Nachverdichtung

Trotz Protest: Baumfällung in Friedrichshain hat begonnen

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Ein Arbeiter sägt Zweige von den Bäumen im Hof der Pintschstraße 32.

Ein Arbeiter sägt Zweige von den Bäumen im Hof der Pintschstraße 32.

Foto: Patrick Goldstein

Gegen den Willen vieler Anwohner startet die Rodung. Ein landeseigenes Unternehmen will dort Gebäude mit 29 neuen Wohnungen errichten.

Berlin. An der Pintschstraße in Friedrichshain wurden ab Dienstagmittag Fakten geschaffen. Die seit vier Jahren von Nachbarn und Umweltschützern befürchteten Baumfällarbeiten begannen.

Im Zuge der Vorbereitung des Grundstücks zur Nachverdichtung wurden erste Äste der 13 etwa 80 Jahre alten Pappeln abgesägt. Die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) plant dort einen neuen Gebäudekomplex mit 29 Wohnungen, begrünten Dächern und Fassaden.

Polizei schützte die Baumfällungen in Friedrichshain

Die Polizei postierte sich vor Ort mit einem halben Dutzend Fahrzeugen. Der Rodungsbereich war bereits am Vortag mit Zäunen weiträumig abtrennt worden. Die Zufahrt zur Pintschstraße war mit Polizeiwagen teils gesperrt. Wer vor dem umstrittenen Areal auf die Fahrbahn lief, wurde von Beamten zurück auf den Bürgersteig geschickt.

Auf den Beginn der Arbeiten reagierten die rund 20 Anwohner und Klimaaktivisten auf der Straße mit Pfiffen und klappernden Töpfen. Der Klang der Kettensäge und einer Häckselmaschine, die die abgestürzten Äste zerkleinerte, gaben einen Vorgeschmack auf die Geräuschkulisse, die den Nachbarn in den kommenden, mindestens zwei Jahren des Baus begleiten wird. Nach den Ästen begann der eingesetzte Handwerker, die Baumstämme stückweise herunterzusägen.

Klimaaktivisten hatten sich in Bäumen aufgehalten

Am Montag hatten sich drei Klimaaktivisten fast einen ganzen Tag lang in zwei der Bäume aufgehalten, um die bevorstehenden Fällungen zu verhindern. Sie waren erst im Laufe der Nacht heruntergeklettert, so ein Polizeisprecher. Eigentümer WBM verzichtete auf Anzeigen.

Der Konflikt schwelt seit langem. Gemäß ihrem vom Land Berlin im April 2017 erteilten Auftrag muss die WBM als eines der landeseigenen Wohnungsbauunternehmen den Neubau in der Stadt auch dadurch vorantreiben, dass die eigenen Bestände auf leere Flächen in Wohnbereichen überprüft werden. Das sind aktuell bei einem WBM-Häuserkomplex an der nahe gelegenen Landsberger Allee 62 etwa ein Hof, an der Pintschstraße 32 der Blockrand mit Hof.

Anwohnerin Sylvia Schuhmann unterstrich gestern vor Ort, die dort protestierende Initiative „Erhaltet unsere grünen Friedrichshainer Innenhöfe“ sei „nicht grundsätzlich gegen Neubau“. Vielmehr habe man der WBM ein Alternativkonzept vorgelegt, das Wohnungen auf Dächern und in einer neuen Remise vorsieht. Schuhmann und ihren Mitstreitern gehe es darum, das wenige Grün im Kiez zu bewahren.

Vorwurf: Gegner wollen freien Blick behalten

Verdichtungsgegner stehen allerdings in der Kritik. Ihr Motiv, heißt es etwa seitens der WBM: Sie wollten verhindern, dass ihnen ein Neubau vor das Wohnzimmer gesetzt werde, was den bisher freien Blick versperren würde.

Annika Gerold (Grüne), die neue Stadträtin für Verkehr, Grünflächen, Ordnung und Umwelt sowie langjährige Fraktions-Co-Chefin in der Bezirksverordnetenversammlung sagte zum aktuellen Fall, dass das Bezirksamt, auch wenn es dies beabsichtigt hätte, keine Handhabe gegen die Neubaupläne habe. Das Projekt sei zulässig, weil es sich gemäß Paragraf 34 des Baugesetzbuchs „nach Art und Maß der baulichen Nutzung“ in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt. „Hier hatten wir keine Möglichkeit einer Einflussnahme“, so Gerold.

Stadträtin fordert, weniger Flächen zu versiegeln

Sie unterstrich allerdings, dass im Gesetz zukünftig der Aspekt Klimakrise stärker berücksichtigt werden müsse. Dort aber, wo der Paragraf nicht greift, werde der Bezirk sein Mitspracherecht für den Erhalt von Natur und Grünbestand nutzen, etwa bei der Entwicklung des Dragonerareals in Kreuzberg. Der „hohe Bedarf an Wohnungen“ in Berlin sei ihr bewusst. Jedoch müsse man dabei bevorzugt auf bereits versiegelte Fläche zurückgreifen.

Auf eine höhere Effektivität bei der Nachverdichtung hatte der neue Bausenator Berlins, Andreas Geisel (SPD) jüngst im Interview mit der Berliner Morgenpost gedrängt. An jenen Stellen, wo die Stadt baue, müsse gegebenenfalls dichter gebaut werden als bisher, so Geisel. Dabei gelte es auch, die aktuelle Traufhöhe zu überdenken. Höher zu bauen bei Nachverdichtung durch kommunale Unternehmen macht auch für Stadträtin Gerold Sinn – „wenn dadurch im Ergebnis weniger Fläche versiegelt werden muss“, sagte sie.