Konzert

Arcade Fire rockt Berlin – Zwischen Skandal und Euphorie

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Ulrike Borowczyk
Arcade Fire (Archivbild)

Arcade Fire (Archivbild)

Foto: Jose Sena Goulao / LUSAdpa

Die kanadischen Indie-Rocker von Arcade Fire überzeugen in der Mercedes-Benz Arena mit einer bombastischen Show unter der Diskokugel.

Berlin. Irgendwann rotiert die Discokugel unter der Decke. Ganz so, als wäre die Mercedes-Benz Arena ein gigantischer Tanzschuppen. Und tatsächlich hüpft die Halle mit zum lautstarken "Reflektor" von Arcade Fire, untermalt von buntem Laser-Bombast.

Arcade Fire in Berlin: Bombastische Indie-Rock-Show mit Skandal-Sänger

Trommelgewitter, Drumkaskaden, entfesselte Gitarren und der mal herzzerreißende, mal fast hysterische Gesang von Win Butler im Wechsel mit dem hymnischen Chor. Das ist der Sound von Arcade Fire zum stets nervös treibenden Rhythmus.

Markenzeichen der siebenköpfigen Band beim Konzert in der gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Mercedes-Benz Arena. Eine sensationelle Show, bei der die Multi-Instrumentalisten nicht nur die Front-, sondern auch eine Mittelbühne unter der gewaltigen Discokugel bespielen.

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Die Kanadier sind aktuell auf Welttournee. Überschattet wird die Konzertreise von einem handfesten Skandal. Wie aus einem im August 2022 von Pitchfork veröffentlichten Artikel hervorgeht, wurde Frontmann Win Butler von vier Frauen des sexuellen Fehlverhaltens zwischen 2016 und 2020 beschuldigt.

Der 42-Jährige bestreitet auch nicht, Dickpics verschickt und Sexting betrieben zu haben. Er behauptet aber, dass alle Kontakte einvernehmlich waren. In einem Statement bittet er jedoch um Entschuldigung für all den Schmerz, den er verursacht hat. Er spricht darin auch von Depressionen, Alkoholismus und Therapien, ohne dies als Rechtfertigung für sein Handeln anführen zu wollen.

Rückendeckung der Ehe-Frau, begeistertes Publikum

Auch Régine Chassagne, Mitbegründerin der Band und Ehefrau von Win Butler, versichert in einer Pressemitteilung, dass „er niemals eine Frau ohne ihre Zustimmung berühren würde, und ich bin mir sicher, dass er es nie getan hat“. Dennoch gab es bereits Forderungen von Rückerstattung der Tickets von Fans. Und die kanadische Musikerin Feist, die als Support die Tournee begleiten sollte, ist längst ausgestiegen.

Gegründet 2001, gilt die Band als Speerspitze des Indie-Rock. Nun präsentieren Arcade Fire live eine perfekte Balance von Songs aus dem neusten Album „We“ und einigen der größten Hits ihrer Karriere. Wie "Black Mirror". Die gesamte Halle reißt es dabei wie auf Kommando von den Sitzen. Und irgendwann klatschen auch alle mit, was früher mal im Indie-Rock total verpönt war.

Umstritten und gefeiert: Arcade Fire badet in Euphorie und „Anxiety“

Egal, ob mit „Age of Anxiety II (Rabbit Hole)“, „Ready to Start“, „Lightning I und II“ oder „Wake Up“, die Euphorie der Zuschauer ist immens. Ein bemerkenswertes Konzert. Von Protesten wegen der Vorwürfe gegen Win Butler keine Spur. Der bedankt sich allerdings ziemlich artig für das zahlreich erschienene Publikum.

Nicht allen dürfte der Umgang mit den Anschuldigungen gefallen. Was einmal mehr zeigt, dass man einen Künstler und sein Werk getrennt betrachten sollte. Denn jemand, der Großes schafft, muss nicht unbedingt ein guter Mensch sein. Die Songs von Arcade Fire indes sind einfach wunderbar.