Protest-Oper

Applaus aus den Fenstern der Altbauwohnungen

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Sibylle Haberstumpf
Die Protest-Oper „Wem gehört Lauratibor" im Reichenberger Kiez gegen steigende Mieten und Verdrängung wird am 20. Juni noch einmal aufgeführt.

Die Protest-Oper „Wem gehört Lauratibor" im Reichenberger Kiez gegen steigende Mieten und Verdrängung wird am 20. Juni noch einmal aufgeführt.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Eine Demonstration in Form einer Oper: Rund 1500 Menschen kamen zu der Uraufführung des Projektes „Wem gehört Lauratibor“ in Kreuzberg.

Berlin. Kreuzberg, wie es singt, lacht und demonstriert: Am Sonnabend gab es Applaus aus den Fenstern und von der Balkonen der hohen Altbauhäuser im Reichenberger Kiez. Dicht gedrängt gegen Verdrängung und hohe Mieten standen rund 1500 Teilnehmer bei dieser besonderen Kundgebung auf der Straße, der Uraufführung der Protest-Oper „Wem gehört Lauratibor“.

Los ging es in der Ratiborstraße, Endpunkt war nach etwa dreieinhalb Stunden die Lausitzer Straße. Eingeladen dazu hatte das „Kollektiv Lauratibor“. An diesem Gesangs-Projekt beteiligt sind Anwohner, Gewerbetreibende und Initiativen aus dem Reichenberger Kiez, seit Monaten wurde – pandemiebedingt auch online – geprobt. Das Kollektiv ist ein Ensemble aus Nachbarn, die sich in wöchentlichen Proben weiter vernetzen und gemeinsam musizieren.

Von einer fahrbaren Bühne aus hieß es zu Beginn, angelehnt an den Stil der Opern Bertold Brechts: „Willkommen meine sehr verehrte Weltbevölkerung, willkommen zu dieser Attraktion“, und „kommt herein in die umkämpfte Zone der Autonomie. Ohne uns baut ihr hier nie. Und jetzt, bitte viel Spaß und Harmonie!“

Neue Protestform: Eine Oper als Demonstration

Zum ersten Mal fand in Berlin ein solcher „Protest durch Oper“ statt, erklärte Stefan Klein, der die Demonstration angemeldet hatte. Es sei eine neue Protestform. „Die Oper beschäftigt sich mit dem Ausverkauf der Stadt und zeigt auch den Widerstand gegen eine Touristifizierung. Der ganze Kiez wurde dabei eingebunden“, sagte der Jurist. Er berät insbesondere Klienten, die von Verdrängung bedroht sind. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gelten viele Kieze seit Jahren als hip und angesagt. Manch alteingesessene Mieter plagt daher bekanntermaßen die Angst, dass ein Investor ihr Wohnhaus kauft, nach einer Luxussanierung die Miete erhöht – und ihnen am Ende nur der Auszug bleibt.

Die Geschichte der Oper ist, nicht überraschend, eher etwas für das linkspolitisch hartgesottenere Publikum. Sie dreht sich um die Protagonisten Laura und Tibor und ihre Gefährten auf der Suche nach einem „Elixier des Widerstands“ durch die fiktive Provinz Lauratibor. „Politik und Wirtschaft werfen ihnen Steine in den Weg, das Kollektiv wird bedroht, prekäre Existenzen schließen sich der Reise an – bis schließlich der alles entscheidende Kampf gegen Maximilius Profitikus ansteht“, heißt es in der Inhaltsangabe auf der Homepage des Kollektivs.

Protest-Oper wird am 20. Juni noch einmal aufgeführt

Anwohnerin Aline aus der Ratiborstraße verkaufte derweil ehrenamtlich einige extra gedruckte Programmhefte auf der Straße – natürlich mit solidarischer Bepreisung („Ein Heft kostet zwei bis fünf Euro, den Preis kannst du selber entscheiden“). Sie sagte über das Projekt: „Chorsingen hält zusammen. Wir wollen gemeinsam unsere Stimmen gegen Spekulanten erheben.“ Viele Anwohner seien dankbar für die Musik und die Aufführung, meinte sie. Es sei „ein Gemeinschaftsgefühl“ entstanden.

Bei der von einigen Polizei-Einsatzwagen begleiteten Protest-Oper blieb bis zum Schluss „alles friedlich“, wie ein Polizeisprecher sagte. Wiederholt wird die Aufführung übrigens noch einmal am Sonntag, 20. Juni, ab 19 Uhr auf dem Mariannenplatz in Kreuzberg. Und: Jeden Dienstag um 19 Uhr (online 20 Uhr) probt der Kiezchor. Wer mitmachen will, kann per E-Mail Kontakt aufnehmen: lauratibor@posteo.de.