Thaiwiese im Preußenpark: Streit um regellosen Genuss

Tausende Besucher strömen am Wochenende für authentisches thailändisches Essen in den Preußenpark.

Das Essen auf der Thaiwiese wird vor den Augen der Kunden frisch zubereitet

Das Essen auf der Thaiwiese wird vor den Augen der Kunden frisch zubereitet

Foto: Philipp Siebert

Tausende Besucher strömen am Wochenende für authentisches thailändisches Essen in den Preußenpark. Die Thaiwiese hat aber schon länger nicht mehr nur Fans. Von Philipp Siebert Auf den ersten Blick sieht der Preußenpark in Wilmersdorf an diesen Wochenenden aus, wie eine überfüllte Liegewiese, auf der hunderte Besucher Sonne tanken. Bei genauerem Hinsehen eröffnet sich jedoch eine andere Welt. Vor allem Thailänderinnen sitzen auf Hockern oder Bastmatten unter Sonnenschirmen. Sie kochen, braten und bereiten Salate zu. Anschließend werden die Speisen an Hungrige verkauft, die geduldig in den langen Schlangen warten. „Wir haben eine Dreiviertelstunde angestanden, aber das lohnt sich, denn das Essen ist super lecker“, sagen zwei sichtlich begeisterte Besucherinnen. Für knapp 15 Euro hätten sie Salat, frittierte Reisbällchen, eingelegten Schoten und Gemüserollen für vier Personen bekommen.

Ein bisschen wie ein Volksfest

Seit rund 20 Jahren gehört die Thaiwiese jeden Sommer fest zum Wochenende im Preußenpark dazu. Es ist warm und Gerüche nach Fisch, Fleisch und fernöstlichen Gewürzen erfüllen die Luft. „Das ist ein bisschen wie auf einem Volksfest – einfach toll“, sagt Thomas. Er freut sich auf eine Portion gegrillte Heuschrecken, wie er sie in Thailand zum ersten Mal gegessen hat. „Die schmecken ein bisschen nach Hühnchen, nussig und knusprig“, sagt er, während Freundin Kathrin dankend ablehnt. Obwohl Lebensmittel, Fleisch und Fisch oft stundenlang nur in Kühlboxen auf ihre Verarbeitung warten, haben die beiden keinerlei Bedenken hinsichtlich der Hygiene.

So gibt es den Papayasalat „Sum Tam“, den eine Köchen als „Nummer eins Thaifood“ anpreist oder „Pla Muek“ – getrockneten und gesalzenen Tintenfisch. Seit geraumer Zeit wird auch im Internet massiv für das authentische thailändische Essen für wenig Geld geworben. Als Highlight in vielen Reiseführern gilt die Thaiwiese mittlerweile als feste Adresse bei Berlinbesuchern.

Grünflächenamt entsorgt nur noch Müll

Aber der große Andrang ruft auch Kritik hervor. „Der Park ist dadurch völlig übernutzt, so dass eine sachgerechte Grünpflege, wie Rasenmähen oder -wässern, nicht mehr stattfinden kann“, sagt Umweltstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Das Grünflächenamt habe seine Tätigkeiten vielmehr auf das Entfernen des vorhandenen Mülls ausgerichtet und werde am Pfingstwochenende zweimal täglich dafür anrücken, da einmal nicht mehr ausreiche. Dadurch, dass sich viele Besucher nicht an die Parkordnung halten würden, die etwa Grillen außerhalb der gekennzeichneten Bereiche sowie die Abgabe von Speisen verbietet und sogar auf Thai aushängt, „entspricht der Park mit diesem Nutzerverhalten in keiner Weise den Anforderungen einer geschützten Grünanlage“. Auch Kontrollen des Ordnungsamts seien nicht wirksam.

Diese Kontrollen werden von anderer Stelle vermisst. Dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) ist die Thaiwiese seit Jahren ein Dorn im Auge. Da weder das Gewerbe-, noch das Gesundheitsamt den Verkauf von Lebensmitteln genehmigt hat, bezeichnet der DEHOGA die Vorgänge im Preußenpark als „Schwarzgastronomie“ und fragt: „Soll tatsächlich Beliebtheit entscheidender Maßstab sein, wenn doch seit vielen Jahren öffentlich und offensichtlich gegen diverse Gesetze verstoßen wird, wofür andere gastronomische Unternehmer in die Verantwortung genommen werden?“ Der Vorwurf an die Behörden: Sie würden mit zweierlei Maß messen. Für Diab Nasser ist das keineswegs aus der Luft gegriffen. Der 36-Jährige verkauft Eis im Pavillon des Parkcafés und hat eigentlich nichts gegen die Thaiwiese. „Ich kann nur nicht verstehen, wieso auf der einen Seite geduldet wird, dass die Essenshändler gegen Auflagen verstoßen, wenn gleichzeitig eine Rentnerin verwarnt wird, weil sie ihren Hund nicht angeleint hat“, beschreibt er eine Situation, die er beobachtet hätte.

Ordnungsamt konnte Verstöße nie nachweisen

„Was ich als Privatmann bemerken würde, kann das Ordnungsamt nicht so einfach ahnden“, hält Arne Herz (CDU), Stadtrat für Ordnungsangelegenheiten, dagegen. Die Verstöße müssten im Einzelfall nachgewiesen werden. Das sei bisher nicht gelungen. Denn im Moment der Kontrolle durch uniformierte Ordnungsamtsmitarbeiter würden die Händler abstreiten, dass sie Geld für das Essen nehmen. Zivile Kontrollen seien außerdem aufgrund der Dienstkleiderverordnung nicht möglich, die Ordnungsamtsmitarbeiter dazu verpflichtet, sich bis auf bestimmte Ausnahmen zu Erkennen zu geben. „Gewerblicher Handel könnte wohl nur durch Einsatz von Zivilkräften des Landeskriminalamts nachgewiesen werden“, sagt Herz. In Anbetracht der dortigen Personalausstattung und anderer Schwerpunkte sei eine größere Intensität derartiger Einsätze jedoch nicht realistisch.

Ein Mitarbeiter des Grünflächenamtes, der nicht namentlich genannt werden will, findet jedoch deutlichere Worte. „Die haben den Preußenpark längst aufgegeben und sind froh, dass sich das hier konzentriert.“ Neben den Vorgängen auf der Thaiwiese moniert er den zunehmenden Konsum und Handel harter Drogen, wovon nicht zuletzt die vom Bezirksamt aufgestellten Mülleimer für benutzte Spritzen zeugen. Auf der Facebook-Seite der Thaiwiese bedanken sich hingegen viele für die Kulanz des Ordnungsamts, andere beschweren sich über die einfallenden Hipster-Horden und manch einer befürchtet, dass die Behörden dem Treiben im Preußenpark bald einen Riegel vorschieben werden.