East Side Gallery

Vom Symbol der Hoffnungslosigkeit zur Galerie der Träume

Vor 30 Jahren vollendeten Maler die Arbeiten auf der früheren Mauer. Die East Side Gallery ist trotz Corona ein Touristenmagnet.

Menschen laufen an der East Side Gallery

Menschen laufen an der East Side Gallery

Foto: imago stock / imago images/Emmanuele Contini

Berlin. Dieses rätselhafte, verwandelte Stück Mauer: An diesem Tag, Ende September, 30 Jahre nachdem es vom Instrument des Terrors und Teil der diabolischen DDR-Grenzmaschinerie zu einem Symbol für Befreiung, Freiheit und Aufbruch wurde, steht es inmitten infernalischen Verkehrslärms am Rand eines wachsenden Hochhaus-Umfeldes: Seit Jahrzehnten von Besuchern bewundert, abfotografiert, eingehend betrachtet wie ein Gemälde in der Kunsthalle. Die längste Open-Air-Ausstellung der Welt. Gemeinsam mit dem, was auf der gegenüberliegenden Straßenseite entsteht, ist am Spreeufer ein Quartier gewachsen, das den Wandel der Stadt abbildet wie wenige so belebte Orte Berlins.

East Side Gallery: Vor Corona kamen jährlich 4,1 Millionen Touristen

Sie drängen sich dieser Tage nicht. Aber sie sind trotz Pandemie noch dort. Die Touristen. 4,1 Millionen kamen vor Corona jährlich zum 1,3 Kilometer langen Fragment, heißt es bei der Stiftung Berliner Mauer. Zum Beispiel Marie-Luise Lücht und ihr Freund Arno Schiller, beide 21 Jahre alt, sie im dualen Studium bei einer Bank beschäftigt, er Student im heimischen Oldenburg. In den vier Tagen ihres Berlinbesuchs müssen es einige Stunden auch an der Gallery sein. Das Vermächtnis der 118 Künstler, die zwischen Januar und September 1990 die der Mühlenstraße zugewandte Seite der Hinterlandmauer bemalen durften: Marie-Luise Lücht findet es „toll“.

Vor einem dschungelartigen Farbrausch machen sie ein Selfie, vor Schnorchel tragenden Wesen – „Pneumohumaniden“ steht darunter – bleiben sie staunend stehen. „Schwer vorzustellen, wie es hier einmal aussah“, sagt Schiller und weist hinüber zu Bürotürmen und den alten Wohnhäusern dahinter. „Und wie das Gefühl derer war, die dort in Friedrichshain lebten und für die hier die Stadt endete.“ Seine Partnerin würde jetzt gern mehr wissen: Wie der Grenzstreifen aussah, wie die Umgebung. „Und Notizen der Künstler lesen, was ihre Bilder aussagen.“ Bei der Stiftung Berliner Mauer kennt man diese Wünsche der Besucher. Doch dazu später.

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Jetzt sagen Lücht und Schiller, dass sie so fern der Berliner Mauer leben, dass auch die Älteren im Verwandten- und Bekanntenkreis dort von keinen Erinnerungen daran erzählen können. „Kommende Generationen werden es immer schwerer haben, die deutsche Trennung, die geteilte Stadt zu verstehen“, sagt Arno Schiller. Erst Recht die Freundinnen aus Madrid, Blanca (30) und Estere (31) bestätigen das. Vor einem der berühmtesten Mauerbilder, dem „Trabi“ von Malerin Birgit Kinder, sagt Estere: „Man muss sich schon mit der Berlin beschäftigen, um das hier in die alte Stadtstruktur einordnen zu können.“

Zu DDR-Zeiten war die East Side Gallery Hinterlandmauer. Typ „Grenzmauer 75“. Dahinter lag an der Spree der Todesstreifen. Der 3,6 Meter hohe Wall sollte den Blick darauf versperren, denn die DDR chauffierte dort gern hochrangigen Besuch entlang.

Zehn Menschen kamen im Grenzbereich ums Leben

Mindestens zehn Menschen kamen im Grenzbereich ums Leben. Erschossen von Soldaten, an Erschöpfung oder Unterkühlung gestorben. Zwei junge Männer darunter hatten gar nicht beabsichtigt zu fliehen. Auf Kreuzberger Seite ertranken entlang des heutigen May-Ayim-Ufers weitere fünf Kinder, sagt Anna von Arnim-Rosenthal, bei der Stiftung Berliner Mauer Leiterin des Standorts East Side Gallery. West-Berliner Rettern war es verboten, in die Spree zu springen, DDR-Soldaten schauten tatenlos zu.

