Verkehr

Berliner Senat will Radbahn an der U1 in Kreuzberg testen

Lesedauer: 6 Minuten
Ob die geplante Radbahn tatsächlich einmal unter dem U1-Viadukt oder auf der Fahrbahn verläuft, ist offen.

Ob die geplante Radbahn tatsächlich einmal unter dem U1-Viadukt oder auf der Fahrbahn verläuft, ist offen.

Foto: Reindeer Renderings

Um mehr Platz zu schaffen, könnte eine Hälfte der Skalitzer Straße für Autos zu Gunsten von Radweg und Begegnungszone gesperrt werden.

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Berlin.  Die lange währende Idee einer Radbahn entlang des U-Bahn-Viadukts in Kreuzberg kommt einen weiteren Schritt voran – und könnte dazu führen, dass die Skalitzer Straße zu Gunsten von Fußgängern und Radfahrern komplett umgebaut wird.

Mit einer großangelegten Machbarkeitsuntersuchung will die Senatsverkehrsverwaltung prüfen, ob das Projekt zur Umgestaltung des Straßenraums entlang der U-Bahnlinien U1 und U3 realisierbar ist. Das gab das von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) geführte Haus bekannt. Die Studie soll sich dafür auf die verkehrliche Planung für den Abschnitt entlang der Skalitzer Straße zwischen Kottbusser Tor und der Oberbaumbrücke konzentrieren.

Neben der ursprünglichen Idee, den Radweg unter dem Bahnviadukt verlaufen zu lassen, soll nun in einer zweiten Planungsvariante zusätzlich auch eine der beiden Fahrbahnen für den Autoverkehr gesperrt werden, um weiteren Platz zum Radfahren, Spazieren und den Aufenthalt zu schaffen.

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Dem Autoverkehr bliebe dann künftig je Richtung nur noch ein Fahrstreifen. „Der aktuelle Schienenersatzverkehr der U1/U3 macht deutlich, dass die Verkehrsstärke der Skalitzer Straße auch bei einspuriger Führung ausreicht“, sagte Friedrichshain-Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). „Daraus ergibt sich die Überlegung, ob man nicht den gesamten motorisierten Individualverkehr auf einer Seite des Viadukts führen kann.“

Bei einer solchen Variante würden die Radfahrer wohl eher nicht unterhalb der Stahlkonstruktion entlangradeln, sondern einen Platz auf der bisherigen Fahrbahn bekommen. An einem Radweg unter der U1 hatte es nicht zuletzt von Verkehrsplanern immer wieder Kritik gegeben.

Unter anderem wegen der komplizierten Führung der Strecken an den U-Bahnhöfen. Auch ergeben sich durch das Viadukt bauliche Einschränkungen. „Die Führung unter dem U-Bahn-Viadukt führt zu einer Menge Fragen in Bezug auf die Verkehrsführung und den Denkmalschutz“, befand auch Herrmann.

Skalitzer Straße: Erster Straßenabschnitt wird bis Sommer 2022 umgebaut

Es sei zudem nicht der einzige Vorteil dieser Variante, die eine Hälfte der derzeitigen Fahrbahnfläche für Autos sperrt. Durch den Umbau der Ost-West-Achse in Kreuzberg ergäben sich „städtebaulich große Potenziale“, sagte die Bezirksbürgermeisterin: „Eine Umgestaltung der Skalitzer Straße hin zu mehr Platz für Radfahrer, Fußgänger, Aufenthaltsflächen und Grün würde eine neue Stadtqualität schaffen.“

Als erster Schritt soll dafür bereits ab Sommer 2022 zunächst ein kurzer Teilabschnitt der Radbahn realisiert werden. Geplant ist der Umbau einer 200 Meter langen Strecke, die westlich des großen Knotenpunkts mit der Oranien- und Wiener Straße beginnt und auch die Kreuzung mit der Mariannenstraße beinhalten soll.

Vorgesehen ist dazu keine rein provisorische Lösung mit rot-weißen Baken und gelber Baustellenmarkierung, wie sie durch die Pop-up-Radwege bekannt geworden ist. Der Abschnitt soll richtig umgebaut werden – zur Not auch mehrmals, um unterschiedliche Ideen zu überprüfen. „Ohne Dinge auszuprobieren geht es nicht. Das soll ein echtes Testfeld sein“, sagte Herrmann.

Idee einer Radbahn besteht schon seit 2015

Neben den verkehrlichen Notwendigkeiten und Sicherheitserwägungen gehe es dabei auch darum, die gestalterischen Aspekte des Projekts zu betrachten. Etwa die Frage, welcher Bodenbelag in welcher Farbe sich am besten eignet. Der mindestens einjährige Testlauf solle zudem durch ein „intensives Beteiligungsverfahren“ begleitet werden, so die grüne Bezirksbürgermeisterin. Dort gewonnene Erkenntnisse könnten dann im Testfeld sogleich wieder erprobt werden.

Die Idee zum Bau einer Radverbindung unter dem U-Bahn-Viadukt im Herzen Kreuzbergs wird bereits seit 2015 diskutiert. Sie stammt von einer Gruppe aus Architekten und Stadtplanern, die das Projekt mittlerweile über den Verein Paper Planes vorantreiben. Mit Unterstützung der Senatsverkehrsverwaltung veröffentlichten sie 2017 ein Buch zur Radbahn, das die Strecke über Kreuzberg hinaus weiter. Geplant ist seither eine Verbindung entlang der stählernen Bahntrassen von U1/U3 und später U2, die über die Straßen am Landwehrkanal, die Bülowstraße und den Tauentzien bis zum Breitscheidplatz führen soll.

Das Vorhaben erhielt 2019 weiteren Schwung durch die Auszeichnung des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“, mit der eine Fördersumme von 3,3 Millionen Euro für den Aufbau eines „Reallabors Radbahn“ verbunden ist. Dort treiben Architekt Matthias Heskamp und die anderen Initiatoren der Idee das Projekt voran.

Aus der Fläche soll mehr als ein Radweg werden

Dass die Ausschreibung nun nicht mehr auf eine Radstrecke unter dem Viadukt beschränkt ist, begrüßt Heskamp. Es stärke ihr Konzept sogar noch. Denn für die Initiatoren habe hinter dem Projekt nie allein ein Radweg gestanden. „Hier geht es nicht um schnell sausende Radfahrer, die in Hektik von A nach B durch die Stadt wollen. Das waren wir noch nie.“

Im Fokus habe stets die Frage gestanden, wie aus der nur für Parkplätze genutzten Fläche ein „wertvoller Raum, wo sich alle begegnen sollen“, entstehen könne. Dass dafür künftig möglicherweise weitaus mehr Fläche zur Verfügung stehen könnte, freut Heskamp. „Das denkt das Konzept weiter.“

Wie genau dieses einmal aussehen werde, sei noch vollkommen offen. „Wir werden kein fertig gekochtes Projekt vorsetzen, dieser Abschnitt wird mit den Bürgern entwickelt“, sagt der Architekt. Ein echtes Reallabor eben.

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