1. Mai in Coronakrise

Kreuzberg trauert seinem Kiezfest nach

Wegen der Corona-Regeln läuft der 1. Mai in Kreuzberg bislang ganz anders ab als sonst. Ein Ortsbesuch.

Ein Mann mit rotem Anzug und rotem Hut steht mit Mundschutz am Oranienplatz.

Ein Mann mit rotem Anzug und rotem Hut steht mit Mundschutz am Oranienplatz.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Zehntausende drängten sich voran, von den Bühnen rund um die Kreuzberger Oranienstraße schallte die Musik der Bands und Rapper. Und über allem wehten wohlriechende Wolken von den Grills Dutzender Imbissanbieter. Das war 2019. Eine schöne Erinnerung. Am 1. Mai 2020 dagegen fielen die beiden Bürgerpartys zwischen Oranienplatz und Görlitzer Bahnhof aus. Wen man unterwegs auch fragte: Glücklich war im Kiez darüber niemand.

„Wissen Sie, wo es hier zu Kundgebungen geht?“, fragt Weddinger Edgar Eisenkrätzer im Vorbeilaufen. Der 61-Jährige ist mit Ehefrau nach Kreuzberg gekommen, um nachzusehen, ob irgendetwas passiert. Doch wo nur maximal 20 Menschen für Kundgebungen zugelassen sind, übersieht man den zivilen Widerstand leicht mal.

An den neuralgischen Orten im Kiez stehen Polizeiwagen

Kreuzberg macht einen verkaterten Eindruck. Die Straßen sind sonntäglich gefüllt, die üblichen Exzentriker sind unterwegs, etwa ein Barfüßiger in roter Schlafanzughose, der auf der Adalbertstraße zum Kottbusser Tor schlendert. Dort und an den anderen neuralgischen Orten im Kiez stehen Polizeiwagen. Es fühlt sich an, als seien ebensoviele Beamte wie Anwohner auf den Straßen.

Am Oranienplatz startete 2019 die alljährliche zentrale Demonstration. Die Polizei meldete Teilnehmer, die sich von Beginn an vermummten, Feuerwerkskörper abbrannten, Beamte attackierten und Flaschen warfen. Am 1. Mai diesen Jahres trifft man dort die Junge Gruppe der Gewerkschaft der Polizei an, die die in vier Wagen postierten Kollegen mit Latte macchiato, Brause und Bananen versorgt. „Als Zeichen unserer Anerkennung“, sagt einer der Gewerkschafter.

Statt Partysound und Aggression klingt vom Oranienplatz nur das „Girl from Ipanema“ herüber. Julio Neira, 49, sitzt auf der Bank und übt im Freien Gitarre, um daheim nicht die Nachbarn zu stören. „Ich bedaure, dass Myfest und Mariannenplatzfest ausfallen“, sagt er. „Ich treffe mich später mit Freunden, aber so recht weiß man nicht, was man überhaupt unternehmen kann.“ Dass Corona verhindere, dass die Menschen an diesem Tag nicht demonstrieren können, sei „eine ganz üble Nummer“.

„Es wird ein ganz anderer Maifeiertag als in den letzten 20 Jahren“, hatte der stellvertretende Bezirksbürgermeister Knut Mildner-Spindler (Linke) im Vorfeld gesagt. Er rechnete nicht mit größeren Konflikten: Sein Vertrauen galt der Polizei. Als es etwa in den vergangenen Tagen darum gegangen sei, große Menschenansammlungen an Urbanhafen und Landwehrkanal aufzulösen, hätten die Beamten vom zuständigen Abschnitt vorbildlich gehandelt. „So werden sie am 1. Mai auch vorgehen“, sagte Mildner-Spindler.

Süffisant fügte er an, dass 2020 ein „1. Mai-Tourismus“ entfalle. War es potenziellen Krawallmachern in den Vorjahren stets möglich, zum Arbeiterfeiertag nach Berlin zu reisen, sind die Deutschen jetzt wegen Corona aufgefordert, auf Reisen zu verzichten.

„Ballermann-Atmosphäre“ in der Kritik

2019 war das Myfest heruntergefahren worden. Das Bezirksamt hatte 5000 Haushalte befragt, welche Änderungen man wünsche. Um den üblichen Marsch über zertretene Scherben und das, was viele „Ballermann-Atmosphäre“ nannten, zu beenden, wurde die Party gedimmt: Aus Rücksicht auf Anwohner endete das Bühnenprogramm um 21 Uhr, ab 20 Uhr war geringere Lautstärke angeordnet.

Ein typischer Moment war 2019, als sich vor der Bühne am Mariannenplatz Menschen unterschiedlicher Nationalitäten spontan an den Händen fassten, um zur orientalischen Folklore zu tanzen. Am Freitagnachmittag saßen dort nun kaum zehn Menschen auf den Bänken, mit Kaffeebecher, Zigarette und Sicherheitsabstand.

Das Fest dort meldet stets Die Linke Friedrichshain-Kreuzberg an. Es sei fester Bestandteil der Kreuzberger 1. Mai-Kultur, mit etwa 70 Marktständen von Initiativen und Vereinen, die zum größten Teil aus dem Bezirk kämen, so Daniel Wittmer, im Bezirksverband Hauptverantwortlich für Kiezfeier. „Umso trauriger ist, dass sie in diesem Jahr ausfallen muss.“ Man hätte sich dem Mietendeckel, dem 75. Jahrestag des Kriegsendes und dem Kampf gegen schlechte Arbeitsbedingungen vorgenommen. „Unseren Besuchern und Besucherinnen wird in diesem Jahr sicherlich einfach ein toller Tag im Jahr fehlen“, sagt Wittmer.

Jetzt muss man auf dem Mariannenplatz genau hinschauen, um zu erkennen, dass Anika (34), Sven (35) und ihre Tochter frisch von einer Demonstration kommen. Auf dem Platz zählten sie eben zu jenen 20, die für die Einhaltung von Menschen- und demokratischen Rechten in Zeiten der Corona-Einschränkungen protestierten. Ihr Plakat im A4-Format hat Anika wieder unter den Arm geklemmt. „Wir hätten an diesem Tag gern mehr Menschen auf der Straße gesehen“, sagt sie. Aber wenn Corona vorbei ist, da ist sie ganz sicher, dann kehren auch die Feste und Demonstrationen nach Kreuzberg zurück.