Der Gedanke einer East Side Gallery entstand gleich nach dem 9. November 1989. Mauerkunst hatte es bisher schon illegal auf West-Berliner Seite gegeben. Künstlern wie Dave Monty aus Schöneberg und Künstlerin Heike Stephan aus Prenzlauer Berg gelang es nun, den DDR-Bürokraten des Ministeriums für Nationale Verteidigung die Erlaubnis für einen internationalen Künstlerwall abzuringen. Deren Bedingung war der pure Zynismus: „Es sollten seriöse Kunstwerke sein – mit humanistischem Geist“, berichtet Anna von Arnim-Rosenthal.

Über Annoncen verständigt und von Freunden eingeladen, kamen nun aus aller Welt von Januar 1990 bis zur Eröffnung am 28. September die Künstler nach Berlin. Meter für Meter machten sie das Stück „Grenzmauer 75“ zu einem Freiheitssymbol. „Sie formulierten in ihren Bildern und Aufschriften, wie es ihnen in der Vergangenheit ergangen ist und wie sie die Zukunft sehen“, sagt von Arnim-Rosenthal. „Es war die Zeit, in der viele Mauersegmente verkauft wurden, in der es Versteigerungen gab, wo die Mauerspechte am Werk waren, wo es vielen darum ging, einen Teil der Mauer, die nun nicht mehr trennte, mit nach Hause zu nehmen.“ Und bei den Künstlern war es ganz ähnlich. „Auch ihnen ging es darum, die Mauer für sich zu erobern.“

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East Side Gallery: Plötzlich attraktiver Baugrund entlang der Spree

Doch es gab im Wende-Berlin auch scharfe Kritik. Vorwürfe wurden laut, die Künstler verharmlosten die Mauer, wenn sie sie ansehnlich machten. Andere wollten keine Bemalung und den Abriss des verhassten Walls gleich dazu. Stattdessen wuchs die Gallery in die neue (Kultur-)Landschaft. Rund um das gegenüberliegende Güterbahnhofsgelände entstanden Bars, Clubs. Investoren und Politik erklärten Berlin zur Boom-Town der Zukunft. Die Renaissance der Kult-, Kultur- und Party-Metropole von „Babylon Berlin“’schen Dimensionen allerdings begann in den abgewrackten Tanz- und Technohallen am Spreeufer und in Mitte.


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Mit dem Fall der Mauer war der Spreeraum zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke auf ehemals Ost-Berliner Seite plötzlich zum attraktiven Baugrund geworden: nahe dem Zentrum und gut angebunden. Grundstückseigentümer, Entwickler und Investoren fanden sich 2002 in der Interessengemeinschaft Mediaspree GmbH zusammen. Ihr stellte sich die Bürgerinitiative „Initiativkreis Mediaspree versenken!“ mit dem Bürgerentscheid „Spreeufer für alle!“ entgegen.

Gefühlter Mittelpunkt des in die Höhe wachsenden Quartiers ist 2020 der Mercedes-Benz-Platz gegenüber der East Side Gallery. US-Unternehmen Anschutz Entertainment Group (AEG) hatte seit der Jahrtausendwende in Berlin einen Standort für eine Multifunktionsarena gesucht, die 2008 mit der O2 World (ab 2015: Mercedes-Benz Arena) am Platz eröffnete. Seitdem ist dort ein neues Stadtviertel entstanden, dessen wesentliche Gebäude in den kommenden zwei bis drei Jahren errichtet und bezogen sein werden.

Viele Büros entstanden im Bereich zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße

Für Oliver Zimper ist der Bereich zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße in den vergangenen 30 Jahren im Bürosektor zu einer der drei Prime-Lagen der Stadt geworden – nach Kurfürstendamm und der Umgebung Gendarmenmarkt. Zimper ist Chief Investment Officer bei NAS Investment. Dem Unternehmen gehört im Quartier der elegante 20-stöckige „Spreeturm“ an der Straße Am Postbahnhof.

Zimper schwört auf den Standort. Trotz Corona konnte das Unternehmen bei der jüngsten Vertragsunterzeichnung im Juli die selbe Miete festsetzen wie im Januar. „Auch die Nachfrage ist ungebrochen“, sagt er. Nur bescheiden sich Unternehmen aus Unsicherheit über den zukünftigen Flächenbedarf mit weniger Büroraum. „Wer früher beispielsweise fünf Etagen mietete, fragt jetzt nur nach dreien“, so Zimper.

