Vom Land in den Mund: Der Bauernhof von nebenan

In der Pestalozzistraße eröffnet ein Bauernmarkt der besonderen Art. Jeden Montag frische Lebensmittel vom Bauernhof, und das gleich nebenan.

In der Pestalozzistraße eröffnet ein Bauernmarkt der besonderen Art. Jeden Montag frische Lebensmittel vom Bauernhof, und das gleich nebenan. Von Charlene Rautenberg Die Bewohner des Kiezes am Savignyplatz haben ab jetzt jeden Montag neue Nachbarschaft. Im Restaurant „Anabelas kitchen“ an der Pestalozzistraße 3 eröffnete Food-Liebhaberin Nadine Behrenswerth Ende Oktober eine sogenannte „Food Assembly“. Dazu lädt die Gastgeberin ausgewählte Landwirte, Bäcker, Käsemacher, Gärtner, Tierhalter, Imker, Konditoren, Brauer, Fischer, kleine Manufakturen und bäuerliche Familienbetriebe aus der Region in die kleine Gaststätte ein, die eigentlich deutsche Küche mit mediterraner Note serviert. Montag ist dort Ruhetag, deshalb lässt sich der vordere Teil des grün gestrichenen Raumes problemlos in einen kleinen Marktplatz umwandeln. Jede verfügbare Fläche wird genutzt, um Nahrungsmittel wie Gemüse, Obst, Fleisch, Eier, Milchprodukte, Brot, Honig und Marmelade zum Verkauf anzubieten. Pünktlich zur Eröffnung hat Nadine 16 Erzeuger zusammentrommeln können und hofft, dass noch weitere dazukommen. Worauf es bei den Lebensmitteln ankommt, weiß sie aus eigener Erfahrung. Sie selbst hat schon auf vielen „Food Assemblys“ Jägerfleisch aus eigener Produktion verkauft und so entstand vor fünf Monaten die Idee, selbst einen Mini-Markt auf die Beine zu stellen. Angeboten werden dürfen nur regionale und saisonale Produkte ohne künstliche Zusätze. Oder „Natur pur“, wie Nadine sagt. Immer mehr Menschen trauen dem Qualitätssiegel im Supermarkt nicht und wollen wissen, wo ihre Lebensmittel wirklich herkommen. Diese Lücke wollen die Mini-Märkte schließen, indem sie ernährungsbewusste Kunden mit ihren Lebensmittelproduzenten zusammenbringen. Nur klaustrophobisch veranlagt sein sollte man nicht, es kann doch sehr voll werden in dem kleinen Restaurant.

„Produkte, die es anderswo nicht gibt“

Stefan Heinemann wohnt nur drei Blocks entfernt und schaut nach der Arbeit auf seinem Heimweg bei Nadines Mini-Markt vorbei. „Man kommt an Produkte, die es anderswo nicht gibt und ich schätze den direkten Kontakt mit den Herstellern“, sagt er. Während er bei Thomas Hübner von den „Milchmädels“ Schnittkäse und Hackfleisch abholt, bietet der ihm auf einem kleinen Holz-Schneidebrett gleich noch andere Käsesorten in Würfeln zum Probieren an. An dessen Stand bekommt man außerdem Lebensmittel wie Schafsmilch, Schinken, Leberwurst, Mett und vakuumiertes Frischfleisch. Die „Milchmädels“, das sind Lämmer und Schafe, die auf dem Milchschafhof im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin grasen, etwa 66 Kilometer von Berlin entfernt. Die Produkte des bäuerlichen Kleinbetriebs kauft man entweder auf Eventmärkten, bei ausgewählten Einzelhändlern, direkt vom Hof, oder eben bei Nadine, gleich um die Ecke. „Diese Art des Vertriebs ist deshalb schön, weil wir dadurch auch mit Berlinern ins Gespräch kommen können“, sagt Thomas Hübner. Mit neuen Formen der Direktvermarktung wollen die „Food Assemblys“ eine nachhaltige Lebensmittelherstellung und eine zukunftsfähige Landwirtschaft fördern. Stadt und Land sollen sich wieder näherkommen.

