Corona in Berlin

Die Pop-up-Flächen für die Gastronomie verzögern sich

Friedrichshain-Kreuzberg verschiebt den Start der Sonderregelung. Die Sicherheitsvorkehrungen für Gäste sind kompliziert.

Guisi Lauria vom „Marameo“ am Chamissoplatz. Statt sechs nur drei Tische vor dem Lokal.

Guisi Lauria vom „Marameo“ am Chamissoplatz. Statt sechs nur drei Tische vor dem Lokal.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Die Geldsorgen drängen, die Wirte im Bezirk werden ungeduldig. Doch weil die Bearbeitung der Antragsflut länger dauert als erwartet, verzögert sich das Pilotprojekt von Friedrichshain-Kreuzberg. Restaurants und Cafés sollen die Möglichkeit erhalten, die Parkplatzfläche vor ihren Wirtschaften als temporäre Terrassen zu nutzen. Wer daran teilnehmen möchte, muss allerdings für die Sicherheit seiner Gäste sorgen, die nun unmittelbar an den Fahrbahnen sitzen werden. Statt wie geplant an diesem Wochenende, wird sich der Start um voraussichtlich eine Woche verschieben, sagte Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes.

Laut Bezirksamtssprecher Dominik Krejsa werden die Anträge in den kommenden Tagen erteilt und den Bewerbern zugesendet. Sobald ein Lokal eine Genehmigung des Straßen- und Grünflächenamtes (SGA) hat, kann es Vorbereitungen treffen, um seine Pop-up-Terrasse zu nutzen.

Zwei Monate lang keine Einnahmen

In der zumeist verzweifelten Situation Berliner Gastronomen angesichts Ausfällen durch die Corona-Pandemie, hat das Angebot des Bezirks bei vielen Hoffnung auf Linderung der Finanznot ausgelöst. Die Geschäftsführerin des Cafés „Atlantic“ an der Kreuzberger Bergmannstraße, Jutta Albrecht, sagte, auch sie habe ihren Antrag auf zusätzliche Fläche ans Amt geschickt. „Das ist in der jetzigen Lage für uns supernotwendig. Wir hatten immerhin zwei Monate lang keine Einnahmen.“

Und von einer schnellen Rückkehr zu alten Umsätzen könne nicht die Rede sein. „Wir haben im Lokal wegen der Abstandregelung nur die halbe Sitzplatzmenge.“ Gäste seien zudem zögerlich, Innenräume zu nutzen. „Und wenn es regnet, haben wir auch nichts von zusätzlichem Terrassenplatz.“ Selbst wenn sie eine Pop-up-Fläche auf den Parkplätzen eröffnet, könne dies die bisherigen Verluste „nur zum Teil kompensieren“, so die Geschäftsführerin. Immerhin 300 Unternehmer, mehrheitlich aus der Gastronomie, aber auch auch Geschäfte und soziale Projekte haben Sonderfläche beantragt.

„Das wird Autofahrer ärgern“

Antonio Lauria und seine Schwester Giusi vom italienischen Feinkost-Lokal und -Geschäft „Marameo“ haben ihre Bewerbung ebenfalls geschickt. Statt sechs können sie derzeit nur drei Tische auf den Bürgersteig stellen. Am liebsten wäre es Antonio Lauria allerdings, wenn er Bürgersteigfläche auf dem Chamissoplatz bestuhlen könnte, der dem Lokal gegenüberliegt. „So müsste man nicht die Fläche von Parkplätzen nutzen, was sicherlich Autofahrer ärgern wird.“

Wie die meisten Gastronomen hatten die Laurias vom Angebot des Bezirks durch andere Wirte erfahren. Die Bewerbung im Mai lief online. Infrage kommen dabei nicht alle Straßen und Restaurants. Denn es gibt eine Vielzahl von Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bis ein Lokal Aussicht auf Genehmigung hat. So gibt es für Restaurants, vor denen sich Ausfahrten, Lieferzonen oder Parkplätze für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen befinden, keine Aussicht auf zusätzliche Fläche. Auch sind Bewerber aus sogenannten übergeordneten Straßen ausgenommen. Über sie bestimmt nicht der Bezirk, sondern das Land. Auf dem Bürgersteig müssen zwei Meter für Fußgänger bleiben.