Auf dem Wohnungsmarkt steuere die Stadt unter dem Vorzeichen des Mietendeckels schweren Zeiten entgegen, sagt Zimper. Die Netto-Kaltmiete-Entwicklung im Bürobereich dagegen sei für die Branche sonnig. „Als ich 2008 zum ersten Mal in die O2 World ging, lagen die Preise für Büros in der Stadt bei rund 15 Euro netto, kalt. Ich schaute mich damals auf dieser Brache um und dachte: Meine Güte, was soll hier schon entstehen?“. Heute ist AEG-Unternehmer Philip Anschutz für Zimper „der Gründer des Quartiers“ und „ein Visionär“. Spitzenmieten indes, von denen auch der Spreeturm nicht weit entfernt sei, lägen im Viertel inzwischen bei 40 Euro, so Zimper.

Vor dem Spreeturm trifft man jetzt Mitarbeiter, die für eine Zigarettenpause hinaustreten. Einer von ihnen ist Sascha, 40 Jahre alt, grüner Marken-Kapuzenpullover, graue lange Haare, Dreitagebart. Er ist bei einem Online-Makler beschäftigt und sagt, er habe sich im klimafreundlich gestalteten Büro schon gut eingelebt. „Ein wenig schräg ist es aber doch“, sagt er schmunzelnd. „Ich habe die Gegend schon kultureller erlebt.“ Denn bevor die Hochhäuser kamen, sei er auf dem Areal clubben gegangen. Man tanzte im „Casino“ und in der „Maria am Ostbahnhof“. Das „Yaam“ immerhin sei noch da. „Aber es hat sich alles sehr verändert hier“, sagt Sascha.

Am frühen Nachmittag kann es schon still werden im Viertel. Wenn Tausende Büromitarbeiter im Homeoffice sind, leidet das Quartier. Auf der Baustelle der einst als „Max und Moritz“ bekannten Eigentumswohnungs-Türme des Projekts „Upside Berlin“ an Mariane-von-Rantzau-Straße und Mühlenstraße geht es erstaunlich leise zu. Ein Sicherheitsmann nahe der Baustellenausfahrt hat wenig Grund für erhöhte Aufmerksamkeit. Passanten oder Fahrzeuge sind hier jetzt nicht unterwegs.

Wohnungen beginnen im 86 Meter hohen „Max“ laut Webseite bei 63 Quadratmetern und 639.000 Euro. Wie für das benachbarte Luxusapartment-Projekt „Pure“ an der Mühlenstraße ist Exklusiv-Vermarkter die Ziegert Bank- und Immobilienconsulting GmbH. Wirbt sie für die Objekte, bleibt die Nähe zur East Side Gallery nicht unerwähnt. Geschäftsführer Sven Henkes sagt, das Viertel böte einen „Spannungsbogen zwischen dem historisch Gewachsenen und dem Modernen.“ Gefragt, ob so ein modernes Areal ins Umfeld hineinwächst, sagt Henkes: „Es wird sicherlich seine Einzigartigkeit bewahren. Aber ja, es wird sich organisch einbetten, das hat man bei Potsdamer Platz und Gleisdreieckpark erlebt.“ Fünf Jahre müsse man dafür schon rechnen. „Aber: Die Berliner haben sich an die vielen Veränderungen gewöhnt“, so Henkes. „Veränderung ist das neue normal.“

Mercedes Benz-Arena: „Eine der erfolgreichsten Hallen der Welt“

Moritz Hillebrand, Unternehmenssprecher der Anschutz Entertainment Group sagt, die Entscheidung, sich in Friedrichshain anzusiedeln, sei „eine Erfolgsgeschichte“. Die Mercedes-Benz Arena sei eine der erfolgreichsten Hallen der Welt. „Wenn jedoch auf einmal wegen Corona 8000 Büromitarbeiter des Quartiers im Homeoffice sind und keine 14.000 Gäste mehr zum Konzert kommen: Das macht sich bemerkbar.“ Nach der Öffnung der Restaurants seien die Besucher zurückgekehrt, auf die Terrassen, auf den Platz. Auch die Touristen von der East Side Gallery. Große Künstler dagegen würden erst wieder auf Tour und in die Arena kommen, wenn es gesundheitlich sicher ist und sie wieder Hallen füllen dürfen. „Denn mit Abstand rechnet es sich für sie nicht“, so Hillebrand.

