Autobahn A100

Sanierung der Rudolf-Wissell-Brücke verändert Charlottenburg

Die neue Brücke wird aus zwei nebeneinander verlaufenden Brücken bestehen, teilte die Senatsverwaltung mit. Dafür müssen Kleingärten weichen.

YT Wisselbrücke

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Berlin. Aus eins mach zwei: Unter diesem Motto will der Berliner Senat eines der größten und kompliziertesten Straßenbauprojekte der Stadt, den Ersatzneubau der Rudolf-Wissell-Brücke, angehen. Die mit 926 Metern längste Straßenbrücke Berlins gilt seit Langem als marode und dringend erneuerungsbedürftig. Bislang war aber unklar, wie das zwischen 1958 und 1961 als Teil der Stadtautobahn errichtete Bauwerk ersetzt werden kann, ohne für ein Verkehrschaos in der Stadt zu sorgen.

Nun hofft der Senat, eine Lösung für das drängende Problem gefunden zu haben. Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) und die mit dem Vorhaben beauftragte Bundesbaugesellschaft Deges stellten am Donnerstag das Ergebnis eines europaweiten Ideenwettbewerbs für das ambitionierte Bauprojekt vor. Der Sieger-entwurf soll dabei Grundlage für das erforderliche Planfeststellungsverfahren sein, das auch die Erneuerung des gleichfalls maroden Autobahndreiecks Charlottenburg (Übergang von der A100 auf die A111) einschließt.

Laufen die Genehmigungsverfahren reibungslos ab, könnte laut Verkehrssenatorin Günther im Jahr 2023 mit den Arbeiten begonnen werden. Die Bauzeit wird mit mindestens fünf Jahren veranschlagt. Die Kosten betragen nach heutigen Kalkulationen rund 200 Millionen Euro, die vom Bund als Autobahn-Eigentümer übernommen werden.

Aus einer werden zwei Brücken

Das Konzept des Stuttgarter Ingenieurbüros Leonhardt, Andrä und Partner für die Erneuerung der Rudolf-Wissell-Brücke sieht vor, zunächst östlich vom Bestandsbauwerk eine neue moderne Stahlkonstruktion zu errichten. Über das 17,5 Meter breite Bauwerk kann dann in der zweiten Bauphase der Autoverkehr umgeleitet werden.

Gleichzeitig soll dann der Abbruch der alten Brücke und deren Ersatz durch einen Neubau erfolgen. Anschließend stehen dann zwei neue Brücken zur Verfügung. „Die Auffächerung führt auch zu einer verbesserten Linienführung im Autobahndreieck Charlottenburg. Die Entzerrung der Zu- und Abfahrten ermöglicht eine Erhöhung der Verkehrssicherheit“, betonte Deges-Bereichsleiter Andreas Irngartinger.

Bauarbeiten sollen am 8. Juli beginnen

Die Rudolf-Wissell-Brücke gehört zu den am stärksten befahrenen Autobahnabschnitten in Deutschland. Der Teil zwischen Spandauer Damm und Dreieck Charlottenburg wird aktuell von bis zu 185.000 Fahrzeugen am Tag passiert, darunter vielen Lkw mit bis zu 80 Tonnen Gewicht. Bei ihrer Eröffnung 1960 fuhren gerade einmal 20.000 Autos pro Tag über die Brücke, darunter höchstens 30 Tonnen schwere Lkw.

Vor allem der stark gewachsene Schwerlastverkehr, aber auch der langjährige winterliche Einsatz von Taumitteln, hat der als Spannbetonkonstruktion ausgeführten Brücke stark zugesetzt. Damit sie bis zu ihrer Erneuerung überhaupt durchhält, müssen die Fahrbahnen für sieben Millionen Euro erneuert werden. Nachdem im Vorjahr die Fahrbahn in Richtung Nord saniert wurde, kommt in diesem Sommer die andere Seite ran. Die Arbeiten sollen laut Deges am 8. Juli beginnen und eine Woche nach Ende der Sommerferien abgeschlossen sein.

Mahr als 80 Brücken müssen in Berlin dringend saniert werden

Der Sorgenkatalog von Lutz Adam ist lang. Mehr als 80 Brücken stehen bei Berlins oberstem Tiefbauchef auf der Liste, die wegen ihres schlechten Zustands dringend saniert oder erneuert werden müssten. Ganz oben findet sich die Rudolf-Wissell-Brücke in Charlottenburg. Vor allem der stark zugenommene Lkw-Verkehr hat dem Ende der 50er-Jahre errichteten Bauwerk stark zugesetzt. Bis zu 30-mal im Jahr mussten Reparaturkolonnen ausrücken, um üble Schadstellen auszubessern. Schon länger ist klar: Eine Sanierung hilft nicht, die fast 60 Jahre alte Brücke muss durch einen Neubau ersetzt werden.