Die Natur ist manchmal unberechenbar

Auch Martin Behme hat es nicht weit bis zu seinen Landwirten von der Gärtnerei Luch. Am Stand des Familienbetriebes in der Pestalozzistraße bekommt er Pilze, Kürbisse, Kartoffeln, Lauchzwiebeln, Auberginen, Äpfel und Apfelsaft, die in Kisten 47 Kilometer bis nach Charlottenburg gebracht wurden. Wenn der große Salatkopf dann auch noch in den Rucksack passen muss, wird’s eng. „Mir geht es um die Regionalität und darum, dass hier nur frische, saisonale Lebensmittel auf den Tisch kommen“, so der Charlottenburger. Dass es nicht immer alles gleichzeitig geben kann, ist eine Art Qualitätsmerkmal der Assembly und leuchtet dort auch jedem ein. Die Natur ist eben manchmal unberechenbar. Evelyn Rosenberg wollte eigentlich neben Spinat und Roter Bete auch Birnen in der Pestalozzistraße abholen. „Wegen eines Sturms konnte nicht geliefert werden“, sagt sie nach einem kurzen Stopp am Stand der Gärtnerei Luch. Im Supermarkt hätte es sicher schon rote Köpfe gegeben. Gleich daneben bei „Brotliebling“ gibt’s Biobrot aus der Tüte zum Selberbacken – Evelyn bleibt hängen.

Die Food Assembly kann man sich vorstellen, wie eine Art modernen Bauernmarkt. Produzenten kennen sich meist schon seit vielen Jahren und auch Gastgeber geben sich die Klinke in die Hand. Nadine kenne ihre Landwirte persönlich, und wisse deshalb genau, woher die einzelnen Produkte stammen. Die Betriebe, die im Durchschnitt 27 Kilometer entfernt liegen, habe die Gastgeberin selbst schon besucht. Modern ist die „Food Assembly“ deshalb, weil der eigentliche Einkauf in der virtuellen Welt stattfindet. Einmal als Mitglied registriert, wählt und bezahlt man seine Lebensmittel im Online-Shop. Dort bekommt man dann eine Nummer, mit der man montags von 17.30 bis 19 Uhr die frische Ware beim Landwirt der Wahl in der Pestalozzistraße abholen kann. So können die Erzeuger genau nach Bedarf anliefern und müssen nicht mit halbvollen Kisten nach Hause fahren. Auch unnötige Kühl- und Transportkosten, sowie die Verschwendung verderblicher Lebensmittel sollen durch das Konzept vermieden werden. Die ersten zwei „Food Assemblys“ waren jedenfalls ein Erfolg. „Dass wir so gut besucht sind, freut mich total“, sagt die Gastgeberin. Allein zum Eröffnungstermin hatten sich schon über 142 Mitglieder registriert.

Idee stammt aus Frankreich

Typisch Berlin, könnte man denken. Ursprünglich kommt die Idee aber aus Frankreich. Dort startete die Initiative im Jahr 2011 und zählt heute 700 Online organisierte, regionale Märkte. Die ersten der heute über 19 „Food Assemblys“ in Deutschland bestehen erst seit etwa zweieinhalb Jahren. Trotzdem haben die Märkte mittlerweile über 18.000 registrierte Nutzer und arbeiten mit mehr als 190 Produzenten zusammen, die ihre Produkte auf diesem Weg vermarkten. In Berlin findet man die Pop-up-Bauernmärkte unter anderem im Wedding, in Schöneberg, Mitte, Neukölln, Pankow und Charlottenburg. Auch in der Wundtstraße findet man einen dieser kulinarischen Treffpunkte. Wenn das so weitergeht, dann gibt’s das Frühstücksei vielleicht bald wieder vom Bauernhof, gleich nebenan.

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