Heidi Hetzers Abenteuer - In 959 Tagen um die Welt

Nach ihrer langen Erdumrundung will die legendäre Rallyefahrerin Heidi Hetzer nach zweieinhalb Jahren am Sonntag wieder in Berlin eintreffen.

Nach ihrer langen Erdumrundung will die legendäre Rallyefahrerin Heidi Hetzer nach zweieinhalb Jahren am Sonntag wieder in Berlin eintreffen. Von Patrick Goldstein Dies werde die Tour „einer alten Schachtel mit ihrem alten Auto“, hatte Heidi Hetzer am 27. Juli 2014 angekündigt. Bevor sie vom Olympiastadion aus aufbrach, um die Welt zu umrunden, kletterte sie auf das Dach ihres Oldtimers und winkte zum Abschied in die Menge der Schaulustigen. Die legendäre Rallyefahrerin hatte ihr Autohaus verkauft und all das erledigt, was eine Frau Ende 70 so erledigt, bevor sie auf eine Reise geht, von der sie möglicherweise nicht lebend zurück kehrt, verriet sie später berlinisch-nüchtern. Wenn sie am Sonntag wie geplant in Berlin eintrifft, ist sie mehr als zweieinhalb Jahre älter, eine Krebsüberlebende und um ein Fingerglied ärmer - aber um Eindrücke und Bilder reicher, die noch für ein zweites Leben langen würden. „Es waren gewonnene Jahre“, sagt sie. Am Mittwoch war die 79-jährige noch im Sauerland unterwegs. Die letzten paar 100 Kilometer würden wohl nur ein Sprung sein für eine Frau, die als Teenager schon ihre ersten Rennen fuhr und jüngst bei Minus 21 Grad durch Chinas Gebirge jagte. Oder? „Für mich bestimmt. Aber für mein Auto? Das kriegt es fertig und verreckt mir noch auf der Straße des 17. Juni, kurz vor dem Brandenburger Tor.“ Immerhin ist der blaugraue „Hudson Great Eight“ mit Benzinkanister und Ersatzschlauch, außen auf der Fahrerseite, sieben Jahre älter als die Frau am Steuer. Drei Stationen macht sie am Rückkehrtag in Berlin. Um zehn Uhr will sie am Eingang Süd der Messe Berlin bei der Internationalen Tourismusbörse einfahren. Um 12.15 Uhr wird sie auf dem Pariser Platz, um 14.30 Uhr auf dem Olympischen Platz erwartet.

Fremde werden zu Freunden

So vielen Menschen ist Hetzer beim Trip über sechs Kontinente näher gekommen. Etwa dem kenianischen Pfarrer Martin, den sie kurzerhand in seinem Beichtstuhl im spanischen Santiago de Compostela fotografiert. Oder der Handvoll Besatzungsmitglieder des Schiffs „Golden Karoo“, in dem sie von Afrika nach Europa übersetzt. Ihr Foto der leeren Brücke zeigt: Dort steuert kein Kapitän, sondern der Computer. „Ein wenig gespenstisch ist das schon“, hat ein Besucher der Instagram-Seite kommentiert. Steward und Koch tragen bei Sonnenaufgang Hetzers Gepäck an Land.

Mit einem jungen Sprungpartner wagt sie in Südafrika auf dem Signal Hill von Cape Town ein Paragliding. Schon beim Absprung verliert sie einen Schuh. Es ist die erste Erinnerung, die ihr einfällt, spricht man sie auf schönste Erlebnisse an. „Aber davon hatte ich Hunderte.“ In anderen Momenten wird ihr dagegen auf einer Parkbank die Tasche gestohlen und der Wagen ausgeräumt. Aus Uruguays Hauptstadt Montevideo schickt sie das Bild eines sichtlich empörten Mannes mit wilden Zügen. „In der Wechselstube wollte dieser Typ mich betrügen. Ich hab’s aber bemerkt. Dann hat er mir verboten zu fotografieren. War aber zu spät“, schreibt sie in den Reiseblog.

In Buenos Aires verliert sie einen Backenzahn

Mit dem Verlust des Tankschlosses auf einem US-Highway kommt sie noch glimpflich davon. Ein Ersatzteilhändler besorgt ihr im Nu ein neues. In Buenos Aires dagegen hat sie im August 2016 weniger Glück: Da verliert sie einen Backenzahn. In Dubai lässt sie sich von einer Frau mit Nasenschmuck die Hände folkloristisch bemalen. An den kleinen Finger der rechten Hand traut sich die Hennakünstlerin aber nicht heran, bemerkt Hetzer amüsiert. Daran fehlt seit Toronto ein Glied, weil der Berlinerin beim Werkeln am Ölverschluss die Hand in den laufenden Motor geraten war.

Über ihre Krebserkrankung redet sie nicht lange

An der patagonischen Brauerei „Berlina“ überwältigt sie ein Heimweh besonderer Art. Seit zwei Jahren habe sie kein Berliner Bier mehr gekostet, klagt Hetzer. Für ihre Rückkehr meldet sie daher an: „Das ist das Erste was ich mir am Brandenburger Tor wünsche.“ In Santiago de Chile stolpert sie in eine kleine Straßenrevolte und lernt die Wirkung von Tränengas kennen. Hetzer: „Sehr unangenehm.“ Schon alltäglich dagegen sind die unablässig über ihr Auto hereinbrechenden Katastrophen. Deren dramatische Dimension können wohl nur ausgebildete Kfz-Mechaniker begreifen, etwa wenn sie im Blog notiert: „Schäufelchen am 4. und am 6. Zylinder sind am Pleuellager abgebrochen.“ Überhaupt: Aus all den Männern, die Hetzer rund um die Welt fotografiert hat, während sie an irgendeiner Stelle des Autos irgendetwas reparieren, könnte man mehrere internationale Fußballteams zusammenstellen.

Wenn sie etwas an dieser Reise bereut, sagt Hetzer jetzt im Rückblick, dann das zerrüttete Verhältnis zu ihrem Wagen. Manchmal haute sie unter Flüchen so heftig auf das Armaturenbrett, dass ihr das Auto - möglicherweise aus Rache - eines seiner sperrigen Instrumente, etwa den Fensterhalter, entgegen feuerte. „Vielleicht hätte ich das Auto ein, zwei Jahre einfahren sollen“, sagt sie „Dann hätte ich gewusst, wie es bei Belastung reagiert und wie man damit umgeht.“ Über den wohl schwersten Rückschlag der Reise möchte sie nicht viele Worte verlieren. In Miami wurde eine Hautauffälligkeit als Krebs diagnostiziert. Die Frau, die am Hals kein Kreuz sondern einen Berliner Bären trägt, ging da erstmal nach nebenan in eine Kirche. Dann bestieg sie trotzig das nächste Boot nach Lima. Mit viel Überredungskunst lotste ihre Familie sie zur Operation nach Essen in Deutschland. Einen Monat später aber saß sie schon wieder in ihrem Wagen und drückte zur Weiterfahrt den Zündknopf.

Auf der Heimfahrt schon neue Reisen ausgedacht

959 Tage sind am Sonntag seit dem Start vom Olympiastadion vergangen. „Ich habe währenddessen 100 mal mehr erlebt als gewöhnlich“, sagt sie. Und weil das Sauerland und alles was jetzt noch zwischen ihr und Berlin liegt, weit weniger exotische Ablenkung bieten, als sie es zuletzt gewöhnt war, hat sie nun viel Zeit, sich auf der Heimfahrt neue Reisen auszudenken. Denn dass sich Heidi Hetzer mit 79 Jahren zur Ruhe setzt, hält sie für unwahrscheinlich.