Der obere Kudamm hofft auf neuen Zauber

Kudamm ist offenbar nicht gleich Kudamm, Am oberen Ende des Boulevards ist der Leerstand unübersehbar.

Kudamm ist offenbar nicht gleich Kudamm, Am oberen Ende des Boulevards ist der Leerstand unübersehbar. Gewerbetreibende leiden darunter und wünschen sich Veränderungen. Von Patrick Goldstein Seit Jahren stehen die ehemaligen Verkaufsräume einer Baumarktkette an der Hausnummer 142–147 leer. Im selben mächtigen Wohnblock sind weitere Läden ungenutzt. Wo Schaufenster verhängt sind und verlassene Baugerüste in großen Hallen stehen, klagen die verbliebenen Gewerbetreibenden und Anwohner des siebenstöckigen Hauses über Umsatzverluste und verloren gegangene Wohnqualität. „Wie es sich hier anfühlt?“, fragt eine Mieterin. „Unbelebt und traurig.“

Zum Abschluss nichts mehr Süßes

Dabei gibt es noch eine Reihe repräsentativer Geschäfte im Block zwischen Joachim-Friedrich- und Nestorstraße. Ein Laden für Fotografie, einen Süßwaren- und Feinkosthändler, einen gut frequentierten Supermarkt. Trotzdem: „Als der Baumarkt wegzog, habe ich das richtig in der Kasse gemerkt“, sagt der Betreiber eines Schokoladengeschäfts, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Früher gingen die Kunden nebenan einkaufen und anschließend hieß es: Holen wir uns zum Abschluss noch etwas Süßes.“

Ärger mit organisierten Banden und Obdachlosen

Zu den Umsatzsorgen komme seitdem Ärger mit Banden, die organisiert in seinem Geschäft stehlen, und mit Obdachlosen, die sich aus seinen Auslagen vor der Tür kostenlos bedienen. Der Wegzug und die Entwicklung im Block bringt den eben noch unauffälligen Endfünfziger von einem Moment auf den anderen in Wallung. „Wie ich das finde? Besch …“, sagt er.

Zurückhaltung beim Mieten großer Flächen

„Alle großen Konzerne sind derzeit sehr zurückhaltend, große Flächen zu mieten“, erklärt Immobilienunternehmer Gottfried Kupsch, Mitglied im Vorstand der AG City. Der Grund sei die Konkurrenz durch den Onlinehandel. „Die einen sagen: Wir wollen nur den ganz großen Megastore, die anderen: Wir brauchen nur einen kleinen Laden und einen PC.“ Gerade die Größe der einstigen Baumarkträume mit Flächen in Unter-, Erd- und erstem Geschoss sei für Interessenten schwierig. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost teilten die Eigentümer des Hauses mit, man wolle sich nicht äußern.

Irene Wattler, die neben den leer stehenden Räumen eine ihrer Filialen des Hörgeräte-Anbieters „Ganz Ohr“ betreibt, klagt über die im Vergleich nun fehlende Laufkundschaft. „Statt beleuchteten Schaufenstern ist es abends nun dunkel vor der Ladentür. Selbst auf dem Wochenmarkt um die Ecke macht sich das bemerkbar.“ Beherzt hat sie schon bei der Hausverwaltung angerufen. „Ich habe Vorschläge gemacht, welchen Unternehmen man die Räume anbieten könnte.“ Der mächtige Bau war einmal als Kurfürstendamm-Center bekannt. 1973 fertiggestellt, ist es sichtlich verwandt mit Kudamm-Karree, wo künftig unter anderem die Spielbank Berlin einziehen will und dem abgerissenen Kudamm-Eck. Bei einem Rundgang mit Bürgern kommentierte die damalige Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne) 2011: „Hier wurden die alten Größenverhältnisse der Bebauung missachtet. Grundstücke wurden zu riesigen Komplexen zusammengelegt und mit überdimensionalen Baublöcken zugestellt.“ Die ganze Konstruktion sei, so Schmiedhofer, „eine der großen Bausünden am Kurfürstendamm“.

Neue Filiale des Baumarkts in Halensee

Immerhin hatte der Baumarkt als Mieter Leben in die angrenzenden Geschäfte gebracht. Im Dezember 2013 aber eröffnete das Unternehmen am S-Bahnhof Halensee eine neue Filiale mit 18.700 Quadratmetern Verkaufsfläche. Damit wurde der alte Standort am unteren Kudamm nicht mehr benötigt – und geschlossen. Im selben Zeitraum zog auch der Polizeiabschnitt 25 aus dem Gebäude.

Ab dem Adenauerplatz nimmt der Glamour-Faktor ab

Ab Adenauerplatz ist der Kudamm plötzlich entzaubert. Das findet jedenfalls Thomas Bach. Mit seinem Unternehmen „Adagio Design“ gehört er zur Gewerbegemeinschaft Kudamm-Halensee. Er sagt: „Ab diesem Punkt ist das Gesamtbild des Kurfürstendamms verändert: Der Glamourfaktor nimmt ab.“ Dennoch haben die meisten Gewerbetreibenden des oberen Kudamms durchaus ihre Nische gefunden. Für Anwohner zwischen Halensee und Roseneck sind sie der nächste Anziehungspunkt. „Unsere Kollegen orientieren sich hier in Richtung Grunewald“, sagt Bach, dessen Agentur im Quartier unterschiedliche Betriebe, vom Optiker bis zur Tischlerei, betreut. Von den Klagen der unmittelbar Betroffenen über den Leerstand im Kurfürstendamm-Center abgesehen, seien daher die Mitglieder der Gewerbegemeinschaft mit ihren Umsätzen „durchaus zufrieden“, urteilt Bach.

Baustadtrat glaubt an neue Impulse auch für den oberen Kudamm

So sieht auch Charlottenburg-Wilmersdorfs Bezirksbaustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) keinen Anlass, in die Entwicklung des oberen Kudamms einzugreifen. „Der gesamte Kudamm wird reanimiert“, sagt er. „Das fängt auf der unteren Seite an und wird in den nächsten Jahren in Richtung Halensee durchwachsen.“ Die Fertigstellung des Hochhauses Upper West etwa, mit Hotel, hochwertigen Büros und Wohnungen werde für Impulse auch jenseits des Adenauerplatzes sorgen. Erstbezug ist im Frühjahr.

AG City will den Boulevard aufpolieren

Auch die jüngste Planung einer Initiativgruppe um die AG City werde sich dort auswirken. Von Eigentümern, den Bauherren des Upper West und anderen Großunternehmen bis hin zu einer Kapitalverwaltungsgesellschaft will man die Einkaufsstraße zwischen Tauentzien und Uhlandstraße aufpolieren. Investitionssumme für fünf Jahre: 8,7 Millionen Euro. „Das wird auch für den oberen Teil Folgen haben“, sagt Schruoffeneger. „Wenn wir damit den Bereich Tauentzien- bis Uhlandstraße stärken“, sagt auch City-West-Vorstand Kupsch, „strahlt das auf den Bereich in Richtung Halensee aus.“ Für die Gewerbetreibende Wattler kann die prophezeite Entwicklung nicht früh genug bei ihr ankommen: „Es ist doch ein Unding, dass wir einen Kudamm-Teil haben, der total hip ist, während sich hier oben die Füchse demnächst gute Nacht sagen.“