Friedrichshain-Kreuzberg

„Berlin braucht eine neue Zentral- und Landesbibliothek“

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Dankte im Namen des Bezirks: Werner Heck (Grüne), BVV-Vorsteher Friedrichshain-Kreuzberg (l.), mit Kultursenator Klaus Lederer (Linke).

Dankte im Namen des Bezirks: Werner Heck (Grüne), BVV-Vorsteher Friedrichshain-Kreuzberg (l.), mit Kultursenator Klaus Lederer (Linke).

Foto: Patrick Goldstein

Richtfest für eine temporäre Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek. Der Kultursenator mahnt einen Neubau an.

Berlin.  Es war ein freudiger Tag für die Gäste und Verantwortlichen auf der Baustelle hinter der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Kreuzberg. Leitung und Mitarbeiter halten das bestehende Gebäude schon seit langem für restlos überlastet. Daher kommt als vorübergehende Lösung ein Multifunktionshaus auf die bisherige Grünfläche auf der Seite zur Blücherstraße. Doch bei aller Begeisterung betonte besonders Kultursenator Klaus Lederer (Linke), dass dabei die Errichtung eines Komplettneubaus nicht aus dem Blick geraten dürfe.

Im neuen Gebäude soll es auf 850 Quadratmetern geben, was in der Gedenkbibliothek bislang fehlt. So werden etwa Arbeitsräume eingerichtet, die man buchen kann. Es soll Platz für die Treffen von Initiativen und Lerngruppen geben, ebenso technische Ausrüstung für digitale Produktionen. Während die Lese- und Lernplätze in der bestehenden denkmalgeschützten Gedenkbibliothek nebenan am Freitag schon am Vormittag besetzt waren, steht zudem in Aussicht, dass man sich zukünftig zum Lesen, Studieren oder Betrachten von Medien in den neuen Anbau setzen kann, sagte Anna Jacobi, Sprecherin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Für einen verbindenden Gang wurden baulichen Vorbereitungen bereits getroffen.

Übernutze Zentral- und Landesbibliothek

Julia Pranke, Leiterin Publikumsdienste der ZLB sagte, ein typischer Tag im zukünftigen großen 290-Quadratmeter-Saal des Neubaus böte Platz für ein breites Programm: Da könne der Tag mit einem Yogakurs mit gut 100 Teilnehmern beginnen, anschließend aus dem Raum ein Co-Working-Space werden. Abends seien Diskussionsveranstaltungen denkbar. Für Snacks ist eine Küche vorgesehen.

Am anderen Ende des Hauses gibt es Gruppenräume zwischen 17 und 40 Quadratmetern, die kombinierbar sind. Laut Pranke wären Workshops möglich. In weiteren Gruppenräumen können sich beispielsweise Jugendliche auf ihren MSA-Abschluss vorbereiten oder Handarbeitstreffen stattfinden.

Eröffnungstermin im März 2023?

Sprecherin Jacobi geht von einem Eröffnungstermin im März 2023 aus. Beim Spatenstich im Mai lautete der Termin noch Ende 2022. Verzögerungen sind im Baubereich bekanntlich derzeit schwerlastende Folgen der Pandemie. Monatelang hatte nicht einmal die Holzkonstruktion des Neubaus gestanden.

Die Nutzungszeit wird auf etwa fünf Jahre festgesetzt. Bei den Baukosten geht man von nicht ganz sechs Millionen Euro aus. „Mit den Baukostensteigerungen ist es teurer geworden, als wir anfänglich kalkuliert hatten“, sagte Jacobi. Am Freitag wurde auch der von Bürgern ausgewählte Namen des Neubaus vorgestellt: AGB PopUp.

„Für die ZLB insgesamt ist das keine Lösung“

Der Vorstand und Generaldirektor der ZLB, Volker Heller, blickte über das freudige Ereignis des Richtfests hinaus. „Den Erweiterungsbau brauchen wir dringend, für die AGB ist er wichtige Hilfe für unsere Arbeit und unser Publikum. Aber für die ZLB insgesamt ist das keine Lösung.“

Hintergrund: Bei Publikumsnutzung und Medien sind die ZLB-Standorte, zu denen AGB und Berliner Stadtbibliothek in Mitte zählen, übernutzt. Man „platzt aus allen Nähten“, hatte Senator Lederer im Mai betont. Immerhin ist die ZLB mit mehr als 3,5 Millionen Medien und 1,5 Millionen Besuchen im Jahr die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands. Für eine neue ZLB am Rand des Tempelhofer Feldes hatte sich 2014 der damalige Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), stark gemacht. 2018 entschied der Senat, eine neue ZLB am Blücherplatz zu bauen, zusätzlich zum Baudenkmal der Amerika-Gedenkbibliothek.

Schon 1980 angemahnt

Für eine Umsetzung stehen allerdings nicht die Mittel zur Verfügung. Nach den erwarteten Kosten gefragt, sagte Lederer der Berliner Morgenpost, es habe 2018 eine Schätzung der Bauverwaltung gegeben: 500 Millionen Euro. Eine Summe, die inzwischen weit höher liegen wird. Aber: „Ein solches Jahrhundertprojekt braucht die entsprechenden Ressourcen“, so Lederer.

„Die Aufrechterhaltung der schwierigen Zustände“ an beiden Standorten – für die AGB habe das in West-Berliner Teil schon einer seiner Amtsvorgänger 1980 angemahnt –, könne jedenfalls „auf Dauer kein Zustand“ sein. „Wir brauchen dringend die neue ZLB. Das ist hier die Hauptstadt der Bundesrepublik und wir brauchen eine ZLB, die den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügt“, so Lederer. Den Gästen rief er zu, Berlins Bibliotheken würden bei Eintreten einer Energiekrise in Deutschland, Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine, für viele „zum zweiten Zuhause“ werden.

Platz für Austausch, Begegnung und Lernen

Der Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, Werner Heck (Grüne), begrüßte, dass neuer Raum für Aktivitäten geschaffen wird. „In der AGB kann man zukünftig nicht nur Medien mieten, sondern auch Räume. Und Platz für Austausch, Begegnung und Lernen sind wichtig für Zusammenhalt und die Weiterentwicklung auch unseres Bezirks.“

Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) war beim Richtfest nicht dabei. Sie befindet sich seit Donnerstag in einer Tagung mit den Bezirkstadträten.

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