Verwahrlosung

Marheinekeplatz wird von Süchtigen und Obdachlosen dominiert

Der Marheinekeplatz in Berlin-Kreuzberg ist einer ungebremsten Verwahrlosung überlassen. Anwohner werfen der Politik Untätigkeit vor.

Für manchen ist der Platz zum Lebensmittelpunkt geworden.

Für manchen ist der Platz zum Lebensmittelpunkt geworden.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Die Anwohner ertragen es nicht mehr. Der halbe Marheinekeplatz ist der ungebremsten Verwahrlosung überlassen. Fäkalien vor Geschäften und in Hauseingängen, eine wachsende Drogenszene, campierende Obdachlose, Trinker und Süchtige dominieren einen Mitte des vergangenen Jahrzehnts aufwendig und mit viel Bürgerbeteiligung geschaffenen Ort am Rand der Bergmannstraße. Mit einem Hilferuf wendet sich die lokale Bürgerinitiative jetzt an die Bezirksverordnetenversammlung.

Marheinekeplatz: Spritzen auf den Stufen des nahen Leibniz-Gymnasiums

„Die Situation am Marheinekeplatz ist für uns nicht mehr hinnehmbar“, schreiben die Autoren in der Beschwerde, die der Berliner Morgenpost vorliegt. Mit der Eröffnung einer Arztpraxis und Methadon-Ausgabestelle vor einigen Jahren in der angrenzenden Heimstraße habe sich die Lage verschlimmert. Drogen, Lärm und Müll hätten drastisch zugenommen. Auf den Stufen des nahen Leibniz-Gymnasiums sowie auf dem Spielplatz hinter der Markthalle wurden Spritzen gefunden, sagt Silvia Liebenau von der Bürgerinitiative Marheinekeplatz.

Auch Gastronomen sind wütend. Auf der Restaurantterrasse neben der Passionskirche etwa wird nachts geschlafen. Kellner müssen morgens erstmal den Boden abspritzen. „Als es im Sommer heiß war, konnte man es vor den Lokalen vor Gestank kaum aushalten“, sagt Liebenau.

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Obdachloser baute Zelt vor Seitentür der Passionskirche auf

Bis vor kurzem hatte ein Obdachloser ein festes Zelt vor einer Seitentür der Passionskirche aufgebaut. Deren Hausmeister Bernhard Niefländer erzählt, dass er ihn vor wenigen Tagen fortschickte, weil die Tür bei Konzerten auch Notausgang ist. Seitdem hänge der Obdachlose die Plane gegenüber auf dem Platz als Unterschlupf über die Fahrradbügel.

Der Mann selbst, der 50-jährige Kai, sagt, er lebe seit drei Jahren auf der Straße. Hausmeister Niefländer sieht ihn seit anderthalb Jahren auf dem Platz. Ein anderer Mann, der 57 Jahre alte Martin sagt, obdachlos sei er nicht. Der Platz gehöre aber nun mal zu seinem Alltag: „Ich bekomme in der Praxis meine Substitution. Danach treffe ich hier Freunde und trinke mein Bier.“

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Trinkende und Süchtige sitzen auf den Bänken

An einem üblichen Wochentag sitzen besonders morgens vor dem Gang zum Arzt mehrere Dutzend Trinkende und Süchtige auf den Bänken. In der Nähe steht ein Einkaufswagen voll schmutziger Habseligkeiten, es liegen Stapel von Schlafsäcken herum. Ein Mann lässt einen anderen, der bereits um zehn Uhr schwer wankt, von einer Pfeife ziehen, wie sie sowohl für den Konsum von Cannabis wie Crack genutzt wird.

Die Leute dort benehmen sich, als sei es ihr Platz, sagt Niefländer. Nachts höre er in seiner Wohnung um die Ecke ihre Musik, ihren Lärm, wie sie streiten, es gebe Schlägereien. „Anwohner wechseln hier die Straßenseite. Ich wundere mich, dass überhaupt noch Familien auf den Platz kommen“, sagt er.

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Pfarrer hat Angst, dass Platz vor Passionskirche zum Drogenhotspot wird

Pfarrer Peter Storck von der Heilig Kreuz Gemeinde Kreuzberg sagt, er habe die Sorge, dass der Platz vor der Passionskirche zum Drogenhotspot wird. Er duldet, dass Obdachlose nachts in den geschützten Eingänge der Kirche schlafen. Morgens werden sie von seinen Mitarbeitern geweckt und bewegt, zu gehen. Es gibt für sie Duschen in einer Einrichtung an der Gitschiner Straße, sie können WCs der Kirche nutzen - in denen allerdings ebenfalls Spitzen gefunden wurden.

Die Gemeinde wende sich gegen Vertreibung, sagt der Pfarrer. Auch die Leute vom Marheinekeplatz hätten das Recht, sich dort aufzuhalten. Aber: „Unter Einhaltung von Spielregeln.“ Er will die Betroffenen in die Pflicht nehmen. Offener Drogenkonsum und Vermüllung sollen zukünftig nicht geduldet werden. Parallel müsse es eine regelmäßige Reinigung des Platzes und die bessere Abstimmung der beteiligten Sozialprojekten geben.

Ist der tot, oder schläft der?“

Ümit Bayam vom Stadtteilausschuss Kreuzberg zufolge sei dabei das Problem, dass viele Obdachlose in Berlin Hilfe und Eingliederung ablehnen. „Wir haben Leute, bei denen aufsuchende Sozialarbeit nichts erreicht.“ Für die Menschen vom Marheinekeplatz sei das eben ihr soziokultureller Raum, ihr „Wohnzimmer“, so Bayam. Und er betont wie Pfarrer Storck, dass die Betroffenen ein Anrecht auf Verbleib hätten. Jedoch bei klarer Ansage: „Kein nächtliches Campen, kein Lärm, kein Drogenkonsum, kein Zumüllen.“ Manchmal lägen auf den Wiesen Menschen, „da fragt man sich, ist der tot, oder schläft der?“, so Bayam.

Bayam kritisiert, dass die offiziellen Stellen, nicht abgestimmt handeln. „Betroffen sind etwa Grünflächenamt, Ordnungsamt und Polizei. Dazu Einrichtungen für Sozialarbeit. Aber: All das läuft nirgendwo zusammen.“ Sein Vorschlag: „Ein Platzmanager, der das koordiniert.“

Strategien des Bezirksamts gefordert

Im August hatte Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) zu einer großen Runde mit mehr als 22 beteiligten Stellen eingeladen. Am Ende fehlten Bayam „strukturelle Vereinbarungen.“ Er habe „kurz- oder mittelfristig keinen Plan herausgehört“. In der Problematik müsse das Bezirksamt „mit mehr kommen“, sagt er. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann hatte Anfang der Woche Vermüllung, Drogen und Verwahrlosung in Friedrichshain-Kreuzberg gegeißelt. Die Kernlösungen müsse allerdings der Senat auf den Weg bringen.

Silvia Liebenau und die lokale Bürgerinitiave mahnen nun in ihrem Schreiben an die Bezirksverordneten, dass ein Gesamtkonzept für den Umgang mit den Leuten vom Marheinekeplatz her müsse. Schwerpunkt: soziale Betreuung. Man fordert „Politiker und Verantwortliche im Bezirksamt auf, uns endlich praktisch zu unterstützen“. Ein erster Schritt könnte die Einrichtung eines mobilen Druckraums im Viertel sein. „Doch da hieß es in der Stadtratsrunde gleich: Das ist Senatssache“, sagt Liebenau. In Pfarrer Storcks Passionskirche ist für die kommenden Wochen ein Bürgertreffen vorgesehen.