Im Westen Berlins

Der Kudamm – die Lebensader der City West

Der Kudamm hat viel Wandel erlebt, blieb aber ein Sehnsuchtsort für freiheitsliebende Geister. Heute steht er wieder im Mittelpunkt der Serie „Ku’damm 59“.

Der Kurfürstendamm ist bis heute ein Sehnsuchtsort, nicht nur im Film. Am Sonntag wird die ZDF-Reihe fortgesetzt – aus „Ku’damm 56“ wird „Ku’damm 59“.

Der Kurfürstendamm ist bis heute ein Sehnsuchtsort, nicht nur im Film. Am Sonntag wird die ZDF-Reihe fortgesetzt – aus „Ku’damm 56“ wird „Ku’damm 59“.

Foto: Reto Klar

Kürzlich haben wir vier Herrn porträtiert, deren Lebenstraum darin bestand, einmal über den Kurfürstendamm zu bummeln und dann im Café Kranzler eine Partie Skat zu spielen. Die West-Berliner Boulevard war für die vier Ost-Berliner der Sehnsuchtsort schlechthin. Er­reichbar war er für sie aber erst nach der Maueröffnung 1989. Die Aura eines Sehn­suchtsortes haftet dem Boulevard nicht erst an, seit Hildegard Knef mit ihrem Chanson „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ 1964 das Tempo und die Lebensfreude der Flanier­meile zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf beschrieb. Bis heute ist der Kudamm ein Ort, zu dem es die Berliner und die Touristen zieht. Am heutigen Sonntag wird der Kudamm wieder bundesweit zu sehen sein – in der zweiten Staffel der ZDF-Reihe „Ku’damm 59“. Die Nummer „59“ bezieht sich nicht auf die Hausnummer, sondern auf das Jahr 1959. Doch das Interesse am Berliner Boulevard reicht aber viel länger zurück.

Kaum eine Gegend in Berlin war so „multikulti“ wie der Kudamm

Es waren die 20er-Jahre, in der sich rund um den Kudamm der kosmopolitische Lebensstil entwickelte, der Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, verarmte russische Großfürsten und politische Querdenker in die Kaffeehäuser zog. Kaum eine Gegend in Berlin war so sehr „multikulti“ wie der Westen, nachdem der Erste Weltkrieg das Kaiserreich weggefegt und Europa durcheinandergewirbelt hatte. Auf dem Kudamm atmete die intellektuelle Welt die Luft der neuen Zeit mit der Hoffnung auf ein freieres Leben.

Ein Reitweg zum Jagdschloss Grunewald

1542 als Knüppelweg angelegt, sollte der Kurfürstendamm ursprünglich lediglich den kur­fürstlichen Reitern den Weg vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald erleich­tern, das sich Kurfürst Joachim II. vom Architekten Caspar Theiß in den Wald am Spilsee errichten hatte lassen. Erst Reichskanzler Otto von Bismarck, der 1862 als preußischer Ge­sandter in Paris akkreditiert war, schien sich bei seinen morgendlichen Ausritten in den Grunewald an die Prachtstraßen der französischen Hauptstadt zu erinnern. Für die Hauptstadt des neugegründeten deutschen Reichs wollte er auch einen Boulevard, der den Champs-Elysées möglich ähnlich sein sollte. In einem Brief an den Geheimen Kabinettsrat Wilmowski forderte er am 5. Februar 1873 den Ausbau des Kurfürstendamms zu einem re­präsentativen Boulevard. Es sollte aber noch zehn Jahre dauern bis die „Kurfürstendamm-Gesellschaft“ mit dem Bau der Straße begann. Ganz so breit und prächtig, wie von Bis­marck gewünscht, wurde der Kurfürstendamm letztlich nicht. Immerhin verfügte er in der Mitte über einen von zwei Baumreihen begrenzten Reitweg, zwei Fahrbahnen von jeweils neun Metern, zwei sechs Meter breite Bürgersteige und zwei Streifen für Vorgärten von je 7,5 Meter Breite. Auch, wenn er mit 53 Metern nicht an die 70 Meter breiten Champs-Ely­sées reichen konnte, überrundet er die Pariser Prachtstraße mit 3,6 Kilometern Länge doch um fast das Doppelte.

