Charlottenburg

Albert Haziza zieht die Herren der City West an

Seit 50 Jahren verkauft der Herrenausstatter exquisite Kleidung in Charlottenburg. Er setzt ausschließlich auf eigene Entwürfe.

Der gelernte Schneider Albert Haziza in dem nach ihm benannten Laden für Herrenmode in Charlottenburg

Der gelernte Schneider Albert Haziza in dem nach ihm benannten Laden für Herrenmode in Charlottenburg

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Das Geschäft von Albert Haziza öffnet sich nur Kunden, die klingeln. Demgegenüber wirken die grellen Werbekleber auf dem Schaufenster an der Knesebeckstraße unweit des Kurfürstendamms reißerisch. Und passen so gar nicht zum Stil dieses Grandseigneurs der Berliner Herrenmode. Doch anlässlich des Geschäftsjubiläums reduziert Haziza alle Waren bis August um 50 Prozent. „Das musste ich auffällig bekanntmachen“, sagt der 77-Jährige.

Der gebürtige Marokkaner ist sein bester Werbeträger, seine Kleidung ein perfektes Ganzes. Angefangen von den schwarzen Alligatorenlederschuhen über den Schurwoll-Anzug in elegantem, dunklen Königsblau, abgesetzt mit großen hellblauen Quadraten, der rund geschnittenen Weste, taubenblauer Krawatte, passendem Einstecktuch, klassischem Duft bis zur edlen Uhr. Den Anzug trägt er eng geschnitten. Er sitzt wie angegossen.

50 Jahre am selben Ort, Mode für den Herren unter dem Motto „Von Monsieur Albert bekleidet, von allen beneidet“. Einige seiner prominenten Kunden seit 1968 sind fotografisch festgehalten, Helmut Schmidt etwa, Otto Schily, Rod Stewart. Eddy Constantin waren bei ihm oder Harald Juhnke. Aktuell zählen Bundesminister Hubertus Heil oder Fußball-Kommentator Marcel Reif zu seinen prominenten Kunden.

Geboren wurde Haziza 1941 in Casablanca. Als er 16 Jahre alt ist, beginnt sein älterer Bruder eine Schneiderlehre. Albert Haziza eifert ihm nach, auch er macht eine Ausbildung. Zwei Jahre nach Beginn der Lehre wechselt er zu Alfred Hellmann, der in den 1930er-Jahren bei Wertheim in Berlin eine leitende Position in der Herrenabteilung innehatte aber als Berliner jüdischen Glaubens vor den Nazis nach Casablanca geflüchtet war. „Er hat mich wie seinen vierten Sohn angenommen“, erzählt Albert Haziza. Bei Hellmann verfeinerte er sein Handwerk. „ Wir haben alles per Hand genäht. Knöpfe, Ärmel, passpolierte Taschen, Innentaschen, Futter, Revers, Schulterpolster. Manchmal dauerte es fünf Tage, bis ein Sakko fertig war. Aber dafür saßen die wie eine Eins. Die Stoffe kamen ausschließlich aus Mailand, nur beste Ware.“ Wenn er davon erzählt, bewegen sich seine Finger als hielte er das feine Material in seinen Händen.

Neben seiner Leidenschaft für das Schneiderhandwerk entwickelte Albert Haziza eine zweite Passion: das Tanzen. Jeden Tag probte er vor den großen Spiegeln des Ateliers, Cha-Cha, Tango, Walzer, Jive. „Ich war süchtig nach Tanzen“, sagt er und schon bewegt er sich mit einem angedeuteten Tanzschritt.

Vom Mentor nach Berlin gelockt

Sein Mentor Hellmann bemerkte seine Unruhe und fragte, ob er sich vorstellen könnte, in einer anderen Stadt zu leben, zum Beispiel in Berlin. Dort besaß Hellmann am Kurfürstendamm nach dem Krieg ein Herrenmodengeschäft. Er besorgte seinem Schützling die nötigen Papiere. Am 9. September 1963 kam Haziza am Flughafen Tempelhof an. „Die Mauer war gerade gebaut worden. Viele wollten weg aus West-Berlin. Aber ich wusste – das ist meine Stadt.“ Tagsüber arbeitete er im Modegeschäft, abends ging er tanzen. „Es gab so viele verschiedene Lokale. Am liebsten besuchte ich den ,Old Eden Salon’ in der Damaschkestraße. Als Rolf Eden mich tanzen sah, sagte er, ich könne bei ihm Kurse geben.“ Kurze Zeit später machte er das auch, und zwar hauptberuflich.

Differenzen mit dem Geschäftsführer beim Herrenausstatter führten zum Ende der Tätigkeit dort. 1966 wechselte er das Metier und eröffnete die „Skyline Bar“ in der Schlüterstraße. Dort lernte er seine Frau kennen, mit der er drei Töchter hat. „Aber die Bar war auf Dauer nichts für mich. Und als mein Schwiegervater mich drängte, etwas Seriöses zu machen, entschied ich mich, zu dem zurückzukehren, was ich am besten konnte. 1968 eröffnete ich mein Geschäft. Es war anfangs sehr klein, aber peut à peut vergrößerte ich es auf zwei Etagen.“ Monsieur Albert war der erste in Berlin, der Anzüge, Hemden, Sakkos, Hosen, Mäntel von Kiton, von Ermenegildo Zegna und von Antonio Fusco verkaufte. Albert Haziza erlebte die Demonstrationen Ende der 60er-Jahre auf dem Kudamm, die fetten 70er- und 80er-Jahre, den Mauerfall.

Einbruch mit der Umstellung auf den Euro

Mit der Umstellung auf den Euro kam für sein Geschäft ein großer Einbruch. „Meine Kunden sagten, ‚Albert, ich kann keinen Anzug für 1.800 Euro kaufen. Also überlegte ich, was ich machen kann- und entschied mich, meine eigene Linie zu entwerfen“. Mode Albert, Napoli Couture nannte er sie, kaufte die Stoffe wie seine Lehrmeister vor mehr als 40 Jahren in Casablanca bei Webereien in Mailand. Fertigen lässt er ausschließlich in Neapel. „Dort lassen alle großen Marken produzieren, von neapolitanischen Zuschneiderinnen und Zuschneidern.“ Viermal im Jahr fährt er dorthin. Einmal, um seine Ideen vorzugeben, aber auch, um die Muster freizugeben.

Die Ideen für seine Entwürfe kommen ihm „immer vor dem Einschlafen. Dann nehme ich den Stift, und notiere sie“, so Haziza. Bei den Anzügen setzt er diesen Sommer auf leichte Baumwollstoffe. Für Mutige hat er Aallederblousons im Angebot, lachsfarbene Sakkos, immer mit Viskosefutter, und von ihm designte Schuhe wie lagunenblaue Alligatorenleder-Sneakers.

Wie lange er das Geschäft noch machen möchte? Monsieur Albert lächelt, er sagt: „Bis ich 80 bin, das wäre schön.“

Information

Monsieur Albert, Exclusive Herrenmode, Knesebeckstraße 35, Charlottenburg, Mo.-Fr. 10-19, Sbd. 10-18

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