Bislang schreckten Verkehrssenatoren gleich mehrerer Amtsperioden vor dieser Aufgabe zurück. Vor allem, weil bislang unklar war, wie die von einem Pfeiler für beide Seiten gestützte Brücke so erneuert werden kann, dass es in Berlin nicht zum Verkehrschaos kommt. Rollen doch über den Stadtautobahnabschnitt zwischen Dreieck Charlottenburg und Anschlussstelle Spandauer Damm inzwischen bis zu 185.000 Fahrzeuge am Tag, darunter viele schwere Lastkraftwagen auf dem Weg von und nach Hamburg. Die Rudolf-Wissell-Brücke gilt damit als der drittmeist befahrene Autobahnabschnitt in Deutschland und laut Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) als eine „der Lebensadern von Berlin“.

Konzept in dieser Größenordnung weltweit einmalig

„Das ist eine knifflige Sache. Auch wir haben lange diskutiert“, sagte Wolfgang Eilzer, Vorstandsvorsitzender von Leonhardt, Andrä und Partner (LAP). In einem europaweit geführten Ideenwettbewerb konnte das Stuttgarter Ingenieurbüro den Berliner Senat und eine Fachjury von seinem Vorschlag überzeugen. Einem Konzept, wie es laut Eilzer in der Größenordnung noch nirgends in der Welt realisiert wurde. Die Grundidee, die sich Eilzers Vorstandskollege Volkhard Angelmaier ausdachte, lautet: „Neu hilft Alt und Alt hilft neu“.

In einem ersten Schritt soll östlich der alten Rudolf-Wissell-Brücke eine Stahlkonstruktion in Hohlkasten-Bauweise entstehen. Über diese Brücke wird in einer zweiten Bauphase der Autoverkehr geleitet. Zeitgleich sollen über der alten Brücke vormontierte Stahlsegmente für einen zweiten Neubau eingeschoben werden. Die Kon­struktion aus Stahlbeton darunter wird samt Pfeiler schrittweise abgebrochen. Ist dies erfolgt, werden die Segmente aus fünf Meter Höhe abgesenkt. Nach und nach fügt sich so eine neue Brücke in der Lage der alten Rudolf-Wissell-Brücke zusammen. Die alten Gründungen können weiter genutzt werden.

Ingenieurbüro plante schon Reichstagsumbau

Verkehrssenatorin Günther lobte am Donnerstag das Ergebnis des jetzt abgeschlossenen Ideenwettbewerbs als „innovativ“. Das wichtigste Kriterium, die Aufrechterhaltung der Verkehrsströme auf der A100, könne weitestgehend auch während der Bauzeit erfüllt werden. So stehen, bis auf wenige Ausnahmen, über die gesamte Bauzeit hinweg drei Fahrspuren pro Richtung zur Verfügung, um den für Berlin wichtigen Wirtschaftsverkehr zu sichern und die Region vor dem Dauerstau zu bewahren.

Leonhardt, Andrä und Partner sind keine Unbekannten in Berlin. Das Ingenieurbüro mit rund 250 Mitarbeitern hat unter anderem den Reichstagsumbau (Kuppel und Tragwerk) sowie die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof (heute Mercedes-Benz Arena) mit geplant. Aktuell ist es am Weiterbau der A100 in Treptow sowie an der Erneuerung des Kreuzungsbauwerks Kleeblatt Zehlendorf (Avus) beteiligt.

Bevor es in Charlottenburg mit dem Brückenbau losgeht, muss mit einem Planfeststellungsverfahren zunächst erst einmal Baurecht geschaffen werden. Dabei dürfte es auch um Naturschutzbelange und die Interessen der Kleingärtner gehen, die für die Brücken-Neubauten ihre Parzellen räumen müssen. Ihnen sollen aber Ersatzflächen angeboten werden, so die Senatsverkehrsverwaltung. Bis 2020 sollen die Pläne für den Ersatzbau stehen. Für das Planfeststellungsverfahren werden weitere drei Jahre veranschlagt. Erfahrungsgemäß ziehen sich in Berlin solche Verfahren allerdings deutlich länger hin. „Ein Baubeginn 2023 ist schon ein sehr ambitioniertes Ziel“, so Adam. Die Rudolf-Wissell-Brücke dürfte also noch einige Zeit auf seiner Sorgenliste stehen.

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