Offizieller Geburtstag des Boulevards ist der 5. Mai 1886

Mit dem Ausbau der Villenkolonie Grunewald und dem Anschluss an das öffentliche Nah­verkehrssystem beginnt auch der Ausbau des Kurfürstendamms. Der 5. Mai 1886, der Tag der Eröffnung der Dampfstraßenbahn-Linie Zoologischer Garten – Halensee, gilt als of­fizieller Geburtstag des Boulevards, der sich in den Jahren bis zum 1. Weltkrieg mit seinen als protzig bespöttelten Bauten zur bevorzugten Wohngegend des neuen Westens, aber als Vergnügungs- und Einkaufszentrum auch zur Konkurrenz der alten Prachtstraße Unter den Linden in Mitte entwickelte. Eine Kuriosität am Rande: Seit einer Straßenumbenennung im Jahr 1925 existieren die Hausnummern eins bis zehn nicht mehr. Warum allerdings auch die Hausnummern 77 bis 89 stets fehlen, ist bis heute ungeklärt. Im Zentrum des neuen Westens stand seit 1895 auch die neoromanische Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit ihrem 113 Meter hohen Turm, lange das höchste Gebäude des neuen Westens.

Bühne bürgerlicher Selbstdarstellung

Der Kurfürstendamm mit seinen breiten Bürgersteigen, den Cafés und Geschäften, die zum Flanieren einluden, wurde zur Bühne bürgerlicher Selbstdarstellung und entwickelte seine unvergleichliche Atmosphäre. Die Menschen, die sich im neuen Westen ansiedelten, zeich­nete tolerante Aufgeschlossenheit aus. Institutionen, wie die vom Kaiser missbilligte Künst­lervereinigung Berliner Secession, die am Kudamm ihre Arbeiten ausstellte, bildeten einen neuen Kunstgeschmack. Der Kurfürstendamm wurde zum Ort des kulturellen Aufbruchs, zum Zentrum des Konflikts zwischen den Traditionen der Kaiserzeit und der Moderne.

Diese Entwicklung erreichte im der Weimarer Republik ihren Höhepunkt, als der Kurfürs­tendamm mit den Treffpunkten der Berliner Boheme, dem „Romanischen Café“, oder dem „Café des Westens“, aber auch mit Theatern und dem Vergnügungszentrum „Lunapark“ am Halensee für viele Menschen zum Synonym der Goldenen Zwanziger Jahre wurde.

„Kurfürstendamm-Krawalle“ und antisemitische Übergriffe

Verändert hat der Kudamm sein offenes Gesicht, als es 1931 und 1935 zu ersten antisemi­tischen Übergriffen den sogenannten „Kurfürstendamm-Krawallen“ kam. Zwar verliehen die Olympischen Spiele dem Kurfürstendamm 1936 noch einmal internationalen Glanz, aber das, für das der Kurfürstendamm stand, intellektuelle Regsamkeit, kosmopolitische To­leranz und Kreativität, bildete einen Gegensatz zur nationalsozialistischen Ideologie und wurde immer stärker reglementiert. Mit der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Ber­liner, die die Kultur des Kurfürstendamms mitgeprägt hatten, verschwand der alte Geist.

Nach den Zerstörungen durch alliierte Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg war der Kurfürs­tendamm eine Trümmerlandschaft. Von den 235 Häusern waren 190, darunter auch die Ge­dächtniskirche, nahezu völlig zerstört. Wie in keiner anderen Gegend der Stadt, versuchten die Berliner in einer geradezu euphorischen Aufbruchstimmung zu retten, was zu retten war und richteten in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit ihren Boulevard wieder provisorisch her. Die Welt, von der die Berliner jahrelang nur träumen konnten, wurde zur neuen Realität, neue Lebenslust erwachte. Vor allem die Jugendlichen holten nach, was ih­nen in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur verwehrt worden war – nicht immer mit der Billigung ihrer Eltern. Es konnte wieder amerikanische Musik gespielt werden. Der Swing bestimmte das neue Lebensgefühl der jungen Berliner.