Zechen neben vorbeirasenden Autos

Dort, wo Parkfläche umgenutzt wird – von Freitag bis Sonnabend zwischen 11 und 22 Uhr – müssen Gastronomen nun dafür sorgen, dass Gäste sicher sitzen. Denn nebenan am Fahrbahnrand fahren die Autos vorbei – im für Innenstadtbezirke typischen, meist zu hohen Tempo. Zur Genehmigung erhalten Gastronomen daher eine verbindliche verkehrsrechtliche Anordnung. Danach müssen sie mindestens zwei der weiß-roten Leitbaken, mindestens drei breite Absperrschranken und zwei Halteverbotsschilder mit Angabe des Zeitraums an der bisherigen Parkfläche aufstellen. Dazu bekommen sie als PDF eine abgemessene Darstellung mit genauen Standorten der Verkehrszeichen. Die Kosten für Anmietung und Lieferung tragen die Wirte selbst.

Ob sie die Vorschriften präzise befolgen, die für sie Neuland darstellen, ist fraglich. Laut Bezirksamt wird das SGA in Stichproben prüfen, ob sich die Lokalbetreiber daran halten. Auch Ordnungsamt und Polizei seien über die neuen Regelungen informiert. Seitens der Polizei gab es nach Anfrage keine Stellungnahme zu den erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen.

Zunehmende Vermüllung

SGA-Chef Weisbrich wird eine weitere Verpflichtung der Wirte in die Genehmigungen schreiben. Wer jetzt das Okay vom Bezirk bekommt, muss sich bereit erklären, für Material wie Pizzakartons und To-Go-Becher ein Pfandsystem einzuführen. „Während Corona beobachten wir eine zunehmende Vermüllung“, sagt Weisbrich. Mit der Verpflichtung unternehme das Bezirksamt eine Gegenmaßnahme. Einen Termin allerdings, ab wann Wirte das Pfandsystem umsetzen müssen, gebe es nicht. Die Verpflichtung im Gegenzug für die Terrassengenehmigung sei als Basis für eine zukünftige Regelung zu verstehen.

„Atlantic“-Geschäftsführerin Albrecht hat sich mit dem Pfandsystem noch nicht beschäftigt. Tatsächlich biete das Lokal derzeit To-Go-Becher an. Wichtig ist für sie jetzt, überhaupt Zusatzfläche zu erhalten. Zur Auflage, eine Rückgaberegelung einzuführen, sagte sie: „Das hört sich nach Mehraufwand an.“ Antonio Lauria indes ist bereit, sich auf alle Auflagen einzulassen. Wo man Verkehrsschilder mieten kann und wie Lieferungen und Aufstellen ablaufen, werde er bei den Markthändlern vom Chamissoplatz erfragen.

Die Vielzahl neuer Pop-up-Terrassen bedeutet auch für Anwohner eine Umstellung. Christina Gottwald aus der Kreuzberger Adalbertstraße sagte, dass es für sie als Fußgängerin schon jetzt schwer ist, auf dem Bürgersteig vor ihrem Haus voranzukommen. „Man kann ja schlecht auf der Straße laufen. Mir ist das sehr recht, wenn man als Fußgänger in der Zukunft mehr Platz auf dem Gehweg hat.“ Die Verlagerung der Terrassen auf Parkplätze werde dazu beitragen, sagte Gottwald.

Allerdings gibt sie zu bedenken, dass dies an den fraglichen Tagen für Autofahrer eine zusätzliche Belastung darstellen wird. „Hier ist schon jetzt so wenig Parkraum, dass man oft zehnmal um den Block fährt, um etwas zu finden.“