beim Schlussapplaus ein paar Tränen verdrückt, brennt für das Theater.

Katharina Thalbach zum dritten Mal "vertrieben"

Für die Schauspielerin ist das jetzt die dritte Vertreibung von einer Bühne, die für sie so etwas wie Heimat war: Mit ihrer Umsiedlung in den Westen Ende 1976 im Zuge des Protestes gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann konnte sie nicht weiter im Berliner Ensemble auftreten, wo sie als 15-Jährige in der „Dreigroschenoper“ ihr Debüt gab. In den 80er-Jahren wurde sie Mitglied des Ensembles des Schiller Theaters, das auf Beschluss des Berliner Senats 1993 geschlossen wurde. Damals stand sie – ebenso wie jetzt in der Komödie – auch am letzten Abend auf der Bühne. Und dorthin kehrt sie bald zurück, denn das Schiller Theater wird die Ausweichspielstätte der Kudammbühnen.