Ost- und West-Berlin entwickelten sich nach dem Krieg schnell unterschiedlich

Schon früh wurde deutlich, dass die Stadthälften, die französisch, britisch und amerikanisch verwalteten Zonen und die sowjetische sich unterschiedlich entwickelten. Das gesellschaft­liche Leben des Westens konzentrierte sich auf Kurfürstendamm, Tauentzien und deren Seitenstraßen. Kinos wie das Astor und das Marmorhaus hatten den Krieg nahezu unver­sehrt überstanden, doch da der Kudamm in der britischen Zone lag, wurden Hollywood-Produktionen zum Leidwesen der Besucher der Kudamm-Kinos zuerst in Steglitz gezeigt.

Der Kurfürstendamm wurde zum Schaufenster des Westens ausgebaut – als Symbol für das Wirtschaftswunder im Kalten Krieg. Modegeschäfte öffneten wieder, selbst das völlig aus­gebrannte KaDeWe bezog einen provisorischen Bau an der Nürnberger Straße. Die Be­schaffung der Waren war keineswegs problemlos, auch hier mussten die Berliner improvi­sieren. Was nicht auf dem Luftweg in den Schaufenstern landete, wurde getauscht und angekauft, der Schwarzhandel blühte, doch die Wirtschaft boomte. Die Berliner reisten wieder zu Messen in andere europäische Metropolen und imitierten rund um den Kurfürs­tendamm stolz und mit Optimismus ihre eigene Vorstellung von der großen, weiten Welt.

Der Bau der Mauer hinterließ auch im Westteil der Stadt einen Schock. Unter die Euphorie der Aufbaujahre mischten sich Zweifel an der politischen Zukunft der geteilten Stadt. Viele Firmen verlegten ihre Produktion in den Westen der Republik. In Berlin wurden Wohnungen gebraucht, viel Erhaltenswertes musste auch am Kudamm renta­bleren Neubauten weichen. In den 50er- und 60er-Jahren entstanden Bauten, die das Erscheinungsbild heute noch prägen. 1957 wurden das Bikini-Haus fertiggestellt und der Zoo Palast eröffnet, 1965 das Europa Center. Internationalen Glanz und Glamour brachten ab 1952 einmal im Jahr die Internationalen Filmfestspiele. Das „Kempinski“ wurde zum Treffpunkt der West-Berliner Prominenz, die Terrasse des Café Kranzler war auch an sonnigen Wintertagen besetzt. Das Grill-Restaurant im „Kempinski“ wurde zum Treffpunkt der West-Berliner Prominenz.

Der Kudamm wird zur Bühne studentischer Proteste

Ende der 60er-Jahre wurde der Kudamm zu Bühne der studentischen Proteste. „Lass den Kuchen und die Sahne – Nehmt euch eine rote Fahne!“ skandierten die Demonstranten in Richtung der irritierten Damen und Herren, die es sich beim Kaffeeklatsch in den vielen Kudamm-Cafés gutgehen ließen. Die Proteste begannen eher verhalten mit kleineren Demonstrationen gegen die atomare Aufrüstung oder gegen den Algerien-Krieg vor dem Maison de France und kulminierten in schweren Zusammenstößen mit der Polizei. Am 11. April 1968 wurde dabei Rudi Dutschke, einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung, niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. 1979 demonstrierten auf dem Kudamm erstmals in Deutschland beim Christopher Street Day Homosexuelle für ihre Rechte, zehn Jahre später zogen die Raver der ersten Love Parade hier entlang.