An der Warschauer Straße wird indes Hochhausprojekt „Edge East Side Berlin“ sichtbar. Die Baugrube ist da, ab 2021 geht es in die Höhe, sagt Martin Rodeck, Geschäftsführer von Projektentwickler Edge Technologies Deutschland. Weil 28 der 35 Etagen an Online-Kaufhaus Amazon gehen, wurde das Projekt 2019 zum neuesten Inbegriff für Verdrängung und wirtschaftsbestimmten Wandel im Kiez. Florian Schmidt (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, versuchte im Herbst 2019 das Projekt zu verhindern, drängte die damalige Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke), vom Eigentümer einen neuen Wettbewerb zu verlangen. Sein Versuch scheiterte. Wo die East Side Gallery nur zwei Minuten entfernt beginnt, will Rodeck nun Künstler an seinen Tower lassen. Der Sockel des Hochhauses, für das ein Investitionsvolumen von 400 Millionen Euro genannt wurde, soll ebenso wie die Plattform zur East Side Mall nebenan von lokalen Kreativen gestaltet werden. „Wir loben einen Wettbewerb aus“, sagt Rodeck.

David Hasselhoff protestierte gegen entfernte Mauerteile

Die East Side Gallery selbst dagegen hat häufig unter dem Expansionswillen von Investoren der Mediaspree gelitten. „Es gab in den 90er-Jahren schon Überlegungen, die Gallery umzusetzen“, sagt Stiftungsmitarbeiterin Anna von Arnim-Rosenthal. „Sie sollte an der Mühlenstraße abgetragen und möglichst weit draußen wieder aufgestellt werden. Man hat sich aber schnell darauf geeinigt, dass sie bleiben soll, wo sie ist.“

Gegen Proteste und trotz des seit 1991 geltenden Denkmalschutzes waren dann 2006 für die O2 World Mauersegmente versetzt worden. Im Zuge der Errichtung von Luxuswohnungs-Projekt „Living Levels“ an der Mühlenstraße kam es 2013 zu Massenprotesten, weil dafür Mauerstücke aus der East Side Gallery gehoben wurden. 70.000 Unterschriften sammelten die Gegner. Sogar Serien-Schauspieler David Hasselhoff schaltete sich ein. Am 17. März 2013 sang der „Baywatch“-Star, wie schon 1989 an der Berliner Mauer, an der East Side Gallery: „Looking for Freedom“.

Für ihre derzeitige Baustelle des Hotel-Apartmentbaus „Pier 61/63“ ließen sich Unternehmen Trockland und Althafen auf eine vorübergehende rund 90 Meter lange Umtunnelung der East Side Gallery ein. Der 19 Meter hohe Bau verläuft zwischen Mauer und Ufer. Für das zukünftige Hotelportal wurden vier Mauerteile entfernt und umgesetzt.

Derlei endete 2018. Am 1. November übertrug das Land die Gallery der Stiftung Berliner Mauer. „Mit dieser Übertragung an uns wurde beschlossen, dass es keine weiteren Baumaßnahmen und keine Entnahmen mehr geben darf“, sagt Anna von Arnim-Rosenthal. Bund und Land tragen die Stiftung. Für den baulichen Unterhalt, die Pflege des Areals und der Grünflächen sowie für historisch-politische Bildungsarbeit stellt Berlin jährlich zusätzlich 250.000 Euro zur Verfügung. Am kommenden Sonntag begeht die Stiftung den 30. Jahrestag der Gallery mit einem Online-Zeitzeugenpodium und der Preisverleihung eines Jubiläumswettbewerbs.

Auftrag ist es nun, Antworten für Menschen zu liefern, die wie die jungen Oldenburger Arno und Marie-Luise auf ihrem Berlinbesuch von beiden Historien der Gallery erfahren wollen: Über die DDR-Grenzanlage und die Zeit danach, als die Mauer bunt wurde. „Wir planen eine Open-Air-Ausstellung, die wir für das Areal entwickeln und die Ende 2022 eröffnet wird“, sagt Anna von Arnim-Rosenthal. Dazu gibt es einen Katalog und eine digitale Anwendung. Auf dem Grünstreifen an der Spree stehen seit Anfang 2020 ein Informationsmobil und wochenends Stadtführer. Eine der häufigsten Fragen: Wo eigentlich war früher Osten. Und wo begann der Westen?