Lesen mit Kindern

Die jungen Leseprofis aus dem "Purzelbuch"

In der Schöneberger Buchhandlung "Purzelbuch" tauschen sich Mädchen und Jungen im „Leseclub“ über die Bücher aus, die sie gern lesen

Foto: Katja Wallrafen

Das Ritual beginnt alle drei Wochen donnerstags mit einem Krug Wasser und Keksen in Buchstabenform. Davina (11) knabbert an einem A, Martha (9) lässt sich ein M schmecken. Sophie (12) verzichtet im Moment auf Kekse, denn sie spricht. Über "Das böse Buch", ein ungewöhnliches Kinderbuch, das sie heute neben drei weiteren mitgebracht hat. In der Schöneberger Buchhandlung "Purzelbuch" an der Eisenacher Straße treffen sich Kinder alle drei Wochen und plaudern über die Bücher, die sie gerade gelesen haben.

Nach dem Lesen auch darüber sprechen

Sophie ist ein Mitglied der ersten Stunde. Seit Herbst 2014 kommt sie regelmäßig und tauscht sich mit anderen Mädchen und Jungen aus. Mal ist die Runde größer, mal kleiner, doch es gibt eine Art festen Kern. Die Kinder finden, sie haben mehr von den Büchern, wenn sie auch darüber sprechen, was sie gelesen haben. Am Bösen Buch gefällt Sophie, dass sie mitmachen und Rätsel lösen konnte, dass sie immer wieder in die Irre gelenkt wurde auf der Suche nach einem magischen Amulett. Sie stellt noch weitere Romane vor. Lylia (11), Davina, Wanja (7), Martha (9) und Yunus (12) hören aufmerksam zu. Fragen nach, wenn sie etwas nicht verstehen, wollen wissen, ob die Geschichten spannend oder witzig oder unheimlich sind. Später tauschen sie die Bücher untereinander aus.

Ausgewogene Redezeit, keine Eitelkeit

Den Vergleich zu den prominenten Erwachsenen, die sich im TV-Format des Literarischen Quartett zeitgenössischer Literatur widmen, müssen die jungen Lese-Profis nicht scheuen. Der Nachwuchs ist wohltuend höflich und tolerant: Keine Eitelkeit, ausgewogene Redezeit, kluges Nachfragen - im kleinen Hinterzimmer der Buchhandlung sitzen Mädchen und Jungen zusammen, die einfach Spaß am Lesen haben. Davina erzählt, dass ihr Bruder sie für "leseverrückt" hält und das für sie die schlimmste Strafe ist, wenn ihre ihre Eltern ein Leseverbot aussprechen. Die Elfjährige stellt "Helden des Olymp" vor, ein Buch aus der Percy-Jackson-Reihe. In den Büchern geht es um eine Gruppe aus sieben Halbgöttern. Die Fantasy-Abenteuer sind von der griechischen Mythologie inspiriert. Für Yunus und die anderen ein Stichwort, um die Namen der griechischen und römischen Gottheiten zusammenzutragen.

Bücher spenden Trost und bauen Stress ab

Yunus hat einen Tablet-Computer mitgebracht, einige aus der Gruppe lesen auf dem Kindle oder Tolino - die Leseprofis sind auch technisch gut ausgestattet. Dennoch mögen sie den Zauber, der von den gedruckten Exemplaren ausgeht. Wanja sagt, dass Bücher auch trösten können. Sie mag sie es, im Buch umzublättern. "Ich hatte als kleines Mädchen so ein Buch über die Tiere, in dem konnte ich über das Fell streichen. Das war schön", schildert sie. "Und als vor einiger Zeit meine Mutter schlimm krank war, habe ich immer mein altes Buch ,Viele Grüße, deine Giraffe!' gelesen, denn das ist lustig." Lylia stimmt ihr zu, auch sie greift zum Buch wenn sie traurig ist. "Wenn es Streit mit einer Freundin gibt, schnappe ich mir ,Das Zebra unterm Bett'." Auch Martha blättert ihre alten Bilderbücher durch, wenn sie sich gestresst fühlt.

Kinder und Bücher zusammenbringen

Kommen die Kinder bei den Buchvorstellungen zu sehr ins Plaudern, lenkt Sigrid Heinze-Osterwald die Runde wieder zurück zu den aktuellen Büchern. Den Kunden im "Purzelbuch" als "Sigi" bekannt, setzt die Buchhändlerin mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur die ursprüngliche Idee ihrer Chefin Ulrike Hasenfuß um. "Rieke fand immer, wir sollten das ausprobieren und das haben wir dann auch getan", erzählt Sigi. "Wir haben anfangs einige Kunden angesprochen, zudem liegt ein Infozettel bei uns in der Buchhandlung aus. Wir waren selbst überrascht, wie gut das Angebot angenommen wird. Für mich ist es immer wieder toll zu sehen, wie die Kinder miteinander ins Gespräch kommen. Es ist ja kein fester Kreis, sondern es gibt immer andere Konstellationen - aber es funktioniert immer."

Kinder und Bücher zusammenzubringen, ist Sigrid Heinze-Osterwalds Herzenthema. Die Dozentin für Lese- und Literaturpädagogik ist "Überzeugungstäterin" und geht mit ihrer Mission in Berliner Grundschulen, um mit Literatur die Stundenpläne zu ergänzen. Die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern liest gerne vor und würde gerne Schulen und den Buchhandel vor Ort besser vernetzen. Den Leseclub im "Purzelbuch" beginnt sie immer mit einem Gedicht, das sie den Kindern vorliest. Und selbstverständlich stellt auch sie den Mädchen und Jungen neue Bücher vor, versorgt sie mit Leseexemplaren. "Auch für mich ist immer wieder spannend, wenn ich von den Kindern erfahre, wie ihnen ein Buch gefällt", sagt sie. "Zudem profitieren wir davon dann auch in der Beratung.

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