Niedergang des Kudamm schon vor dem Mauerfall

Ein Niedergang des Kudamms war indes schon vor dem Mauerfall zu beobachten. An vielen Stellen waren Provisorien aus der Nachkriegszeit stehen geblieben, elegante Cafés wichen Kneipen für Schülergruppen oder mussten, wie der Künstlertreff Café „Bristol“, wegen zu hoher Mieten schließen und für Steakhäuser Platz machen, die ihre Schankterrassen mit wenig kleidsamen Folienvorbauten ganzjährig bespielten. Mit dem Fall der Mauer fiel der Kurfürstendamm in einen Dornröschenschlaf. Der Fokus richtete sich auf Mitte und die östlichen Innenstadtbezirke. Die Friedrichstraße wurde zum Kudamm des Ostens, Unter den Linden wieder zu einer Flaniermeile. Doch die Lebensader der City West hat sich gemausert. Der Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) schätzt am Kudamm, dass es „anders als in Rom, Paris oder London eine tolle Mischung aus Leben, Wohnen und Arbeiten gibt“. Die City West bedeute für ihn gewachsenes Hauptstadtgefühl, aber auch Aufbruch zu Neuem.

Neue Hochhäuser verändern die Skyline

In den vergangenen Jahren sind Galerien wie C/O Berlin in die City West zurückgekehrt. Gastronomen entdecken den Kudamm und seine Seitenstraßen wieder. Vertrautes wie das Café Kranzler, die Fassade des Gloria-Palastes oder die Kudamm-Bühnen verschwinden – meist unter Protest der alteingesessenen West-Berliner. Doch Rendite-Erwartungen erlauben keine Konservierung romantischer Metropolengefühle. Neue Gebäude wie das Kranzler Eck und die beiden Hochhäuser des Waldorf Astoria und des Upper West verändern die Skyline. Luxusmarken haben ihre Flagship-Stores am Kudamm. Mit den Delphi Lux Kinos im Yva-Bogen hat selbst die geschrumpfte Kino-Landschaft der City West wieder Zuwachs bekommen. Allerdings sind die Preise für Immobilien so stark explodiert wie kaum anderswo in Berlin. Der Bau neuer Wohnungen findet nahezu nur im hochpreisigen Segment statt. „An der Entwicklung des Kudamms erkenne ich die Entwicklung Berlins von der Großstadt zur Metropole“, sagt der Stuttgarter Markus Schiller, der seit Jahren immer wieder nach Berlin reist und die Veränderungen beobachtet.

Ladenleerstand am oberen Kudamm

Noch nicht ganz angekommen ist das Upgrading am oberen Kudamm zwischen Adenauerplatz und Halensee, wo es immer noch eher beschaulich zugeht, aber viele Läden leer stehen. Für den Schriftsteller Felix Huby, der in Grunewald lebt, ist das allerdings eher ein Plus: „Es hat mich zwar gefreut, dass das Interesse am Kudamm zurückgekommen ist. Wir sind aber keine Flaneure“, sagt er. Er schätze die ganz normalen Einkaufsmöglichkeiten an der Westfälischen Straße oder das Eis in Grüns-Eiscafé.

Die Luft am Kudamm schmeckt noch immer nach Freiheit

3,04 Millionen Treffer finden sich, wenn man den Kurfürstendamm bei Google eingibt, 494.000 sind es, wenn man nach der Friedrichstraße sucht. Dem Prestige des West-Berliner Boulevards mag es geschuldet sein, dass noch immer die Auto-Korsos nach Länderspielen auf dem Kudamm ihre Runden drehen, Freizeitveranstaltungen Tausende auf den Boulevard locken, aber auch politische Demonstrationen immer noch gern an der Gedächtniskir­che vorbei pilgern. Vielleicht ist letzteres aber auch die besondere Luft am Kudamm, die von Anfang an immer ein bisschen mehr nach Freiheit geschmeckt hat als anderswo und den Boulevard einen Sehnsuchtsort bleiben ließ.