Autoverdrängung

Protest gegen die neue Fußgängerzone am Lausitzer Platz

Umständlich, unsicher, unbequem, sagen Anwohner über die neue Fußgängerzone am Lausitzer Platz. Doch es gibt auch Befürworter.

Drei Minuten, die lebensentscheidend sein können: Anwohner Rolf-Peter Baacke an einem der neuen Poller.

Drei Minuten, die lebensentscheidend sein können: Anwohner Rolf-Peter Baacke an einem der neuen Poller.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Am Freitag ist eine Woche seit Eröffnung der Fußgängerzone am nördlichen Lausitzer Platz in Kreuzberg vergangen. Anwohner und Nutzer konnten sich seitdem an die neuen Gegebenheiten gewöhnen – oder auch nicht. Während die einen Sicherheit und Ruhe hervorheben, sind jene verärgert, die jetzt nicht mehr mit dem Auto bis vor ihre Haustür gelangen.

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hatte im August die Einrichtung von vier Fußgängerzonen rund um die Emmaus Kirche beschlossen. Die Vorlage war in den Ausschüssen der Bezirksverordnetenversammlung diskutiert und am 1. Oktober abgenickt worden. Seit Freitag vergangener Woche stehen zwischen Waldemar- und Eisenbahnstraße nun mehrere Pflanzenkübel mit Tannenbäumen und an den Zufahrten weiß-rote Poller. Wer am Mittwoch dort unterwegs war, bemerkte, wie im Minutentakt Autofahrer anrollten und verblüfft abbremsten, als sie merkten, dass die altvertraute Durchfahrt blockiert ist.

Monika Herrmann verteidigt die neue Zone

Die Rentnerinnen Eva (75) und Dorothea (76) sagen, es sei seitdem merklich stiller geworden am Platz. Vater Pedro Coelho (37) ist mit seinem Sohn zum Kinderspielplatz neben der Kirche gekommen. Auch er ist für die Zone. Dort sind nun etwa ein Dutzend Parkplätze weggefallen. „Daraus und aus der Fahrbahn wird jetzt Aufenthaltsfläche für die Leute auf dem Platz. Das finde ich richtig“, sagt er.

Das sieht Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) genauso. Erstens würden so Schulwege sicherer. Zweitens sorge die Umwandlung für „mehr Flächengerechtigkeit in der Innenstadt“, so Herrmann, die auch verantwortlich ist für das Straßen- und Grünflächenamt.

Die verbleibenden drei Straßen um die Kirche – die Skalitzer Straße bleibt unbetroffen – sollen mittelfristig ebenfalls Fußgängerzonen werden. Dort gilt „verkehrsberuhigte Zone“. Für Autos ist Schrittgeschwindigkeit vorgeschrieben. Nur hält sich kaum jemand daran. Jeweils an Sonn- und Feiertagen wird der Platz zu einer der im Mai gestarteten Spielstraßen des Bezirks. Weitere Fußgängerzonen hat das Bezirksamt an drei Standorten beschlossen: Waldeyerstraße, Danneckerstraße und Krautstraße.

Wie bekomme ich meinen Einkauf nach Hause?

Am Lausitzer Platz muss man nicht lange nach Gegnern suchen. Hans-Josef Brand (66) ist nicht einverstanden, dass für ihn als Autofahrer jetzt weitere Parkplätze weggefallen sind. „Hier war es davor schon schwer genug, etwas zu finden.“ Autor und Herausgeber Rolf-Peter Baacke (72) wohnt direkt am Platz. „Wenn ich in meinem Alter jetzt einen Einkauf zur Haustür bekommen will, kann ich nicht mehr vorfahren, sondern muss alles durch die Fußgängerzone tragen.“

Er sagt, sie sei zudem in Notfällen unsicher. Wegen der Poller. „Ein Gewerbetreibender, der den Schlüssel hat, um die Sperren für Lieferungen herauszuheben, brauchte vor einigen Tagen drei Minuten, um das zu bewerkstelligen – wenn jemand im Haus einen Herzinfarkt hat und der Rettungswagen nun drei Minuten zu spät kommt, ist das tödlich.“

Kritik an den Grünen

Auch sieht er im Gegensatz zum Bezirksamt nicht den Bedarf, der Öffentlichkeit mehr vom Platz zu geben. Der sei schon jetzt zur Genüge genutzt. „Wenn es warm ist, ist das hier Partyzone. Da kommen die Besucher der Markthalle Neun auf den Platz und feiern. Und am Ende ist die gesamte Grünanlage ein Riesenurinal.“ Der ehemalige Herausgeber von Kunstbüchern sagt, die im Bezirksamt dominierenden Grünen brächten mit solchen Beschlüssen ihre große Stammwählerschaft im Viertel gegen sich auf. „Die Quittung bekommen die Grünen bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr“, prognostiziert er.