Beschwerde

Illegales Zeltlager in Kreuzberg - Spielplatz verwahrlost

Seit sechs Wochen drängt ein Kreuzberger das Bezirksamt, ein illegales Zeltlager abzuräumen - vergeblich. Ein Spielplatz verwahrlost.

Das Zeltlager nutzt teils Steine, über die eigentlich die Kinder vom Spielplatz herumklettern würden. Nur spielen Kinder hier schon seit Wochen nicht mehr.

Das Zeltlager nutzt teils Steine, über die eigentlich die Kinder vom Spielplatz herumklettern würden. Nur spielen Kinder hier schon seit Wochen nicht mehr.

Foto: Patrick Goldstein

Im Verkehrsgarten am Ende des Grünstreifens Erkelenzdamm steht ein Polizist und erklärt Achtjährigen, wie sie heil durch die Stadt kommen. Dass sie ein paar Schritte weiter unter der ersten Parkbank eine Nadel finden würden und auf den Wiesen Kanülen und Verpackungsmaterial von Injektionszubehör Süchtiger, gehört an diesem Morgen nicht zum Programm der Grundschüler. Derlei müssen in dieser Nachbarschaft Eltern immer wieder ihren Kindern einschärfen.

Anwohner Simone Porrovecchio drängt das Bezirksamt seit sechs Wochen, das Zeltlager mehrerer Männer, das Teile des Spielplatzes nutzt, abzuräumen. „Warum haben diese Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg Vorrang vor Kindern?“, fragt er.

Das Zeltlager bedeckt mehrere Quadratmeter. Unter einer blauen Plane befinden sich ein Sofa, ein Sessel. „Häufig kommt die Polizei, weil dort gegrillt wird“, sagt Porrovecchio. Ein Passant mit kleiner Schnapsflasche in der Hand traut sich, das Vordach zu heben. Da stehen wild durcheinander Billigbier, eine Cremetube, Aschenbecher, ein Kerzenständer. Auf dem Lager liegt nach hinten gesackt ein regloser Mann, die Coronamaske unterm Kinn.

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Berlin-Kreuzberg: „Der Stadtteil ist völlig außer Kontrolle“

Zuvor war die blonde Veronica herausgekommen. Ihre Lider sind schwer, ihr fehlen viele Zähne. Sie sei seit vier Jahren in Deutschland, nehme Drogensubstitute, schlafe im Heim und habe keine staatliche Versorgung, sagt sie. An der Seite eines weiteren Mannes aus dem Zeltlager, der sich eben mit freiem tätowierten Oberkörper vor dem Zelt aufgebaut hatte, läuft Veronica fort.

Simone Porrovecchio, Korrespondent und Übersetzer, betrachtet das Zelt von einer zur Hälfte mit Bier übergossenen Bank aus, es riecht, die leere Flasche liegt daneben. Er sagt: „In Kreuzberg gibt es immer mehr Rückzugsorte für Süchtige und Obdachlose. Von der Ritterstraße bis zu Böcklerpark und Marheinekeplatz.“ Der Stadtteil sei völlig außer Kontrolle, die offensichtliche Hilflosigkeit des Ordnungsamts „erbärmlich“. „Man spürt nirgendwo, dass die Bezirksbürgermeisterin gegensteuert“, sagt der 43-Jährige Römer, der seit 2006 in der Stadt lebt.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann räumt Verwahrlosung ein

Immerhin hat sie, die Grüne Monika Herrmann, vor zwei Wochen selbst die zunehmende Verwahrlosung im Bezirk eingeräumt. Nach einem ersten Treffen mit Behördenleitern, Vertretern von Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) und Polizei sollen nun Gegenmaßnahmen folgen – vornehmlich durch Unterstützung, die von außen kommen soll. So forderte sie etwa mehr Polizeipräsenz und Reinigung durch die BSR.

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Zwei Monate habe es gedauert, bis jüngst ein Zeltlager unter der Hochbahn am Kottbusser Tor abgebaut wurde, erinnert Porrovecchio. „Parallel zum Drogenverkauf am Platz und einer Corona-Epidemie auf dem Höhepunkt.“ Porrovecchio legte sich mit dem Ordnungsamt und der Verantwortlichen für Suchthilfekoordination an, setzte Monika Herrmann bei Wutmails ins CC.

Weniger Angebote wegen Corona

Bezirksamtsprecherin Sara Lühmann betont, dass es Mitte August eine Räumung des Zeltlagers gegeben habe. Dem seien wie üblich zwei Vor-Ort-Termine von Sozialarbeitern vorausgegangen. Dabei werden Betroffene auf die bevorstehende Räumung hingewiesen und Hilfsangebote gemacht. Dass Obdachlose danach zurückkehren, sei leider nicht überraschend, so die Sprecherin.

Das zeigt sich auch auf dem Kreuzberger Marheinekeplatz. Obwohl die Polizei dort regelmäßig Campierende auffordert, ihre Behausungen abzubauen, konnten Passanten in dieser Woche wieder sehen, dass die Fahrradbügel dort als Stützen einer improvisierten Behausung dienten, in der auch tagsüber geschlafen wird.

Kein blitzsauberes Kreuzberg

In einer Schriftlichen Anfrage der Grünen-Bezirksverordneten Claudia Schulte zu Ursachen und Gegenstrategien antwortete am Dienstag Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke). Er erklärte, ein Grund für die Zunahme der Beeinträchtigung sei die Einschränkung der Obdachlosen- und Drogenhilfe während der Corona-Pandemie. Das betreffe etwa Kontaktstellen und Drogenkonsumräume.

Am Erkelenzdamm sagt Anwohner Porrovecchio, er wolle gewiss kein blitzsauberes Kreuzberg. Der Hausschuhe tragende Mann auf der Nachbarbank etwa, der gerade seinen vormittäglichen Joint genießt, störe ihn nicht. Aber, sagt der Journalist, dieser Mix aus Verwahrlosung und behördlicher Zurückhaltung zerreiße den Bezirk. Auf dem Spielplatz etwa lasse sich längst kein Kind mehr blicken. Schüler gingen nicht in der Mitte zum Verkehrsgarten, sondern in weitem Bogen außen herum.

Es sei eine „riesige Ungerechtigkeit“, die die Menschen dort täglich hinnehmen müssten. „Man hat hier nicht Geld für Urlaub oder Muße für die Fahrt ins Grüne“, sagt er. „Hier haben die Nachbarn, Erwachsene wie Kinder, nur das, was vor ihrer Tür ist.“ Es scheine, sagt Porrovecchio, als interessiere sich der Bezirk nicht für die Anwohner. Das sähen immer mehr so im Kiez.